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Tod von Abaaoud nicht bestätigt: Terrornest ausgehoben
International 17 5 Min. 18.11.2015 Aus unserem online-Archiv

Tod von Abaaoud nicht bestätigt: Terrornest ausgehoben

International 17 5 Min. 18.11.2015 Aus unserem online-Archiv

Tod von Abaaoud nicht bestätigt: Terrornest ausgehoben

Eine Frau sprengt sich in die Luft, ein Mann wird getötet, mehrere Personen festgenommen. 5000 Schüsse fallen, dann ist in Saint-Denis bei Paris ein Terrorkommando „neutralisiert“. Womöglich entging Paris damit einem neuerlichen Anschlag. Doch was ist mit dem Drahtzieher der Anschläge vom Freitag?

(dpa) - Fünf Tage nach dem blutigen Anschlag auf das Leben in Paris ist der Schrecken wieder da. „Kurz nach vier Uhr ist es losgegangen“, sagt Esten Tarwoz. „Ein lauter Knall hat uns geweckt, ich hatte wahnsinnige Angst.“ Die 64-jährige Hausfrau und ihr Mann sind vor Jahrzehnten aus Algerien nach Frankreich gekommen und leben schon lange in Saint-Denis, vor den Toren von Paris. In ihrer Nachbarschaft sprengt sich am Mittwochmorgen ein Mensch bei einem Anti-Terror-Einsatz in die Luft, ein Mann stirbt bei der Schießerei mit Polizisten. Mehrere Personen werden festgenommen.

Unklar blieb zunächst, ob der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge vom Freitag, Abdelhamid Abaaoud, unter den Getöteten ist. Staatsanwalt François Molins sagte, Abaaoud sei nicht unter den Festgenommenen. Die Identität der stark verstümmelten Toten sei noch nicht geklärt.

Am Abend wird deutlich, warum die Einsatzkräfte so massiv in Saint-Denis vorgegangen sind, mit militärischer Unterstützung. Bei dem siebenstündigen Einsatz sei ein Terrorkommando „neutralisiert“ worden, das zu einem weiteren Anschlag in der Lage gewesen sei, sagt Staatsanwalt François Molins im Justizpalast von Paris.

„Die Operation ist äußerst schwierig und komplex gewesen“, sagt Molins. Was die Menschen mitten im Wohnviertel auszuhalten haben, ist kaum zu erahnen. Das liegt auch daran, dass die Terrorfahnder mitten in einem Wohngebiet zuschlagen. Die „konspirative Wohnung“ liegt im dritten Stock eines Hauses an der Ecke der Rue de la République und der Rue du Corbillon. 

Die Anwohner können erst nach und nach in Sicherheit gebracht werden. Mehr als 60 Anwohner müssen psychologisch betreut werden. „Der Lärm der Explosionen und Schüsse hat sie zutiefst verstört“, sagt der Mediziner Jean-Marc Agostinucci vom Roten Kreuz.

Belagerungszustand

Saint-Denis hat einen Tag im Belagerungszustand erlebt. Spezialkräfte mit Sturmhauben laufen am Morgen durch die Straßen. Hubschrauber kreisen, Krankenwagen, Rotes Kreuz und Feuerwehr sind im Einsatz. An einer Straßenkreuzung sichern Soldaten den Platz, mit Sturmgewehren im Anschlag.

„Bei dem Gedanken, dass ich hier in direkter Nachbarschaft in einem Viertel mit Terroristen zusammengelebt habe, habe ich ein mulmiges Gefühl“, sagt der Sportlehrer Bouboute Amrane. Der 50-Jährige ist wie viele Anwohner auf die Straße gegangen, um zu sehen, was los ist. Gerüchte machen die Runde. Die Situation ist angespannt, die Polizisten wirken nervös. 

Forensiker waren den ganzen Mittwoch mit der Sicherung von Spuren beschäftigt.
Forensiker waren den ganzen Mittwoch mit der Sicherung von Spuren beschäftigt.
Foto: AFP

Die nach Saint-Denis führende Metrolinie 13 hat den Betrieb eingestellt. Die Zufahrtstraßen aus Paris sind gesperrt. An der Porte de la Chapelle bricht der morgendliche Berufsverkehr zusammen. Wer zur Arbeit nach Paris will, steckt stundenlang im Stau oder ist kilometerweit zu Fuß unterwegs wie der 21-jährige Berufsschüler Naty Worku: „Ich bin erschüttert und hoffe, dass bald wieder das normale Leben einkehrt.“ Am Stade de France, dem Fußballstadion, vor dem sich am Freitagabend Terroristen beim Spiel Frankreich gegen Deutschland in die Luft sprengten, werden verdächtige Autos kontrolliert.

