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Somaliland - arm, aber friedlich
International 6 Min. 20.10.2021
Nicht anerkannter Staat

Somaliland - arm, aber friedlich

Eine Straßenszene in Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland.
Nicht anerkannter Staat

Somaliland - arm, aber friedlich

Eine Straßenszene in Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland.
Foto: AFP
International 6 Min. 20.10.2021
Nicht anerkannter Staat

Somaliland - arm, aber friedlich

Warum es dem international nicht anerkannten Somaliland besser geht als vielen anderen Staaten Afrikas.

Von Pierre Heumann (Tel Aviv)

Somaliland existiert nicht – zumindest nicht auf offiziellen Dokumenten. Denn der Staat am Horn von Afrika mit seinen knapp vier Millionen Einwohnern wird von der internationalen Gemeinschaft nicht anerkannt. 

Dabei findet in Somaliland seit drei Jahrzehnten ein einzigartiges Experiment statt, das den Nutzen der milliardenschweren Engagements des Westens in armen Ländern in ein schiefes Licht rückt.

Ein Markt in Hargeisa in Somaliland. Von außen fließt wenig Geld in den international nicht anerkannten Staat.
Ein Markt in Hargeisa in Somaliland. Von außen fließt wenig Geld in den international nicht anerkannten Staat.
Illustration: Shutterstock

Denn die Erfahrung Somalilands zeigt, dass ein armes Land seinen Bürgern Stabilität und ein gewaltfreies Leben ermöglichen kann, ohne vom Westen Hilfsgelder zu erhalten. Somaliland, meint deshalb der Historiker Gérard Prunier, der seit Jahrzehnten auf die Entwicklung am Horn von Afrika spezialisiert ist, sei „ein Beispiel für den Rest des afrikanischen Kontinents“.

Autonomie als Quelle der Kraft

Somaliland hat sich 1991 von Somalia losgesagt und seine Unabhängigkeit erklärt. Es ist ein stabiles Staatsgebilde, herrscht über ein definiertes Territorium, hat ein Staatsvolk und sogar eine eigene Währung – aber von den meisten Ländern der Welt wird die Unabhängigkeit nicht anerkannt. Afrikanische Herrscher fürchten, mit einer Anerkennung Somalilands Unabhängigkeitsbewegungen in ihren Ländern zu ermutigen, und der Westen will verhindern, Anstrengungen zur Stabilisierung der Republik Somalia zu unterminieren.


A woman sits outside the huts at the El-Miskin Internal Displaced Camp on August 20, 2020 in Maiduguri. - The security situation is still extremely volatile in northeastern Nigeria, and jihadists from Boko Haram or the Islamic State in West Africa (Iswap) group control large areas of the territory, particularly around Lake Chad and the border with Niger. (Photo by AUDU MARTE / AFP)
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Die Nicht-Anerkennung hat zwar Nachteile, meint die australische Politikwissenschaftlerin Sarah G. Phillips, die im vergangenen Jahr ein Buch über Somaliland mit dem Titel „When There Was No Aid“ veröffentlicht hat. So gebe es keine Postverbindungen mit der Welt, sondern nur private Kurierdienste. Weil die Integration ins globale Bankensystem nicht möglich sei, müssen Geldüberweisungen über das informelle Transfersystem Hawala abgewickelt werden. Versicherungsfirmen scheuen zudem das Risiko, sich in dem nicht-anerkannten Land zu engagieren, was ausländischen Firmen die Lust am Investieren nimmt.

In Hargeisa bestehen die Hauptaufgaben der Behörden darin, für die Abfallbeseitigung und die Erstellung ausgewogener Budgets zu sorgen.
In Hargeisa bestehen die Hauptaufgaben der Behörden darin, für die Abfallbeseitigung und die Erstellung ausgewogener Budgets zu sorgen.
Illustration: Shutterstock

Aber die Isolation hat auch Vorteile. Somaliland hat praktisch keine Auslandsschulden, muss sich weder vom Internationalen Währungsfonds noch von der Weltbank eine Wirtschaftspolitik vorschreiben lassen, die die Armen auf die Straße treibt. Weil internationale Investoren einen großen Bogen um Somaliland machen, musste die Regierung von Anfang an darauf achten, interne Geldquellen anzuzapfen, weil es sich nicht auf großzügige Geberländer verlassen kann. „Die Autonomie vom internationalen System ist eine Quelle der Kraft“, sagt deshalb Phillips. Der Westen müsse, fordert sie, „die Art und Weise völlig neu überdenken, wie er Hilfe leistet“.

