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Trotz Terrorgefahr: Brüssel übt sich in Normalität
Die Schulen sind wieder geöffnet. Eltern müssen ihren Kindern erklären, weshalb der Unterricht trotz der Terrorgefahr wieder beginnt.

Trotz Terrorgefahr: Brüssel übt sich in Normalität

REUTERS
Die Schulen sind wieder geöffnet. Eltern müssen ihren Kindern erklären, weshalb der Unterricht trotz der Terrorgefahr wieder beginnt.
International 13 3 Min. 25.11.2015

Trotz Terrorgefahr: Brüssel übt sich in Normalität

Nach vier Tagen Stillstand hat das Leben in Belgiens Hauptstadt am Mittwoch zögerlich neue Formen angenommen. Der Unterricht begann wieder, viele Metro-Haltestellen öffneten.

(dpa) - Vor den Schulen stehen Polizisten, die Hand an schussbereiten Pistolen. Soldaten mit Maschinengewehren im Anschlag patrouillieren auf den Bahnsteigen der Metro. Wachleute fordern die Kunden am Eingang eines großen Einkaufszentrums zur Taschenkontrolle auf, checken jeden Besucher mit Metalldetektoren. Am fünften Tag der höchsten Terror-Warnstufe nimmt das öffentliche Leben in Brüssel zögerlich wieder - neue - Formen an.

„Ist ja besser so“, antwortet eine Frau den Kontrolleuren, die am Eingang eines großen Ladenzentrums mitten in der Hauptstadt in ihre Tasche sehen wollen. Das große Kaufhaus nebenan bleibt auch an diesem Mittwoch ganz geschlossen. Etwas weniger Kundschaft als sonst spürt die Kassiererin eines großen Mediengeschäfts. Sie selbst fürchte sich nicht vor Anschlägen: „Es bringt ja nichts, Angst zu haben.“

Es bringt ja nichts, Angst zu haben.

Angst vor Attentaten auch in Brüssel hat jedoch die belgische Regierung. Sie beschloss drastische Einschnitte für das Leben in der Hauptstadt, wollte damit nach den tödlichen Anschlägen von Paris auch Tatkraft beweisen. Doch die Fahndung der belgischen Behörden nach Terrorverdächtigen, nach Waffen und Sprengstoff liefert trotz tagelanger Lähmung der Millionenmetropole wenig greifbare Ergebnisse.

Busfahrer erhalten Gefahrenzulage

So mussten Eltern ihren Kindern am Mittwoch erklären, weshalb sie nach zwei Tagen Zwangspause wieder zum Unterricht sollten - obwohl sich an der Sicherheitslage in der Stadt nichts geändert hatte. Und der Linienbusbetreiber De Lijn versprach seinen Chauffeuren einen sogenannten Bibberbonus von 50 Euro für jeden Tag, an dem sie vom Umland in die terrorgefährdete Hauptstadt zu fahren wagten.

Noch bis Montag soll die höchste Terror-Warnstufe vorläufig gelten. Außenminister Didier Reynders sagte, die Behörden fürchteten Anschläge wie in Paris mit „schweren Waffen“ und Bomben. Etwa zehn Verdächtige würden gesucht. Bisher konzentrierte sich die Fahndung auf Salah Abdeslam, der nach den Attentaten von Paris nach Belgien zurückgekehrt sein soll. Auch er war noch flüchtig, als die Schulen in Brüssel am Mittwoch wieder öffneten.

Viele Terrorverdächtige und Syrien-Kämpfer haben Verbindungen in die Brüsseler Gemeinde Molenbeek. Dies und die folgenreiche Reaktion der Regierung auf eine angeblich konkrete Terrorgefahr in der Hauptstadt haben eine breite Debatte über den richtigen Umgang mit radikalen Islamisten in Belgien angefacht - lokal, national und international.

Zeitung titelt: "Belgien ist ein gescheiterter Staat"

In Molenbeek wird über Sünden der Vergangenheit diskutiert - eine Klientelpolitik des früheren Bürgermeisters, die Vernachlässigung ganzer Stadtteile, gravierende Bausünden. National rückt das Versagen eines Schulsystems in den Blick, das jedes Jahr tausende Schüler ohne brauchbaren Abschluss in die Welt schickt. Und die Zeitung „De Morgen“ beschrieb unter dem Titel „Zweifel verboten“ genüsslich, wie die Koalitionsregierung um Konsequenzen der Terrorwarnung rangelte.

International stellen Kommentatoren das Funktionieren des belgischen Königreichs infrage. „Belgien ist ein gescheiterter Staat“, titelte das Portal „Politico“ ähnlich wie angelsächsische Medien. Auch aus Frankreich, wo 130 Menschen ihr Leben bei den Anschlägen verloren, kam Kritik an der belgischen Terrorbekämpfung.

Nun fahren Soldaten im Tarnanzug über die Rolltreppen des Einkaufszentrums mitten in Brüssel und sollen mit ihren Maschinengewehren neues Vertrauen schaffen. Manche grüßen freundlich: „Bonjour!“ Zugleich machen sie die mögliche Gefahr noch greifbarer. Die Kunden kommen jedenfalls wieder in die Läden. Er habe, meint ein Telefonverkäufer, weniger Kundschaft erwartet: „Eher einen toten Tag“, sagt er und fügt schnell hinzu, „wie man so sagt“.


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