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Tausendundeine Nacht in Brüssel
International 4 Min. 13.07.2015 Aus unserem online-Archiv
EU-Korrespondent während der Griechenlandkrise

Tausendundeine Nacht in Brüssel

Selbst die Hartnäckigsten rafft der Schlaf dahin.
EU-Korrespondent während der Griechenlandkrise

Tausendundeine Nacht in Brüssel

Selbst die Hartnäckigsten rafft der Schlaf dahin.
REUTERS
International 4 Min. 13.07.2015 Aus unserem online-Archiv
EU-Korrespondent während der Griechenlandkrise

Tausendundeine Nacht in Brüssel

Die ganze Nacht über verhandelten die Staats- und Regierungschefs in Brüssel über Griechenland. Für unseren Korrespondenten war das Wochenende purer Ausdauersport - mal hektisch, mal langweilig, insgesamt ziemlich hart.

Von Diego Velazquez

Kaum ein Ereignis hat die Medienwelt so beschäftigt wie die endlos erscheinende Griechenlandkrise. Stundenlange Verhandlungen bei Marathonsitzungen in der belgischen Hauptstadt gehören seit Monaten zu den Meldungen des Tages. Erschöpfte und ratlose Politiker, welche nach schlaflosen Nächten über die Fortschritte im Griechenlanddrama berichten, prägen die Medienlandschaft. Doch wie geht es eigentlich jenen Menschen, die diese Augenblicke festhalten: den EU-Korrespondenten?

Seit dem Amtsbeginn der Tsipras-Regierung in Griechenland haben sich die Krisentreffen in Brüssel intensiviert. Doch, und dies behaupten auch Brüsselkorrespondenten mit 20-jähriger Erfahrung, war dieser Juli ein wahrer Härtetest. Wie das Leben eines Korrespondenten verläuft, der die Verhandlungen im griechischen Schuldenstreit verfolgt, verrät ein Einblick in die Zeit zwischen Sonntagmorgen und Montagmittag.

Sonntag 11 Uhr: Nach einer dramatischen Eurogruppen-Sitzung am Vortag, welche sich von 15 Uhr bis Mitternacht zog, steht man müde auf, und versucht sich durch die letzten Entwicklungen zu lesen. Am Vorabend hatte man keine Geduld mehr, um alle obskuren Abkürzungen eines fünfseitigen Dokumentes zu entziffern, jetzt muss man aber. Während für viele das sonntägliche Familienessen ansteht, steht für den Brüsselkorrespondenten eine neue Liste von Sparreformen aus Athen auf dem Menü.

Sonntag 14 Uhr: Ankunft in dem überfüllten und bunkerartigen Ratsgebäude in Brüssel, schon wieder. Wochenende sieht normalerweise anders aus. Kaum hat man sich zwischen den 600 anwesenden Journalisten eingerichtet, klingelt das Handy. SMS vom Sprecher des Regierungschefs. „Der Premier ist in 10 Minuten in Brüssel.“ Den einstudierten Reformen folgen Fragen zu diesen, man hofft, dass das Interview genug Stoff für einen Artikel hergeben wird und rennt zum „Doorstep“, wo man sich mit den Ellbogen durchkämpfen muss, um an den Premier zu kommen und „seine“ Frage, die einem schon seit Stunden auf der Zunge brennt, stellen zu können. Der Premier grüßt freundlich, immerhin hat man in den letzten Wochen relativ viel Zeit wegen der Griechenlandkrise miteinander verbracht. Ähnlich ist es mit dem Finanzminister bei der Eurogruppe, den man am Wochenende momentan öfter sieht als den eigenen Partner.


Sonntag 17 Uhr: Nach der ersten Stresswelle fängt das große Warten an. Die Chefs beginnen die Sitzung hinter verschlossenen Türen, die Lage ist angespannt. Kommt es zum „Grexit“? Diplomaten, die sich zeitweise unter die Journalisten mischen, werden umzingelt. Gerüchte entstehen und Spekulationen zirkulieren. Auch hier ist mittlerweile ein kollegialer Umgang zwischen Presse und Diplomaten entstanden. Schließlich ist Wochenende.


Sonntag 19 Uhr: Die Gerüchte aus dem Sitzungssaal werden selten. Auf Twitter hofft man auf Leaks und Aussagen aus dem Versammlungsraum. Um 21 Uhr ist Redaktionsschluss und jede noch ergatterte Information könnte für den Artikel Gold wert sein. Dann schnell tippen. Stress, Stress, Stress!

Sonntag 21 Uhr: Feierabendbier. Im Ratsgebäude steht man an der Pressebar Schlange. Weil die Nächte oft lang sind, kann man hier auch belgisches Abteibier bestellen. Noch hofft man auf einen kurzen Gipfel, doch Diplomaten reden von „harten Verhandlungen“. „Armer Tsipras“, sagt ein deutscher Journalist. Keine Sorge, „Hollande passt schon auf ihn auf“, witzelt ein französischer Korrespondent.

Sonntag 23 Uhr: Die Nacht wird lang, das weiß man mittlerweile. Im Saal der Pressekonferenz haben die Ersten es sich schon gemütlich gemacht und schlafen. Auch unter den Tischen des Pressesaales. Schließlich ist dies der dritte Krisengipfel innerhalb von zwei Wochen. Andere Journalisten twittern Gerüchte umher oder diskutieren über den möglichen Ausgang des Gipfels. Es herrscht Konsens, oben in der Dunkelkammer der Chefs geht der Grieche Alexis Tsipras gerade harte Zeiten durch.

Montag 3 Uhr: Mittlerweile sind alle Artikel fertig, die schlafenden Journalisten mehren sich. Über ein baldiges Ende der Tagung weiß keiner etwas. „Ehrlich gesagt, keine Ahnung wie spät es wird, sieht nicht gut aus“, schreibt ein Diplomat aus dem Saal der Chefs. Okay, noch haben einige Kneipen im Europaviertel auf, für ein Bier unter Kollegen heißt es jetzt oder nie. Man hat sich geschworen nicht über EU-Politik zu reden, doch ist die Lage zu ernst, um über die Tour de France zu debattieren. Katalanen, Briten, Franzosen und Luxemburger reden über die Zukunft des Euros. Man ist müde, das Bier schmeckt, aber man muss zu jeder Zeit einsatzbereit sein, falls das Telefon klingelt und das Treffen vorbei ist. Spontan können Regierungschef eine Blitzpressekonferenz um 4.38 Uhr einberufen.



Montag 5.30 Uhr: Es ist hart und langweilig, keine Info sickert nach außen. Die Zeit wird lang und die Augenlider schwer. Die Journalisten wandeln wie Zombies umher.  Auf den sozialen Netzwerken wird es ruhig, Kaffee hat man eh schon zu viel getrunken. Diplomaten schlafen möglicherweise neben dem Verhandlungsraum. Doch Tsipras, Merkel und Hollande ringen weiter. Soll man nach Hause schlafen gehen? Und was ist, wenn es in 15 Minuten vorbei ist? Dann hat man so lange gewartet für nichts. Die Sonne geht auf. 

Montag 7 Uhr: In der Pressebar kriegt man wieder Hörnchen. Immerhin.  

Montag 9 Uhr: SMS vom Regierungssprecher: „Wie haben eine Einigung, Pressekonferenz in 10 Minuten.“ Schnelles Interview und ab vor den Rechner, natürlich will man der Erste sein, der die Info online hat.

Montag 11 Uhr: Gute Nacht.