Terroralarm in der „Weihnachtshauptstadt“: so erlebten die Bewohner das Attentat
(dpa) - Blaulicht und Sirenengeheul statt besinnlicher Vorweihnachtsstimmung im liebevoll geschmückten Straßburg: Jedes Jahr ist die Stadt im Elsass Anziehungspunkt für Hunderttausende Touristen - an diesem Abend aber sind weite Teile der Innenstadt abgeriegelt. Schwer bewaffnete Polizisten bewachen die verbarrikadierten Zugänge und lassen nur die ständig heranrasenden Polizeiautos durch.
Gegen 20 Uhr am Dienstagabend wird mitten in der Weihnachtsidylle geschossen. Schnell spricht die Polizei von einem terroristischen Hintergrund. Drei Menschen sterben, wie der müde wirkende Innenminister Christophe Castaner mitten in der Nacht bei einer Presseerklärung in Straßburg sagt. Zwölf Menschen werden demnach verletzt, später wird die Zahl auf 13 nach oben korrigiert.
Weil der Mann auf der Flucht ist, herrscht bis tief in die Nacht Großalarm in der elsässischen Metropole, die sich so stolz „Weihnachtshauptstadt“ nennt. Menschen, die in der Nähe des Tatorts wohnen, können nicht nach Hause und stehen ratlos vor den Absperrgittern.
Ein 73-Jähriger, der noch am Abend Bücher auf dem zentralen Place Kléber verkauft hatte, erzählt, dass nach den Schüssen alle Menschen aus der Gefahrenzone gebracht worden seien. „Irgendwann musste das passieren“, sagt er. Der Straßburger Weihnachtsmarkt sei wegen seiner Bekanntheit einfach ein prädestiniertes Ziel. Angst habe er eigentlich keine, sagt ein anderer Buchverkäufer. Aber mulmig werde ihm bei dem Gedanken an mögliche Mittäter.
Hermetisch abgeschirmt ist über lange Stunden auch das Viertel rund um die Route de l'Hôpital, ganz in der Nähe des Straßburger Polizeipräsidiums. In dem Straßburger Stadtviertel Neudorf ist kaum ein Mensch zu sehen. Über den dunklen Straßen kreisen lärmende Hubschrauber. Sirenen heulen, immer wieder rasen Polizeiautos vorbei. Anwohner werden von der regionalen Verwaltung aufgefordert, das Gebiet zu meiden. Offensichtlich gehen die Sicherheitskräfte zeitweise davon aus, dass sich der flüchtige Terrorverdächtige noch in der Nähe aufhält.
Rund um die Polizeipräfektur ist die Anspannung groß. Als sich ein offenbar Betrunkener der Absperrung nähert, fordern ihn Polizisten schreiend zur Umkehr auf. Er kommt jedoch immer näher, bis die Sicherheitskräfte ihre Waffen auf ihn richten und ihn auffordern, die Hände zu heben. Schließlich macht der Mann kehrt und verschwindet.
In einer Seitenstraße kniet ein Polizist in schwerer Schutzkleidung neben einem Auto. Plötzlich hebt er seine Waffe und richtet sie auf ein unbekanntes Ziel. Immer wieder gellen Schreie durch die Straßen, wenn Menschen sich den Einsatzkräften nähern. Polizisten gehen mit Taschenlampen durch die Straßen.
Am Grenzübergang zu Deutschland in Kehl kontrolliert die Polizei am Abend die Autos, die von Straßburg aus kommen. Auf der Brücke über den Rhein staut sich der Verkehr. Eine Straßenbahn-Verbindung über die Grenze wird eingestellt. In ganz Straßburg sind unzählige Polizeiautos unterwegs.
Das EU-Parlament, das in dieser Woche in Straßburg tagt, ist über Stunden komplett abgesperrt. Niemand darf das Gebäude verlassen. Der SPD-Abgeordnete Arne Lietz erzählt, er habe mitten in einer Fraktionssitzung von den Schüssen erfahren. Er sei angewiesen worden, seine Mitarbeiter zu informieren. Das Parlament arbeite aber weiter. Eine seiner Mitarbeiterinnen sei den Abend über von der Polizei in einem Restaurant in der Innenstadt festgehalten worden, erzählt Lietz. Erst am späten Abend habe sie das Lokal verlassen dürfen. Am frühen Mittwochmorgen wird die Blockade aufgehoben. Der Gesuchte, wahrscheinlich verletzt, ist weiter auf der Flucht.