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Tirol bangt um seinen Ruf als Urlaubsregion
International 3 Min. 24.03.2020

Tirol bangt um seinen Ruf als Urlaubsregion

Die Region Paznauntal mit dem Touristenort Ischgl steht in Österreich neben weiteren Orten wegen einer erhöhten Zahl von Corona-Virus-Fällen unter Quarantäne.

Tirol bangt um seinen Ruf als Urlaubsregion

Die Region Paznauntal mit dem Touristenort Ischgl steht in Österreich neben weiteren Orten wegen einer erhöhten Zahl von Corona-Virus-Fällen unter Quarantäne.
Foto: Jakob Gruber/APA/dpa
International 3 Min. 24.03.2020

Tirol bangt um seinen Ruf als Urlaubsregion

Verschleppte Maßnahmen nach aufgetauchten Corona-Fällen, womöglich sogar gezielte Vertuschtung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Und die Tourismusregion Tirol bangt um ihre Zukunft als Touristenhotspot.

Von LW-Korrespondent Stefan Schocher (Wien)

Auf Nachhaltigkeit solle man jetzt setzen, mahnt der Tourismus-Experte des österreichischen Wirtschaftsforschungs-Instituts, Oliver Fritz, nun. Und eben weniger auf Ballermann. Der Ruf nach einer Abkehr vom Hütten-Ibiza in Tirol ist inetwa so alt wie der dortige Skitourismus. 

Die Staatsanwaltschaft Innsbruck hat Ermittlungen zur Ausbreitung des Corona-Virus im beliebten Wintersportort Ischgl aufgenommen
Die Staatsanwaltschaft Innsbruck hat Ermittlungen zur Ausbreitung des Corona-Virus im beliebten Wintersportort Ischgl aufgenommen
Foto: Jakob Gruber/APA/dpa

Mit der Corona-Krise aber kommt der Tiroler Weg der Gäste-Bespaßung nun an den Rand der Kriminalität – tritt doch immer mehr zutage, wie weit man in Tirol bereit war zu gehen, um bis zuletzt an Gästen zu verdienen bei Hüttengaudi, Ski-Ballermann und Après-Ski. So weit, dass jetzt sogar die Staatsanwaltschaft ermittelt. Und so wird er wieder laut, der Ruf, über Alternativen nachzudenken.

Verdachtsfall Ende Februar

Anlass dafür, das sich jetzt die Justiz eingeschalten hat, ist ein möglicher Corona-Fall, der einem Tiroler Gastronomiebetrieb bereits Ende Februar bekannt gewesen sein soll – also lang bevor erste offizielle Fälle in Ischgl bestätigt wurden. Der Fall wurde aber nicht gemeldet. Die betroffene Mitarbeiterin wurde einfach nach Hause geschickt. 

Ob die Erkrankte tatsächlich mit Covid-19 infiziert war oder nicht, ist allerdings nicht restlos geklärt. Streng genommen handelt es sich also um einen Verdachtsfall. Allerdings waren Erkrankung ebenso wie Verdacht bereits zum damaligen Zeitpunkt meldepflichtig.

Am 9. März wurde die Bar "Kitzloch" in Ischgl behördlich gesperrt.
Am 9. März wurde die Bar "Kitzloch" in Ischgl behördlich gesperrt.
Foto: AFP

Und die Landessanitätsdirektion, die zuständige Behörde in Seuchen-Sachen, hatte schon damals Grund zur Wachsamkeit. Bereits Ende Januar hatte sich eine nachweislich an Corona erkrankte deutsche Urlauberin im Kühtai im Bezirk Imst in Tirol aufgehalten. Damals hieß es, Hüttenwirte und Kontaktpersonen der Frau seien informiert worden. Die Behörden waren also alarmiert.

Nicht nachvollziehbar

Umso weniger ist die Einschätzung der Landessanitätsdirektion vom 8. März nachvollziehbar. Nach der Erkrankung eines Barkeepers in der Après-Ski-Bar "Kitzloch" in Ischgl war die Einrichtung der Ansicht, dass „eine Übertragung des Corona-Virus auf Gäste der Bar“ aus „medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich“ sei. 

