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Sommerserie Europaparlament: Generation Europa
International 5 Min. 10.08.2017

Sommerserie Europaparlament: Generation Europa

 In allen Fraktionen des Europaparlaments findet man junge Politiker, die entscheiden, ihre politische Karriere sofort Europa zu widmen.

Sommerserie Europaparlament: Generation Europa

In allen Fraktionen des Europaparlaments findet man junge Politiker, die entscheiden, ihre politische Karriere sofort Europa zu widmen.
Foto: LW-Archiv
International 5 Min. 10.08.2017

Sommerserie Europaparlament: Generation Europa

Diego VELAZQUEZ
Diego VELAZQUEZ
Das Europaparlament wird entgegen alter Klischees zum Magnet für junge Politiker.

Von Diego Velazquez (Brüssel)

Die Jeansjacke über dem schwarzen T-Shirt wirkt gleichzeitig stylish und entspannt. Das Tuch im Haar erzeugt einen ähnlichen Effekt – es wirkt natürlich locker, aber auch selbstbewusst. Selbstbewusst anders, als das, was man in den Gängen der Brüsseler und Straßburger EU-Machtmaschinerie erwarten würde.

Terry Reintke, Jahrgang 1987, EU-Abgeordnete der Fraktion der Grünen, wird manchmal in der Kantine des Europaparlaments für eine Praktikantin gehalten. Dabei ist die junge Deutsche genau wie Viviane Reding, Guy Verhofstadt oder Elmar Brok eine der 751 Abgeordneten, die das europäische Volk in Brüssel und Straßburg direkt vertreten.

Reintke ist kein Einzelfall. In allen Fraktionen des Europaparlaments findet man junge Politiker, die entscheiden, ihre politische Karriere sofort Europa zu widmen. Das wirkt vorerst erfrischend und gleichzeitig seltsam.

Mit 27 wurde Terry Reintke ins Europaparlament gewählt. Sie gehört zu den jüngsten Abgeordneten.
Mit 27 wurde Terry Reintke ins Europaparlament gewählt. Sie gehört zu den jüngsten Abgeordneten.
Foto: TR

EU-Politik, das erweckt oft das Bild der grauen und ewigen Europäer à la Jean-Claude Juncker, Herman Van Rompuy oder Werner Langen. „Hast du einen Opa, schick ihn nach Europa“, lautete es auch einmal. Doch gerade im Europaparlament bröckelt dieses Klischee an mehreren Stellen. „Viele Opas und Omas sieht man hier nicht mehr“, stellt Frank Engel fest, EU-Parlamentarier der CSV, Mitglied in der Fraktion der Europäischen Volkspartei.

Es hat sich etwas verändert, sagt Engel weiter. „Früher gab es eine gewisse Logik: Du hast in der Heimat deine Aufgabe gemacht, und dann gab es obendrein noch eine europäische Ehrenrunde“. Frank Engel, Jahrgang 1975, gehört auch zu jenen Politikern, deren erstes gewählte Mandat auf die EU-Bühne führte. 2009 war er 34 und wurde nach Straßburg und Brüssel gewählt. „Das wollte ich auch so“.

Engel und Reintke gehören Fraktionen an, die unterschiedlicher kaum sein könnten, wenn man die Extreme einmal ausklammert. Auf der einen Seite die etablierte und breite Volkspartei, aus der Politiker stammten, die das europäische Polit-Establishment seit jeher prägen und im EU-Parlament fast ein Drittel der Abgeordnete liefert.

„Die Konservativen“ heißt es manchmal in der Presse. Auf der anderen Seite die Grünen, die auf EU-Ebene noch über jene freche Unschuld verfügen, die sie bei Regierungsbeteiligungen in einigen Mitgliedstaaten etwas verloren haben. Und dennoch sind sich beide Politiker weitgehend einig, wenn sie über die neue Generation europäischer Volksvertreter sprechen.

Erasmus-Generation

„Viele haben Erasmusstudien gemacht, kommen aus gemischten Ehen und haben Europa auf eine ganz andere Art und Weise kennengelernt, als die Generation vor ihnen“, meint Engel. „Sie sind in einem Europa mit Schengen und dem Euro aufgewachsen.

Dann ist es auch logisch, dass sie ein politisches Engagement in Europa interessanter finden als in einem deutschen Landestag“. Dass dieses Europa gerade bedroht ist und ein Bekenntnis braucht, macht dieses Engagement vielleicht noch logischer, urteilt Terry Reintke.

„Gerade seit der Finanz- und Wirtschaftskrise sind wir wieder dem nationalen Denken etwas verfallen und denken, die Finnen wollen das, die Luxemburger wollen das, die Deutschen wollen das, wohingegen ich immer stärker das Gefühl habe, dass es eine Generation von Europäer gibt, die gemeinsame Interessen haben – egal, von wo sie herkommen.“

Mit 34 war er erstmals dabei, CSV-Mann Frank Engel.
Mit 34 war er erstmals dabei, CSV-Mann Frank Engel.
Foto: Guy Jallay

Die Abstimmung über den Brexit, so die Politikerin weiter, habe gezeigt, dass besonders junge Menschen sich europäisch fühlen. Dieses generationsbezogene Element hat auch parteiübergreifende politische Konsequenzen, so Reintke und Engel.

