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Trümmerfrau der SPD : Nahles als Nachfolgerin von Schulz vorgeschlagen
Er geht, sie kommt ... Nahles folgt auf Schulz.

Trümmerfrau der SPD : Nahles als Nachfolgerin von Schulz vorgeschlagen

AFP
Er geht, sie kommt ... Nahles folgt auf Schulz.
International 1 6 Min. 13.02.2018

Trümmerfrau der SPD : Nahles als Nachfolgerin von Schulz vorgeschlagen

Teddy JAANS
Teddy JAANS
Sie wird wohl die erste Frau an der Spitze von Deutschlands ältester Partei, der SPD. Das Präsidium hat Andrea Nahles als Kandidatin für den Vorsitz der Partei vorgeschlagen.

(dpa/TJ) - Andrea Nahles soll SPD-Chefin werden, geht es nach dem Präsidium der ältesten Partei Deutschlands, der SPD. Gegen 18.30 Uhr trat der scheidende Präsident, Martin Schulz, vor die Presse und verkündete seinen Rücktritt. Das Präsidium schlage Andrea Nahles dem Sonderparteitag der Partei als künftige Präsidentin vor, so Schulz weiter. Er selbst scheide ohne Groll aus dem Amt, so Schulz abschließend. Wie die Partei bis zum Sonderparteitag geführt wird, ist noch nicht restlos geklärt, Medienberichten zufolge könnte Olaf Scholz die Partei bis dahin führen. Ob Nahles den Vorsitz der Partei übernimmt, entscheidet sich am 22. April.

Nahles bezeichnete die Nominierung als „große Ehre“. „Es ist eine große Verantwortung für unser Land“, sagte sie. Sie hoffe, dass vom Parteitag in Wiesbaden ein „Aufbruchssignal“ ausgehen werde. Nahles verteidigte den Koalitionsvertrag und zeigte sich zuversichtlich, dass die Mitglieder bei der Abstimmung vom 20. Februar bis zum 2. März mit Ja stimmen werden. „Es geht nicht in die Hose“, sagte sie. Auf die Frage, ob sie ihre politische Zukunft von dem Votum abhängig machen werde, sagte sie: „Mein Schicksal verknüpfe ich mit gar nichts.“

Nahles wird auf dem Parteitag in Wiesbaden nicht die einzige Kandidatin sein. Die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange kündigte überraschend ihre Gegenkandidatur an - aus Protest gegen die Vorfestlegung auf Nahles. Chancen werden ihr nicht eingeräumt. Nach SPD-Angaben ist es aber die erste Kampfkandidatur um den Parteivorsitz in der Nachkriegszeit.

Wer ist Andrea Nahles?

Nahles verfolgt dieser Satz. „Ab morgen gibt's in die Fresse.“ Das sagte sie nach der Bundestagswahl in Richtung Union. Es war ironisch gemeint, die neue SPD-Fraktionschefin kündigte eine harte Opposition in Richtung der vermeintlich zustande kommenden Jamaika-Koalition an. Es kam alles anders. Auch für sie persönlich.

Derzeit bekommt vor allem die SPD einiges ab. Nach dem Fiasko mit Martin Schulz soll Nahles nun für den Generationswechsel stehen. Sie ist die erste Frau an der Spitze der altehrwürdigen SPD. Am Dienstagnachmittag beraten Präsidium und Vorstand der SPD, ob sie wegen der Turbulenzen sofort den Vorsitz von ihrem gescheiterten Vorgänger übernimmt. Zunächst kommissarisch.

Ein Parteitag muss Nahles innerhalb von drei Monaten noch formal wählen. Einige Genossen, auch aus der Spitzenriege, wollten die Vorentscheidung aber schon jetzt. Schließlich geht es in den nächsten Wochen beim Mitgliederentscheid um alles für die SPD. Ohne ein Ja der Basis kann die ganze Führungsmannschaft einpacken. Und Nahles wird zugetraut, dass sie die Basis zu einem Ja bewegen kann.

Sie war es, die am 21. Januar mit einer wuchtigen Rede beim Parteitag in Bonn die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit CDU/CSU rettete. Sie verwarf ihr Manuskript und setzte auf Emotion. Sie sei in der Politik, weil sie Großes im Kleinen sehe, eben die kleinen Veränderungen, von denen aber Millionen profitierten. „Die zeigen uns 'nen Vogel“, brüllte sie mit Blick auf die Wähler, wenn man trotz der Sondierungsergebnisse mit viel SPD-Rot nicht verhandele.

Sehen Sie hier die Rede von Nahles beim Parteitag im Januar:


Die 47 Jahre alte Germanistin und engagierte Katholikin ist jetzt so was wie die Trümmerfrau der SPD. Sie muss die Partei modernisieren, verjüngen, die dramatische strukturelle Schwäche in Ost- und Süddeutschland angehen, eine Zukunftsidee entwickeln, die SPD wieder näher an die Leute heranrücken, um von der AfD Wähler zurückzuholen. Und als erstes muss sie eben ein Ja beim Mitgliederentscheid zustande bringen. Es ist ein fast unmenschliches Pensum. Seit Monaten.

