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Syrien-Konflikt: Ein Krieg mit vielen Fronten
Der Zwischenfall mit einer Rakete im Libanon zeigt, dass der Konflikt in Syrien weit über die Grenzen des Staates hinausgeht.

Syrien-Konflikt: Ein Krieg mit vielen Fronten

AFP
Der Zwischenfall mit einer Rakete im Libanon zeigt, dass der Konflikt in Syrien weit über die Grenzen des Staates hinausgeht.
International 4 Min. 13.02.2018

Syrien-Konflikt: Ein Krieg mit vielen Fronten

Eric HAMUS
Eric HAMUS
Der Krieg in Syrien eskaliert weiter. Dabei geht es den Konfliktparteien um weit mehr als die Bekämpfung des sogenannten „Islamischen Staates“, die oft nur vorgeschoben wird. Eine Analyse.

Eine Analyse von LW-Korrespondent Michael Wrase

Mit einem massiven Angriff auf syrische Regierungstruppen und pro-iranische Milizen am Ostufer des Euphrats hat die US geführte Anti-IS-Koalition hat letzten Mittwoch demonstriert, dass es ihr in Syrien um mehr geht, als die Zerschlagung des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS).

Obwohl die dschihadistische Terrormiliz noch längst nicht besiegt wurde, ist der Kampf um die Neuordnung von Syrien voll entbrannt. Das zeigt auch die jüngste Gewalteskalation in Syrien nach dem Abschuss einer iranischen Drohne und einer israelischen F-16.

Neben der Kontrolle der Grenzen, rücken die Öl- und Gasfelder der Bürgerkriegsrepublik sowie geostrategisch bedeutende Straßenverbindungen, wie die Autobahn von Damaskus nach Bagdad, in den Mittelpunkt. Der von Israel als Bedrohung betrachtete Highway (mit Abzweigungen in den Iran und den Libanon) wird seit November letzten Jahres von syrischen Regierungstruppen und ihren iranischen Verbündeten beherrscht.

Ausgezehrte Assad-Armee

Die Mannschaftsstärke der ausgezehrten Assad-Armee wurde vor Ausbruch des Krieges mit 225 000 Soldaten angegeben. Heute können allenfalls 40 000 Soldaten mobilisiert werden. Das Regime in Damaskus ist daher auf lokale Partei – und Stammesmilizen sowie massive Hilfe aus Russland und dem Iran angewiesen.

Auf dem Luftwaffenstützpunkt Hmeimim bei Latakia sind weiterhin rund 80 russische Kampfflugzeuge und Helikopter stationiert. Für ihre Wartung sowie andere Aufgaben, zu denen neben aktiver Kampfbeteiligung auch Minenräumung und Ausbildung gehört, hat Moskau rund 7000 Soldaten nach Syrien geschickt.

Bis zu 9000 Revolutionsgardisten kommen aus dem Iran. Diese werden von schiitischen Milizen aus dem Irak, Pakistan, Afghanistan und dem Libanon unterstützt. Ihre Truppenstärke variiert zwischen 8000 und 25 000 Mann.

Mit Abstand kampfkräftigste und erfahrenste Gruppe ist die libanesische Hisbollah. Wirtschafts – und Finanzhilfe erhält das Assad-Regime auch aus China sowie seit neuestem Indien, das den Wiederaufbau des Landes unterstützt.

Rebellen geben nicht auf

Obwohl der von den Assad-Gegnern angestrebte Regime-Wechsel in Damaskus in weite Ferne gerückt ist, haben die syrischen Rebellen, eine ideologisch wie politisch höchst heterogene Mischung aus gemäßigten und extremistischen Verbänden, ihren Kampf nicht aufgegeben. Letzte große Hochburg – nach dem Verlust von Aleppo im Dezember 2016 – ist die Provinz Idlib im Nordwesten von Syrien, welche weitgehend vom Kaida-Ableger Nusra-Front kontrolliert wird.