„Man trifft im Europaparlament eine Generation, die ähnlich tickt und für die ein Bild von Europa im Vordergrund steht und nicht mehr hier sind, um rein nationale Interessen zu verteidigen“, sagt Engel.

Zudem gibt es Themen, die europaweit als Jugend-Probleme gesehen werden können. Oft sucht man in der europäischen Union nach geografischen Trennlinien. In der Flüchtlingsfrage wird oft von einer Kluft zwischen Ost- und Westeuropa gesprochen, in Euro- und Wirtschaftsfragen gibt es Spannungen zwischen Nord- und Südeuropa. Doch sind diese Lesarten nicht die einzig möglichen.

Junge Politiker müssen erst einmal beweisen, dass sie etwas können. Bei älteren Männern in Anzügen geht man aber gleich davon aus.

Es gibt auch politische Fragen, die die Jugend in ganz Europa beschäftigen. „Prekäre Arbeitsbedingungen, Jugendarbeitslosigkeit, mehr soziale Absicherungen ... Es gibt gemeinsame Interessen einer europäischen Jugend“, erklärt Reintke. Hier scheint die Trennlinie eher generationsbezogener Natur zu sein.

Und neben diesen Interessen gibt es auch Themenbereiche, in denen eine junge Generation von Politikern einfach über mehr Expertise verfügt, als die davor. Themen, die immer wichtiger werden, wie etwa die Digitalisierung.

Wer etwas über die Herausforderungen in diesem Bereich erfahren will, redet in Brüssel lieber mit Julia Reda, 31-jährige Abgeordnete der Piratenpartei, als mit dem ehemaligen zuständigen Ressortkommissar Günther Oettinger, Jahrgang 1953.

Reda, die auf ihrem persönlichen Blog über jedes Detail von EU-Gesetzgebungen zur Digitalisierung aufklärt, wirkt bei diesem Thema auch viel überzeugender als der 62-jährige Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der immer wieder Witze darüber macht, dass er nichts von moderner Technologie verstehe. Hier wirkt das junge Alter schon fast wie ein politischer Vorteil.

Hartnäckige Klischees

Und dennoch müssen sich junge Abgeordnete in Straßburg und Brüssel ihre Glaubwürdigkeit wegen ihres Alters manchmal hart erkämpfen. „Irgendwie wird man automatisch ernster genommen, sobald das Alter mit einer vier beginnt“, bedauert Frank Engel, der das Gefühl hat, dass verschiedene Dinge nun selbstverständlicher sind als während seines ersten Mandats.

Bei Terry Reintke ist das besonders auf den sozialen Netzwerken spürbar – und auf besonders aggressive Art und Weise. Sie muss sich immer wieder die gleichen Kommentare anhören. „Ich bin dumm, ich bin unerfahren und habe keine Ahnung vom Leben und soll die Fresse halten.“

Wir brauchen natürliche mehr junge Minister und Ministerinnen sowie mehr junge Kommissare und Kommissarinnen.

„Junge Politiker müssen erst einmal beweisen, dass sie etwas können. Bei älteren Männern in Anzügen geht man aber gleich davon aus“, sagt sie. Das stört und hat einen Einfluss darauf, wie selbstbewusst man in eine Debatte geht, bedauert Reintke.

Dies sei allerdings ein Problem, so Reintke weiter, das man nicht nur im Europaparlament findet. Als Federica Mogherini, die damals Anfangs 40 war, 2014 Außenbeauftragte der EU wurde, gab es Politiker, die sie als zu unerfahren empfanden und ihr die Aufgabe nicht zutrauten. „Dabei war sie die Außenministerin Italiens! Da reißt mir der Geduldfaden! Man muss nicht 60 sein, um das Recht auf eine politische Meinung zu haben ...“

Das Europaparlament bietet demnach eine Bühne, um einige dieser hartnäckigen Stereotype zu brechen. „Wir brauchen natürliche mehr junge Minister und Ministerinnen sowie mehr junge Kommissare und Kommissarinnen“, erklärt Terry Reintke, „aber faktisch ist es so, dass gerade im EU-Parlament diese Erasmus-Generation direkt vertreten ist“.

Es wird schwierig sein, Regierungen und die Kommission, wo Vertreter von Regierungen ernannt werden, schnell zu verjüngen, doch das direkt gewählte Europaparlament hingegen, kann durch seine internationale Visibilität zeigen, dass die Jugend sowohl europäisch, als auch politisch aktiv und kompetent sein kann. Gut so. Für Europa, Jugend und Demokratie.


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