Tambow: Gedenkstätte für Luxemburger Zwangsrekrutierte eingeweiht

Russisch-luxemburgische Völkerverständigung: Die ehemaligen Tambower Joseph Steichen, Jean-Pierre Dohm, Gaston Junck und Raymond Thommes mit russischen Veteranen am Denkmal der Ewigen Flamme in Tambow.
Russisch-luxemburgische Völkerverständigung: Die ehemaligen Tambower Joseph Steichen, Jean-Pierre Dohm, Gaston Junck und Raymond Thommes mit russischen Veteranen am Denkmal der Ewigen Flamme in Tambow.
Foto: SIP/Nicolas Bouvy

Von Joelle Merges

Im Beisein einer Delegation der Amicale des anciens de Tambow wurde gestern in der russischen Provinzstadt eine Gedenkstätte in Erinnerung an jene Zwangsrekrutierten eingeweiht, die während des Zweiten Weltkriegs im russischen Gefangenenlager ihr Leben ließen.

Der Weg zum Denkmal führt durch kilometerlange Birken- und Pinienwälder, die bei den vier älteren Herren wohl die Landschaft in Erinnerung gerufen haben, die sie selbst sahen, als sie vor knapp 70 Jahren im Bahnhof von Rada ankamen. Dieser Bahnhof hat sich in den vergangenen Jahrzehnten wenig verändert, sagt der Vorsitzende der „Amicale des anciens de Tambow“, Gaston Junck.

Er gehört ebenso wie seine Kameraden Jean-Pierre Dohm, Raymond Thommes und Jos Steichen den Jahrgängen an, die von den deutschen Besatzern zwangsrekrutiert wurden und mit der verhassten Wehrmacht-Uniform in den Kampfeinsatz an die Ostfront beordert wurden.

In russische Gefangenschaft

Viele von ihnen desertierten. Weil sie wegen ihrer Uniform nicht von deutschen Soldaten zu unterscheiden waren, gerieten knapp 1 900 Luxemburger in russische Gefangenschaft, davon wurden rund 1 000 ins Gefangenenlager Nr. 188 verlegt – nach Tambow. 165 überlebten die Haft nicht. Sie fanden ihre letzte Ruhe auf dem internationalen Friedhof im benachbarten Rada. 38 Luxemburger verstarben im Krankenhaus von Kirsanow, 50 weitere kamen beim Rückweg in die Heimat ums Leben.

An sie soll der Gedenkstein erinnern, den Premier Juncker und Wirtschaftsminister Schneider gestern gemeinsam mit den ehemaligen Tambower Häftlingen sowie mit den Vertretern der Region Tambow einweihten. Ein Monument, das genau an jener Strecke liegt, die die damaligen Häftlinge nach ihrer Ankunft im Bahnhof von Rada auf ihrem Weg ins Gefangenenlager zurücklegten. Ein Monument aus Sandstein luxemburgischer Herkunft, mit appliziertem Kreuz aus Luxemburger Stahl und den stilisierten Landesumrissen aus luxemburgischem Schiefer. Ein Monument mit der Inschrift: „1943 – 1945. Tambov – Kirsanov. Als Erënnerung un eis zwangsrekrutéiert Jongen, Affer vum Nationalsozialismus. Dir sidd net vergiess! D'Lëtzebuerger Regierung.“

„Heiliger Ort für Luxemburg“

Im Namen der Regierung sprach Premier Juncker den Zwangsrekrutierten seine Anerkennung aus „für das Opfer, was sie für ihr Land, ihre Heimat und ihre Familie gebracht haben.“ Für ihr Leiden und für ihre Opferbereitschaft fehle es eigentlich an Worten. Und eigentlich würde ein Ort wie Tambow – ein „heiliger Ort für Luxemburg“ – Stille gebieten. „Wir dürfen aber nicht schweigen. Wir müssen laut sagen: Nie wieder Krieg.“

Für Jean-Claude Juncker stellt die Gedenkstätte ein „Friedensmonument“ dar, denn immerhin sei in Tambow der Grundstein für die russisch-luxemburgische Freundschaft gelegt worden. Ähnlich sah es auch der Provinzgouverneur von Tambow, Oleg Betin: Das Denkmal für die verstorbenen Zwangsrekrutierten versinnbildliche das Leiden der Kriegsgeneration. An die jüngere Generation ging der Appell, sich zu vereinen, denn nur so könne der Frieden zwischen den Völkern erhalten bleiben.

Viel Zuversicht

Sehr viel Zuversicht in die Friedfertigkeit der Menschheit hat Gaston Junck nicht. „Der Mensch lernt nichts hinzu. Es wird immer wieder Krieg geben, je mehr Menschen sich auf der Erde drängen, desto mehr Zwietracht wird gesät.“ Für den Vorsitzenden der „Amicale des anciens de Tambow“ war die Zeremonie gestern ein „ergreifender Augenblick. Eigentlich fehlen mir die Worte, um das zu beschreiben, was in mir vorgeht.“

Ähnlich erging es auch Jean-Pierre Dohm, Raymond Thommes und Jos Steichen, denn es war in der Tat eine sehr emotionale Zeremonie, während der die luxemburgische und die russische Delegationen beim Klang der „Hémecht“ und der russischen Nationalhymne Blumengebinde und rote Nelken am Fuß des Denkmals niederlegten und die vier luxemburgischen Tambow-Veteranen wohl ihrer Kameraden gedachten, die nicht wie sie das „Glück“ hatten, die Heimat wiederzusehen. Ein letzter großer Gefangenentransport verließ das Lager Nr. 188 am 29. September 1945 in Richtung Luxemburg – fünf Monate nach dem offiziellen Kriegsende. „Viele verloren den Mut, als es mit der Heimkehr am Ende nicht so schnell ging wie erhofft“, erinnert sich Jos Steichen.

Täglicher Überlebenskampf

Den Mut hatten viele Insassen aber bereits vorher verloren, denn das Leben im Lager war mehr als hart. Es fehlte an Lebensmitteln und Medikamenten, dazu kam das rüde Klima der Region südöstlich von Moskau, in der die Temperaturen im Winter auf minus 40 Grad sinken können, zudem waren die Häftlinge durch den Arbeitsdienst geschwächt, den sie leisten mussten. „Wir haben versucht zu überleben und uns etwas zu essen zu organisieren“, erzählt Raymond Thommes. „Das Leben war hundsmiserabel“, pflichtet Jean-Pierre Dohm bei, wobei er die Schuld hierfür nicht den Russen zuschiebt: „Die hatten ja selbst kaum das Nötigste“. Etwas anders sieht es Jos Steichen: „Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt, dann wäre ich vielleicht nicht zur Roten Armee übergelaufen.“

Einen Groll gegen die Russen hegt aber auch er nicht. Dass die Beziehungen sehr herzlich sind, beweist die „Amicale“ seit Jahren schon mit der humanitären Hilfe, die sie der Region zukommen lässt. Zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen soll ein Abkommen zwischen der luxemburgischen und der Tambower Handelskammer, das nun mit „konkreten Projekten“ in die Tat umgesetzt werden soll, wie Premier Juncker dem Provinzgouverneur versicherte. Auch sollen in absehbarer Zeit drei Studenten der Universität Tambow ein Praktikum im luxemburgischen Wirtschaftsministerium absolvieren können. Denn die Beziehungen zur Region sollen nicht der Vergangenheit, sondern der Zukunft zugewandt sein.