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Tödliches Virus in Westafrika außer Kontrolle
International 10 1 4 Min. 31.07.2014 Aus unserem online-Archiv
Ebola

Tödliches Virus in Westafrika außer Kontrolle

International 10 1 4 Min. 31.07.2014 Aus unserem online-Archiv
Ebola

Tödliches Virus in Westafrika außer Kontrolle

Der Berliner Mediziner Maximilian Gertler war vor Kurzem für "Ärzte ohne Grenzen" in Westafrika. Dort erlebte er, wie sich das Ebola-Virus ungehindert ausbreitet. Mehr als 700 Menschen sind bereits daran gestorben.

(dpa) - Wenn die Erinnerungen an Guinea kommen, dann sieht Maximilian Gertler einen sechsjährigen Jungen vor sich. Das Kind trägt seinen Bruder zum Ebola-Behandlungszentrum der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen“ in Westafrika. Der kleine Patient ist gerade mal vier Monate alt. Es gibt niemanden, der ihn sonst zu den Helfern bringen kann - oder will. Die Eltern der Brüder hat das Ebola-Virus schon getötet. Das Baby wird wenige Tage später sterben. Und Gertler kann nur hoffen, dass die Dorfgemeinschaft den gesunden Sechsjährigen wieder aufnimmt. Die größte bekannte Ebola-Epidemie verbreitet in Westafrika nicht nur Panik - die Krankheit stigmatisiert auch jene, die sie nicht hinwegrafft.

Maximilian Gertler, 39, ist Internist und Notarzt. Er arbeitet als Infektionsforscher am Robert Koch-Institut in Berlin und engagiert sich bei Ärzte ohne Grenzen. Fünfmal war er als Mediziner in Afrika. Doch niemals war die Lage so angespannt wie nun bei dem Ebola-Ausbruch, zuerst in Guinea, inzwischen auch in den Nachbarstaaten Sierra Leone und Liberia. „Die Lage ist außer Kontrolle“, sagt Mariano Lugli, Koordinator von Ärzte ohne Grenzen in Genf. Das Virus sei nicht zu stoppen, lokale Gesundheitsbehörden überfordert.

Denn es gibt noch keine zugelassene Impfung gegen Ebola und keine Therapie. Die einzigen Gegenmittel sind bisher Aufklärung der Bevölkerung, Isolierung der Kranken und die hartnäckige Überwachung aller Menschen, die mit Patienten Kontakt hatten. „Wir müssen bis in das hinterste Dorf“, sagt Maximilian Gertler. Sonst ist Ebola schneller.

„Manche nennen unser Zentrum Todeslager“

Mitte der Woche ist der Arzt nach drei Wochen in Guinea zurückgekommen, den Kopf voller Bilder, die hinter den nüchternen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stehen. Mehr als 1300 Infizierte und 729 Tote listet die Statistik bis zum 27. Juli für die drei westafrikanischen Länder und Nigeria auf. Für Gertler verbinden sich Zahlen mit Schicksalen. Lebensgeschichten wie die des Mannes, der in nur vier Wochen seine beiden Ehefrauen und vier Kinder verlor. Nur ein siebenjähriger Sohn überlebte.

Das Virus wird von Mensch zu Mensch übertragen - über Speichel, Schweiß, Blut oder Urin. Aufklärung in Westafrika ist eine andere Herausforderung als in Europa. Viele Straßen sind schlecht, die Wege weit und die Mythen groß. Einheimische Helfer müssen Analphabeten erklären, wie ein Virus wirkt. Sie müssen einer stillenden Mutter mit Fieber klarmachen, dass sie ihr Baby mitnehmen, vorsorglich, wegen der Infektionsgefahr. Sie stoßen an Kulturgrenzen. Wie sollen sie trauernden Angehörigen erklären, dass sie ihre Toten nicht berühren dürfen und nicht waschen, wie es Tradition ist seit Jahrhunderten? Was muss es im ländlichen Afrika für Emotionen auslösen, wenn ein Dorf seine Toten in versiegelten Leichensäcken zurückbekommt?

„Manche nennen unser Zentrum Todeslager“, sagt Maximilian Gertler. An einige Dörfer kommen die Helfer nicht mehr heran, die Anfeindungen sind zu groß. Denn viel können selbst gut ausgebildete Ärzte nicht gegen Ebola ausrichten. Antibiotika wirken nicht bei Viren. So bleibt nur, den Kreislauf der Patienten auf Isolierstationen mit Infusionen zu stabilisieren und sie gut zu ernähren. Die Patienten sehen nur Mondmenschen: Ärzte und Pfleger in Schutzanzügen, Gummistiefeln und drei Paar Gummihandschuhen - bei 30 Grad Hitze.

Überlebensrate bei 60 Prozent

Die Überlebensraten in den fünf Camps von Ärzte ohne Grenzen im Ebola-Gebiet liegen im Moment im Durchschnitt bei bis zu 60 Prozent, berichtet Koordinator Lugli. Frauen infizieren sich häufiger, haben die Ärzte festgestellt. Wahrscheinlich, weil sie ihre Kinder pflegen und Angehörige.

Lugli sagt auch, dass Ärzte ohne Grenzen noch ein bis zwei Zentren zusätzlich aufbauen und betreuen kann - aber dann sei das Ende der Kapazität mit rund 80 internationalen Helfern und 300 Ortskräften erreicht. Andere internationale Hilfsorganisationen sind inzwischen auch im Einsatz. Es ist unklar, ob das alles reicht - gegen einen Gegner wie Ebola.

Auch Ärzte stecken sich an

Maximilian Gertler wusste von Anfang an, wie gefährlich dieser Erreger ist, der den Kreislauf lahmlegt und den Körper innerlich verbluten lässt. Für ihn war es keine leichte Entscheidung, nach Guinea aufzubrechen. „Ich habe gehörigen Respekt vor Ebola“, sagt er. „Aber da war auch das Wissen, dass alle Kollegen sich bisher effektiv schützen konnten. Es geht also.“ Ärzte ohne Grenzen habe bisher keinen Mitarbeiter im Ebola-Gebiet verloren, sagt auch Koordinator Lugli.

Maximilian Gertlers Frau mailte ihm besorgt die Nachricht vom Ebola-Tod eines US-Arztes, Leiter einer Klinik in Liberia, ins Camp. Anfang der Woche starb auch Sheik Umar Kahn am Virus. Der 39-Jährige galt in seiner Heimat Sierra Leone als Nationalheld und als der wohl wichtigste Experte auf dem Gebiet von Ebola und anderen Viruserkrankungen. Mindestens 100 Ebola-Patienten hatte er im Osten des Landes behandelt. Er steckte sich an, am Ende konnten auch Ärzte ohne Grenzen in ihrem Camp nichts mehr für ihn tun. „Wir bleiben trotzdem“, sagt Mariano Lugli. „Wir stellen uns auf weitere zwei bis sechs Monate ein.“