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Tschernobyl, 30 Jahre später
International 38 2 3 Min. 26.04.2016 Aus unserem online-Archiv
Was vom GAU übrig ist

Tschernobyl, 30 Jahre später

"Sehenswürdigkeit": Das Riesenrad von Prypjat sollte am 1. Mai 1986 in Betrieb genommen werden ...
Was vom GAU übrig ist

Tschernobyl, 30 Jahre später

"Sehenswürdigkeit": Das Riesenrad von Prypjat sollte am 1. Mai 1986 in Betrieb genommen werden ...
AFP
International 38 2 3 Min. 26.04.2016 Aus unserem online-Archiv
Was vom GAU übrig ist

Tschernobyl, 30 Jahre später

Marc SCHLAMMES
Marc SCHLAMMES
Es geschah am 26. April 1986: Der "größte anzunehmende Unfall" im Kernkraftwerk vom Tschernobyl in der damaligen Sowjetrepublik Ukraine. 30 Jahre später begibt sich André Houllard auf Spurensuche in einer verlassenen Gegend ...

Von André Houllard

Am 26. April 1986 gegen 01.20 morgens, geschah das Unfassbare: eine atomare Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes, verursacht durch eine unglückliche Verkettung von Pannen, Unwissenheit, und Missachtung von Sicherheitsvorschriften. Tschernobyl, ein Name der bis zu jenem 26. April 1986 fast niemandem ein Begriff war, ist eine kleine Stadt in der heutigen Ukraine, etwa 150 Kilometer nördlich von Kiew am Prypjat-Fluss gelegen. Stolz der friedlichen nuklearen Nutzung der Sowjetunion, sollte das Kernkraftwerk mit seinen vier Reaktorblöcken vor 30 Jahren traurige Berühmtheit erlangen.

Ein Land im Kriegszustand

Sich ein Bild der heutigen Situation vor Ort machen, war ein Vorhaben, das ich im Oktober vergangenen Jahres in die Tat umsetzte. Ich beschloss mich an den Ort des Geschehens zu begeben und  fotografisch festzuhalten was ich vorfinden sollte.

Nach rund zwei Stunden Fahrt von Kiew aus durch karg besiedelte, flache Landschaften erreichen wir den Kontrollposten der 30-Kilometer-Zone, wo Ausweis und Zutrittsgenehmigung überprüft werden. Auf dem Weg fiel mir eine Stellung eines mit Boden-Luft-Raketen bestückten Gefährts der ukrainischen Armee auf - die Ukraine, einst Teilrepublik der Sowjetunion, befindet sich heute in Kriegsbereitschaft.

Man sieht vereinzelt kleine bewachsene Hügel. Das waren Häuser kleinerer Dörfer, die abgerissen und begraben wurden, da ihre Dekontaminierung nicht möglich war. In der Stadt Tschernobyl selbst wohnen heute nur noch die Kerntechniker der Nachbetriebsphase der verbleibenden Reaktoren und die Bauarbeiter des neuen Sarkophags. 

Trügerische grüne Idylle

Der zerstörte Reaktor sieht äußerlich immer noch so aus wie man ihn auf unzähligen Fotos abgebildet in Erinnerung hat. Der 30 Jahre alte Sarkophag wurde nicht wesentlich verändert. Rundherum sieht es sauber und aufgeräumt aus. Man hat den Eindruck, man befinde sich vor den Toren eines Industriekomplexes, gesichert durch ein Gitterrolltor. Arbeiter bewegen sich rastlos hin und her. Grün bepflanzt und sorgfältig angelegte, gepflegte Blumenbeete prägen das Erscheinungsbild. Der Reaktor befindet sich hier quasi in greifbarer Nähe. Der mitgeführte Geigerzähler pendelt sich bei einem vollkommen ungefährlichen Wert ein. Dass dieser Wert heute so niedrig ist,  ist drastischen Maßnahmen geschuldet, wie etwa dem großflächigen Abtragen des Bodens.

Wahrscheinlch die berühmteste und spektakulärste Geisterstadt der Welt ist Prypjat, ein Steinwurf vom Unfallreaktor entfernt. Eine einst moderne Stadt, die für die Arbeiter von Tschernobyl und deren Familien gebaut wurde. Heute wird erwägt, das Pompeji der atomaren Ära zum Unesco-Weltkulturerbe zu ernennen.

Vom GAU zum Weltkulturerbe?

Am monumentalen Ortsschild vorbei ist ein weiterer Kontrollposten am Eingang der Stadt errichtet worden. Mittlerweile sind Straßen und öffentliche Plätze Prypjats so zugewachsen, dass deren einstige Breite und Größe sich heute nur noch erahnen lassen. Mit Bussen wurden die Einwohner erst 36 Stunden nach dem Reaktorunfall 1986 evakuiert.

Eine seltsame und fast beängstigende Stille geht von der Stadt aus. Am Ufer des Prypjat-Flusses befand sich das Café Prypjat mit großer Terrasse und einer Flaniermeile. Ein Ausflugsboot liegt unweit davon, verrostet und halb versunken im Fluss. Der Haupteingang der städtischen Klinik - ebenfalls zugewachsen.

Fassadenteile von Gebäuden liegen am Boden und sind mittlerweile mit Moos überzogen. Bäume wachsen durch Asphalt und Beton. „Energetik“, so der Name des Kulturpalastes, der sich am Hauptplatz befindet. Meterhohe schmale Fenstern zierten dessen Frontfassade. Im Innenbereich stehen heute noch die Plakate mit Konterfeis von Politikern für die bevorstehende 1.-Mai-Parade. Ebenfalls am Hauptplatz steht die Ruine des Hotel Polissja.

Nicht zugestellte Briefe

In den zahlreichen Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden liegen Gasmasken herum. In Bibliotheken liegen die Bücher zentimeterhoch am Boden. Dem gleichen Bild begegnet man im Postgebäude. Nicht zugestellte Briefe, Postkarten und Zeitungen liegen überall herum. Vom Dach eines 19-stöckigen Wohnhauses überblickt man die ganze Stadt, die Reaktorblöcke und den riesigen, neuen Sarkophag. Sogar das  Riesenrad von Prypjat erkennt man. Es sollte am 1. Mai 1986 eingeweiht werden - heute ist es ein rostiges Mahnmal, das an den 26. April 1986 erinnert ...


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