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Trump in Minneapolis: Der entfesselte Bulle
International 5 1 3 Min. 11.10.2019 Aus unserem online-Archiv

Trump in Minneapolis: Der entfesselte Bulle

Trump ließ sich in Minneapolis zu einer minutenlangen Schimpftirade gegen Medien und politische Gegner hinreißen. Das Publiukum goutierte es.

Trump in Minneapolis: Der entfesselte Bulle

Trump ließ sich in Minneapolis zu einer minutenlangen Schimpftirade gegen Medien und politische Gegner hinreißen. Das Publiukum goutierte es.
Foto: AFP
International 5 1 3 Min. 11.10.2019 Aus unserem online-Archiv

Trump in Minneapolis: Der entfesselte Bulle

Anderthalb Stunden wüste Beschimpfungen und Beleidigungen: Der US-Präsident schaltet in der Ukraine-Affäre auf frontalen Gegenangriff. Seiner Basis gefällt es.

Vielleicht hat jemand einfach das Datum vertauscht. Der wilde Kampf von 35 Bullen "mit knochenbrechender Action" war vom Target-Center eigentlich für das vergangene Wochenende angekündigt worden. Nun steht zwar nur ein einziger Mann auf der Bühne der riesigen Mehrzweckhalle in der Innenstadt von Minneapolis. Aber das Motto "Lass die Bestie von der Leine" hätten die Cowboys nicht wilder umsetzen können.

Donald Trump wirkt aufgewühlt und streitsüchtig. Die Kundgebung in der Hauptstadt von Minnesota am Donnerstagabend ist sein erster Auftritt vor der Basis seit Eröffnung der Impeachment-Untersuchungen in Washington, die gerade jeden Tage neue Puzzlesteine einer Affäre zu Tage fördern, bei der der Präsident offensichtlich sein Amt für innenpolitische Interessen missbraucht hat. Insofern bietet der Termin mit rund 20.000 Zuschauern im Mittleren Westen einerseits eine willkommene Abwechslung. Zugleich aber ist er auch ein Gradmesser für die Befindlichkeit des Präsidenten und seiner Anhänger in einem traditionell demokratischen Bundesstaat, den Trump bei der letzten Wahl fast erobert hätte und 2020 schleifen möchte.

Was die Befindlichkeit des Politikers angeht, so ist diese offensichtlich auf Krawall gebürstet. "Wir haben es mit wirklich kranken und gestörten Leuten zu tun", beschimpft er die oppositionellen Demokraten. Das ist nur der Auftakt zu einer wüsten Kaskade von Beschimpfungen, in deren Verlauf das Wort "Hölle" und "Hurensohn" fällt und Ex-Vizepräsident Joe Biden unterstellt wird, er habe es "verstanden, den Arsch von Barack Obama zu küssen".  Das sind für einen Politiker, der sich der Unterstützung bibeltreuer Christen preist, ziemlich derbe Worte. 

Die Botschaft aber ist klar: Mit ihrem Impeachment-Verfahren sind die Demokraten "auf einem Kreuzzug, unsere Demokratie zu zerstören". Nicht er hat sich etwas zuschulde kommen lassen, als er den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu einer Schmutzkampagne gegen seinen potenzieller Herausforderer Biden nötigen wollte. Vielmehr muss gegen Biden ermittelt werden.

"Wo ist Hunter"-Shirts für 25 Dollar

Das Publikum jubelt. Mehrfach wird von den Rängen "Sperr ihn ein!" skandiert. In der weiblichen Form bezog sich dieser Schlachtruf im Wahlkampf 2016 auf Trumps Gegenkandidatin Hillary Clinton. Nun ist er auf Hunter Biden, den Sohn des derzeitigen demokratischen Präsidentschaftsfavoriten gemünzt, weil dieser für ein ukrainisches Gas-Unternehmen gearbeitet hat, ohne dass ihm irgendwelche Verfehlungen nachgewiesen wurden. "Wo ist Hunter?", eröffnet Trump eine regelrechte Hatz. Kurz darauf bietet die Trump-Kampagne T-Shirts mit diesem Slogan für 25 Dollar an.

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Nicht alle Zuschauer würden wohl jedes Wort unterschreiben. Aber die Ukraine-Affäre wird Trump von seine Anhängern nicht angekreidet. "Das Impeachment ist eine Krise für drei Wochen", hat Rentner Greg draußen in der Warteschlange gesagt: "Die Demokraten jagen jede Woche eine neue Sau durchs Dorf." Der 63-Jährige mit der roten "USA"-Kappe will im November 2020 erneut für Trump stimmen: "Er hat viele Jobs geschaffen, und die Wirtschaft läuft prima."   


US President Donald Trump speaks to the press about a whistleblower after a swearing-in for US Secretary of Labor Eugene Scalia in the Oval Office of the White House September 30, 2019, in Washington, DC. (Photo by Brendan Smialowski / AFP)
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 Die gute Konjunktur ist auch stets der Ausgangspunkt von Trumps Wahlkampfreden, bei denen der Präsident nie mit Selbstlob spart. Dieses Mal legt er bald sein Manuskript gänzlich zur Seite, und es folgt ein atemberaubender anderthalbstündiger  Gedankenstrom, der keiner inneren Logik, sondern  nur der Befindlichkeit des Redners zu folgen scheint. Von den angeblich gefälschten Umfragen geht es über die Zuwanderung, Repräsentantenhaus-Sprecherin Nancy Pelosi ("die ist nicht mehr ganz richtig"), die Medien ("eine Schande"), das "dunkle politische Establishment" in Washington, seine Lieblingssendungen bei Fox-News ("Sean Hannity ist Nummer eins") bis nach Syrien, wo die USA angeblich "keine Truppen mehr" hat, obwohl dort tatsächlich noch 1000 Soldaten stationiert sind und Trump nun einen Waffenstillstand zwischen der Türkei und den Kurden vermitteln will.

Das alles klingt bizarr und wirkt durch teilweise groteske Grimassen des Redners noch wunderlicher. Doch dem Publikum gefällt die Show. Und mit viel Beifall quittiert es, wenn Trump mit gewissen Abständen die Schlagwörter "Sozialismus", "Abtreibung", "Recht auf Waffe" oder "Recht und Ordnung" einfließen lässt, die im Zentrum seines Kulturkampfes stehen.  "Ich bin für Migration, aber es muss legal sein", sagt auch Char Lecron, die mit ihrem Mann David zu der Kundgebung gekommen ist. Und in einem sozialistischen Land – nein, da möchte sie ganz sicher nicht leben. Also wird sie wohl wieder für Trump stimmen, obwohl sie den Hass und die Polarisierung im Land nicht gutfindet. Ein Widerspruch? Nicht für die 52-Jährige: "Für das verdorbene Klima ist nicht Trump verantwortlich. Das ist die Schuld der Medien."


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