Am Rathaus, gleich neben der gotischen Kathedrale, hat Bürgermeister Didier Paillard nach den Anschlägen vom Freitagabend eine Erklärung angebracht. Der Angriff der Terroristen habe „Orten der Vielfalt, der Jugend, der sozialen Verschiedenheit, der Toleranz und der Öffnung gegenüber anderen“ gegolten, schreibt das Oberhaupt der mehr als 100 000 Einwohner zählenden Stadt. Der Aufruf hat beklemmende Aktualität: „Heute wie gestern muss der Terrorismus unerbittlich und pausenlos bekämpft werden.“

In Saint-Denis sei die multikulturelle Gesellschaft keine Phrase, sondern lebendige Wirklichkeit im Alltag, sagt Zaïa Boughilas, für die Grünen im Stadtrat aktiv. „Schauen Sie sich diese alte Kirche an“, sagt sie und zeigt auf die Kathedrale. „Diese Stadt ist wunderschön, und sie wird auch in Zukunft der Ort für eine solidarische und geschwisterliche Gemeinschaft bleiben.“

Viele Bewohner stammen ursprünglich aus afrikanischen Ländern, aus Spanien oder der Karibik - in ihrem Zusammenleben spielt es keine Rolle. „Hier kommt die ganze Welt zusammen, und trotz vieler Probleme leben wir gern hier“, sagt Nashlane Karime, der auch unweit des gestürmten Hauses wohnt.

Die aus Algerien stammende Hausfrau Esten Tarwoz sagt, sie habe immer gern in Saint-Denis gelebt, die Leute dort hielten alle zusammen, auch wenn sie ganz verschieden seien. „Wo ist unser ruhiges Leben geblieben? Das ist alles so traurig.“

Erhöhte Polizeipräsenz in Luxemburg-Stadt

Auch die Luxemburger Polizei ist verstärkt im Einsatz.
Auch die Luxemburger Polizei ist verstärkt im Einsatz.
Foto:Gerry Huberty

+++ Nach den Terrorattentaten von Paris werden auch in der Luxemburger Hauptstadt die Sicherheitsmaßnahmen erhöht. Die Polizeipräsenz wird vor allem an sensiblen Punkten verstärkt, wie zum Beispiel auf Bahnhöfen oder bei größeren Veranstaltungen. Auch bei französischen Schulen und Lycées werden Polizisten eingesetzt. Dies sagte René Lindenlaub, Polizeichef des Bezirks Luxemburg, am Mittwochmorgen auf einer Pressekonferenz. Eine konkrete Gefahr oder konkrete Indizien für ein Attentat gebe es aber nicht.

Air-France-Flugzeuge umgeleitet

+++ Zwei Flugzeuge der französischen Fluggesellschaft Air France sind nach anonymen Drohungen auf Flügen von den USA nach Paris umgeleitet worden. Eine Maschine sei in Los Angeles gestartet und auf dem Weg nach Paris auf einen Flughafen in Salt Lake City (Bundesstaat Utah) gelotst worden, teilte der Flughafen in der Nacht auf Mittwoch mit. 

Eine zweite Maschine mit 298 Menschen an Bord war von Washington nach Paris aufgebrochen, musste aber bereits im kanadischen Halifax wieder landen. Beide Maschinen landeten sicher, die Passagiere konnten die Flugzeuge unverletzt verlassen.  Es habe anonyme Drohungen gegeben, hieß es in einem Statement von Air France. Deshalb habe man sich entschieden, die Maschinen vorsichtshalber ihren Flug unterbrechen zu lassen. Bei der anschließenden Untersuchung wurde kein Sprengstoff gefunden.

Eine der beiden betroffenen Air-France-Maschinen wurde nach  Salt Lake City umgeleitet.
Eine der beiden betroffenen Air-France-Maschinen wurde nach Salt Lake City umgeleitet.
AFP

Deutschland - Niederlande abgesagt

+++ Das Fußball-Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden ist am Dienstagabend kurz nach dem Einlass abgesagt worden - wegen Angst vor einem Anschlag. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen kamen die Hinweise von einem ausländischen Geheimdienst. Hannovers Polizeipräsident Volker Kluwe sagte der dpa: „Wir haben konkrete Hinweise gehabt, dass jemand im Stadion einen Sprengsatz zünden wollte.“

Nach Informationen von „Spiegel online“ soll der französische Geheimdienst die Quelle der Information sein. Zunächst habe es Hinweise gegeben, dass eine Gruppe um einen namentlich bekannten Nordafrikaner einen Anschlag planen könne. Es sei konkret von Sprengmitteln, Sprengstoffgürteln, automatischen Waffen und Sprengsätzen an den Zufahrtswegen die Rede gewesen. Dann habe der französische Geheimdienst auf einen irakischen Schläfer hingewiesen, der einen Anschlag auf das Freundschaftsspiel geplant haben soll.

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