Die Infektiosität des Virus war damals aber bereits bestens bekannt, und die Tiroler Behörden waren zu diesem Zeitpunkt auch bereits darauf hingewiesen worden, dass sich zahlreiche heimgekehrte Tirol-Urlauber in Tirol angesteckt hatten. Die Bar wurde aber erst einen Tag später geschlossen.

Angst vor den Medien

Inzwischen ist auch ein SMS-Verkehr zwischen dem ÖVP-Parlamentsabgeordneten Franz Hörl und dem Betreiber des "Kitzloch" publik. Er bietet einen tiefen Einblick in den Toursimus-Zirkus und dessen politische Verflechtungen. Hörl bekniet den Betreiber des Bar in dem SMS-Verkehr, doch zuzusperren. Der Chat stammt vom 9. März, später an diesem Tag wurde die Bar auch behördlich geschlossen. 


13.03.2020, Österreich, Ischgl: Ein Ortsschild mit durchgezogener roter Linie steht am Ende der Ortschaft Ischgl und zeigt an, das die Ortschaft an der Stelle endet. Die Regionen Paznauntal mit dem Touristenort Ischgl steht wegen einer erhöhten Zahl von Coronavirus-Fällen unter Quarantäne. Foto: Jakob Gruber/APA/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Corona: Stille in Ischgl
Im österreichischen Skigebiet Ischgl sind nun die Lichter aus. Dort haben sich viele mit dem Corona-Virus infiziert.

Hintergrund der Besorgnis Hörls scheint aber weniger die Gesundheit der Gäste zu sein, als die Angst, dass internationale Medien-Aufmerksamkeit zu einer vorzeitigen Beendigung der Wintersaison führen könne. Nach zehn Tagen werde Gras über die Sache gewachsen sein, so Hörl in dem Chat. Sollten die Medien aber beginnen, sich für das "Kitzloch" zu interessieren, würde Tirol dastehen wie ein "Hottentotten-Staat". Hörl hat die Echtheit des SMS-Austauschs bestätigt.

Über Kredite finanziert

Hörl ist nicht nur Abgeordneter der ÖVP, er ist auch Landesobmann des Tiroler Wirtschaftsbundes und Obmann des Fachverbandes der Seilbahnwirtschaft. Und ein pikantes Detail am Rande: Anfang März fanden Wirtschaftskammerwahlen statt, Hörl war zuvor also als Repräsentant der Liftbetreiber mitten im Wahlkampf. Anfang März war er frisch wiedergewählt.


16.03.2020, �sterreich, Neustift Stubaital: Ein Blick auf die H�nge am Stubaier Gletscher in Tirol. �sterreich will in den n�chsten Tagen zun�chst auf weitere Versch�rfungen der Regeln im Kampf gegen das Coronavirus verzichten. Foto: Sachelle Babbar/ZUMA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Tirol wegen Corona-Krise komplett unter Quarantäne
Das gesamte österreichische Bundesland Tirol wird ab Mitternacht wegen der Ausbreitung des Coronavirus unter Quarantäne gestellt.

Worum es in Tirol geht wird an Zahlen deutlich: Tirol hat 750.000 Einwohner und verzeichnet rund 50 Millionen Nächtigungen pro Jahr. Der Tourismus beschäftigt direkt rund 55.000 Menschen und macht rund 17 Prozent des regionalen BIP aus – und seit Beginn der 1990er-Jahre überwiegend im Winter. 

Vor allem aber: Die Betten-Burgen und Skischaukeln in den Ressorts sind in erster Linie über Kredite finanziert, eine schlechte Saison oder gar ihr Ausfall wie jetzt ist eine wirtschaftliche Katastrophe.

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Innsbruck: Ski & the City
In der Tiroler Landeshauptstadt wird Abwechslung großgeschrieben. Zwölf Beispiele für einen abwechslungsreichen Besuch.
SRT-Bild Archivnummer: 1221101030, INNSBRUCK+UMG, SRT-Archivbild, Beschreibung: Die Nordkette, mit Skifahrer Foto Innsbruck Tourismus/Klaus Polzer
Honorarpflichtiges Motiv, www.srt-bild.de, Tel. 08171/4186-6, Fax 4186-85, Konto Postbank München IBAN DE73700100800384573808, BIC PBNKDEFF. Orig.-Name: INNSBRUCK_NORDKETTE_2.JPG, Motiv max. verfügbar in 2500 x 1668 px.
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