Die von den Dschihadisten ausgeübte Herrschaft unterscheidet sich nur unwesentlich vom „Kalifat“ des IS, das 2017 fast vollständig zerschlagen werden konnte. Trotzdem erhalten dschihadistische Kampfgruppen in Syrien weiterhin verdeckte Militär – und Finanzhilfe aus dem Ausland. Der Umfang ist allerdings geringer als vor der Rückeroberung von Aleppo durch das Assad-Regime.

Instrumentalisierte FSA

„Offiziell“ unterstützt wird die sogenannte „Freie Syrische Armee“ (FSA), zu der sich 80 verschiedene, überwiegend radikal-islamische oder dschihadistische Verbände und Einheiten zusammengeschlossen haben. Politisch gehen sie meist eigene Wege oder werden von der Türkei und den arabischen Golfstaaten für ihre geostrategischen Ziele in Syrien instrumentalisiert.

Bestes Beispiel ist die „Operation Olivenzweig“ der türkischen Armee in der überwiegend kurdischen Region Afrin im äußersten Nordwesten, die von der „FSA“ massiv unterstützt wird. Stärkster Verbund sind die nach dem osmanischen Sultan benannten „Sultan Murat II“-Brigaden, die langfristig Aleppo zurückerobern wollen. Auch Milizionäre der zentralasiatischen Partei Turkestans sollen an der türkischen Offensive teilnehmen.

Die Kämpfer dieser dschihadistischen Gruppierung kommen aus dem chinesischen Xianjiang, Usbekistan, Tschetschenien und Dagestan. In der syrischen Grenzstadt Dschisr al-Schughur leben mittlerweile 15 000 Uiguren mit ihren Familien.

Syrischer Arm der PKK

Proklamiertes Ziel der türkischen Armee, die hohe Verlust zu verzeichnen hat, ist die Zerschlagung der Volksverteidigungseinheiten YPG, die große Teile der türkisch-syrischen Grenze kontrollieren. Die kampfstarke Miliz mit einer marxistisch-leninistischen Ideologie gilt als der syrische Arm der PKK, was auch der Hauptgrund für ihre Bekämpfung durch die Türkei ist.

Das Nato-Mitglied befindet sich auf Kollisionskurs zu den USA, die die YPG als verlässlichen Partner im Kampf gegen den IS betrachten und bisher umfangreich unterstützten. Ohne die syrischen Kurden hätte das Kalifat der Terrormiliz niemals zerschlagen werden können.

Im Stich gelassen

Dennoch haben sowohl die USA als auch Russland die YPG in Afrin im Stich gelassen. Ein vom türkischem Staatschef Erdogan angekündigter Vormarsch seiner Armee entlang der Grenze nach Ost-Syrien scheint indes unwahrscheinlich, weil dort die USA mindestens fünf größere Militärstützpunkte errichtet haben.

4 000 US-Soldaten sind östlich des Euphrats stationiert. Ihr Hauptaugenmerk richtet sich nicht mehr auf den IS, sondern auf die pro-iranischen Kräfte, die die wichtigsten Landverbindungen in den Irak kontrollieren. Die Verbündeten des Iran in Syrien werden – aus geostrategischen Gründen – auch von Israel als gefährlicher als der sogenannte „Islamische Staat“ und andere Dschihadistenverbände eingestuft. Die Terrormiliz kontrolliert östlich der Golanhöhen, direkt an der Grenze zu Israel und Jordanien 25 Ortschaften, wird dort aber nicht aktiv bekämpft.

Wie viele der einst 25 000 aktiven Kämpfer der Terrororganisation inzwischen untergetaucht sind oder getötet wurden, ist unklar. Die Überlebenden, das gilt in Fachkreisen als sicher, werden, in neuer Uniform, rasch eine „Beschäftigung“ im Bürgerkriegssyrien finden.


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