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Spanien und die EU: Keinesfalls gleichgültig
International 3 Min. 24.05.2019 Aus unserem online-Archiv

Spanien und die EU: Keinesfalls gleichgültig

Spanien und die EU: Keinesfalls gleichgültig

Bild: Reuters/Vincent West
International 3 Min. 24.05.2019 Aus unserem online-Archiv

Spanien und die EU: Keinesfalls gleichgültig

Die Spanier sind noch immer ganz zufrieden mit der Europäischen Union. Auch wenn der Ruf während der Wirtschaftskrise gelitten hat

Von Martin Dahms (Madrid) 

Wenn man Josep Borrell fragt, welches die großen Feinde der europäischen Idee seien, antwortet der spanische Außenminister wie alle überzeugten Europäer: „der Nationalpopulismus“. Aber erst an zweiter Stelle. Die größere Gefahr sieht der ehemalige Präsident des Europaparlaments und diesjährige Spitzenkandidat der spanischen Sozialisten für die Europawahlen in der „Gleichgültigkeit“. 


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Viele Europäer stehen der Europäischen Union indifferent gegenüber. Manche Spanier auch. Aber die Madrider Freunde, die sich an diesem Nachmittag zu ihrer regelmäßigen tertulia – zum ausgiebigen Gespräch über alles – getroffen haben, nicht. „Europa ist für Spanien die Rettung“, sagt Luis Contreras, 58-jähriger Luftfahrtingenieur. „Dass uns Europa seine Gesetze auferlegt, ist für uns von großem Nutzen.“ Und alle sind einverstanden. 

Dass „Spanien das Problem“ und „Europa die Lösung“ sei, ist eine viel zitierte Sentenz des Philosophen José Ortega y Gasset aus dem Jahr 1910. Dass sie mehr als hundert Jahre später von vielen Spaniern immer noch als wahr erachtet wird, erklärt Bernardo Perea, 56-jähriger Mediziner, mit dem „gewaltigen Misstrauen gegen die hiesigen Politiker“ – im Vergleich zu denen könnten die viel geschmähten Eurokraten gar nicht schlechter sein. Bernardo Pereas Einschätzung ist eine gängige: In den Eurobarometer-Umfragen bekunden die Spanier ein deutlich höheres Vertrauen in die europäischen als in die heimischen Institutionen. 

In Spanien ist in den vergangenen Jahren einiges schiefgelaufen. Der Anschluss an den Euro, der dem Land eine starke Währung und niedrige Zinsen bescherte, schuf ungewollt die idealen Bedingungen für eine Immobilienblase, deren Platzen Spanien 2008 in eine Wirtschaftskrise stürzte, von der es sich bis heute nicht erholt hat. 2012 stand die EU mit einem Notkredit bereit, um die maroden Banken – vor allem jene, die aus den völlig kaputten Sparkassen hervorgingen – zu retten, was aber dem Ruf der Union wenig nutzte. Vor allem die Linkspopulisten von Podemos schimpften über die vorgeblich von Brüssel (und natürlich Berlin) „aufgezwungene Austerität“. 

Langsam kommt das Vertrauen in die EU-Institutionen zurück 

Seit 2013 wächst die spanische Wirtschaft wieder, und zwar über dem EU-Durchschnitt, und langsam kommt auch das Vertrauen in die europäischen Institutionen zurück. Viele wussten sowieso, dass Spaniens Probleme hausgemacht waren, dass die heimischen Banken, unbehelligt von der Politik und der spanischen Zentralbank, die Immobilienblase rücksichtslos aufgepumpt hatten. Dafür waren weder Brüssel noch Berlin verantwortlich. 

Die Folgen der Krise heute: 14,7 Prozent Arbeitslosenrate, die zweithöchste der Union, und eine Staatsschuld, die 97,1 Prozent des BIP entspricht. Spanien wird kein einziges Ziel der EU-„Strategie 2020“ erreichen: weder in Sachen Beschäftigung, noch Forschung und Entwicklung, noch Klimawandel, noch Bildung, noch Armut und soziale Ausgrenzung. Was kann die EU tun? Drängen und mahnen. Und, wenn es nach den Madrider Freunden geht, weiter zusammenwachsen. „Eine Bundesrepublik Europa“, wünscht sich Luis Lázaro, 58-jähriger Musikproduzent. Und wieder sind alle einverstanden. 

Europaföderalisten sind in Spanien nicht in der Mehrheit, aber der ganz großen Mehrheit der Spanier ist doch klar, dass ihnen die EU keinen Schaden getan hat. Die zur tertulia versammelten Madrider Freunde sind alt genug, um sich an die Zeiten vor Spaniens EU-Beitritt 1986 zu erinnen und noch an die Franco-Zeit. „In 80 Prozent des Landes herrschte Mittelalter – mit etwas elektrischem Licht“, sagt Luis Contreras. Dahin will niemand zurück, und deswegen können sie sich die Zukunft nur europäisch vorstellen. Sie werden wählen gehen, „auch, wenn ich die Kandidaten nicht kenne“, gesteht Paz Rodríguez, 50-jährige Sekretärin, ein. Niemand aus der Runde kennt die Kandidaten fürs Europaparlament, was bemerkenswert ist, weil alle politisch interessierte Menschen sind. „Wählen gehen ist ein Glaubensakt“, sagt die 59-jährige Psychologin Ana Fonseca. „Ich gehe wählen, damit Europa im Laufe der Zeit etwas Größeres wird, als es jetzt schon ist.“


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