Beim Faschingsumzug in Düsseldorf war Nahles auch dabei - wenn auch nur als Figur auf einem der Umzugswagen.
Beim Faschingsumzug in Düsseldorf war Nahles auch dabei - wenn auch nur als Figur auf einem der Umzugswagen.
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Mit kantigen Kurs, frohem Gemüt und gelegentlichem Hang zum Infantilen („Bätschi“ an die Union, Pipi-Langstrumpf-Lied im Bundestag) sorgt Nahles oft für Aufsehen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) schätzt sie als professionelle Politikerin. Als Arbeitsministerin setzte Nahles den historischen Mindestlohn von 8,50 Euro durch. So etwas wie der Mindestlohn 2.0 fehlt diesmal bei der Mitgliederbefragung. Aber Nahles kann unter anderem damit werben, dass die SPD der Union gewichtige Ressorts abgetrotzt hat.

Nahles' Heimatort Weiler  liegt in der Eifel, auf halber Strecke zwischen Bitburg und Koblenz.


„Hausfrau oder Bundeskanzlerin“.

In ihrer Abizeitung nannte sie bei der Frage nach dem Berufswunsch zwei Alternativen: „Hausfrau oder Bundeskanzlerin“. Da es in ihrem Heimatdorf Weiler in der Eifel keinen SPD-Ortsverein gab, gründete sie selbst einen. Bis heute ist sie sehr heimatverbunden. Ihre siebenjährige Tochter Ella Maria geht daheim zur Schule. Nahles fährt am Wochenende nach Hause, wenn es geht. Nachdem sie bis Mittwoch 24 Stunden den Koalitionsvertrag mit der Union ausgehandelt und danach abends noch mit Schulz eine Pressekonferenz zur Übernahme des SPD-Vorsitzes gegeben hatte, war sie Donnerstag zum Weiberfastnachtsumzug wieder daheim. Verkleidet als Clown.

Nahles beerbt nun Martin schulz an der Spitze der SPD.
Nahles beerbt nun Martin schulz an der Spitze der SPD.
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Nun muss die Tochter eines Maurers, die über ein beachtliches Netzwerk verfügt, die Rundumerneuerung der SPD in Angriff nehmen. Die Umstände haben ihr geschadet, auch wenn sie sich dagegen wehrt, dass der Wechsel auf dem SPD-Vorsitz wieder mal eine Sturzgeburt sei. Den Führungswechsel hätten Schulz und sie gemeinsam und freundschaftlich entschieden, sagte sie. Man sei fair miteinander umgegangen. „Ich habe auch schon anderes in dieser Partei erlebt“, betonte sie.

Vorwürfe

Dennoch werden ihr zwei Dinge vorgehalten: Erstens, dass die Nachfolge „wie bei den Männern“ wieder im kleinen Kreis entschieden wurde. Schon gibt es Forderungen von allen Seiten, dies künftig zwischen mehreren Bewerbern per Urwahl durch alle SPD-Mitglieder zu entscheiden. Zweitens fragen sich viele, warum sie und SPD-Vize Olaf Scholz, der mögliche Vizekanzler und Finanzminister, nicht Schulz Einhalt geboten haben bei seinem Plan, zwar den Vorsitz abzugeben, aber sich als Außenminister in die Regierung zu retten.

Schon zum zweiten Mal ist sie nun Hauptprotagonistin bei Verwerfungen in der SPD während der Bildung einer GroKo. 2005 gehörte die frühere Juso-Chefin noch klar zum linken SPD-Flügel. Sie trat in einer Kampfabstimmung um den Generalsekretärsposten gegen den Kandidaten des damaligen SPD-Chefs Franz Müntefering an, Kajo Wasserhövel. Nahles gewann - Müntefering trat zurück. Matthias Platzeck wurde sein Nachfolger, und Nahles wurde damals (noch) nicht Generalsekretärin.

Kämpfe zuhauf

Nahles und die SPD - das ist auch eine Geschichte vieler Kämpfe. Schon beim Sturz von Rudolf Scharping durch Oskar Lafontaine 1995 spielte sie eine wichtige Rolle. Kanzler Gerhard Schröder machte sie wegen dessen Reform-Agenda 2010 das Leben schwer. 2007 wurde sie Parteivize, 2009 dann Generalsekretärin unter Sigmar Gabriel. Eine schwierige Zeit. Alleingänge und Macho-Gehabe sorgten für Reibereien. Dies erklärt auch, warum Gabriel trotz des Verzichts von Schulz wenig Chancen hat, unter Nahles als Außenminister weiterzumachen.

Nahles als Vorsitzende der Jung-Sozialisten auf dem SPD-Parteitag von 1999.
Nahles als Vorsitzende der Jung-Sozialisten auf dem SPD-Parteitag von 1999.
Foto: LW-Archiv

Das Duo Nahles/Scholz soll es also richten. Ein Paar der Gegensätze, das viel abdecken und viele Geschmäcker ansprechen soll: Er, der Verkopfte, Sachliche, Nüchterne soll als Vernunftpart in die Regierung gehen. Sie, die Gefühlige, Leidenschaftliche, die sich immer wieder mit markigen Worten und Haudrauf hervortut, soll der Partei jenseits des Kabinetts Profil geben.

Nahles weiß, wenn die Mission gut geht, ist sie die geborene Kanzlerkandidatin für 2021. Dann könnte es auch mit dem Berufswunsch aus Abiturzeiten vielleicht noch etwas werden.


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