Der an der Universität Leipzig lehrende Markus Höhne sieht in der Nicht-Anerkennung ebenfalls Vorteile: „Je mehr die Menschen selber machen und entscheiden, umso besser und nachhaltiger ist es“. Aufgrund des Abseitsstehens von Geberländern sei Somaliland gezwungen, eigenverantwortlich zu handeln. Die Nicht-Anerkennung und der fehlende Zugang zu großen Investitionen aus dem Ausland sei sogar ein Segen, weil es Korruption ersticke, meint Höhne, der Somaliland seit gut 20 Jahren kennt und die Lokalsprache Somali beherrscht.

Hochschulabsolventinnen in Hargeisa hoffen auf eine gute Zukunft.
Hochschulabsolventinnen in Hargeisa hoffen auf eine gute Zukunft.
Foto: AFP

In den 1990er-Jahren hatten die Vereinten Nationen versucht, die Loslösung Somalilands aus der Republik Somalia zu hintertreiben. Um Somalilands Abspaltung zu verhindern, habe die UN sogar aktiv mit den Warlords im Süden Somalias zusammengearbeitet. Somaliland sei „nicht wegen, sondern trotz der UN weitergekommen“, ist der 46-jährige Somaliland-Experte überzeugt.

Bettelarmes Land

In den vergangenen Jahren habe das Land zwar bemerkenswerte Fortschritte gemacht, erkennt die Weltbank in einem Bericht an. Aber bleibe ein bettelarmes Land. Es gehöre zu den ärmsten der Welt, so die Weltbank. Die ökonomische Basis ist schmal. Kamelzucht, Khat-Handel und vor allem Überweisungen von Somaliländern, die im Ausland arbeiten – in den Golfländern oder in Europa zum Beispiel. Aber die größte Leistung Somalilands sei die friedliche Entwicklung, die es von der Gewalt in Somalia stark abhebe.

Der Khat-Handel ist eine der seltenen Einkommensquellen in Somaliland.
Der Khat-Handel ist eine der seltenen Einkommensquellen in Somaliland.
Foto: AFP

Besonders krass ist die Armut in den Dörfern und unter Nomaden. Nur die Hälfte der Bürger kann lesen und schreiben. Die Kindersterblichkeit ist rekordverdächtig hoch: Eines von 14 Neugeborenen überlebt die ersten zwölf Monate nicht.

Und doch: Im Vergleich zur Republik Somalia, von der sich Somaliland abgespalten hat, ist der nicht-anerkannte Staat eine Erfolgsgeschichte. In Somalia wurden zwar Milliardenbeträge investiert, für humanitäre Hilfe, aber vor allem für Militäreinsätze. Allein, Somalia ist der Inbegriff eines gescheiterten Staates, in dem anarchische Verhältnisse den Terrorismus nähren.

Stabilität

Nicht so in Somaliland. Es ist ein stabiles Land, in dem Konflikte weitgehend gewaltfrei gelöst werden. Die Straßen seien wahrscheinlich die sichersten in Afrika, meint der Historiker Prunier. 99 Prozent der Bevölkerung sind zwar Muslime – aber in Somaliland entstand keine radikal-islamische Bewegung. Abfallbeseitigung und ausgewogene Budgets sind die Hauptaufgaben, denen man sich in Hargeisa, der Hauptstadt Somalilands, stelle.


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Auch wenn die Demokratie Somalilands nicht perfekt ist: Seit 2003 wurden drei Präsidenten gewählt, es wurden mehrere Kommunalwahlen abgehalten, und erstmals nach 16 Jahren ist es in diesem Sommer wieder zu Parlamentswahlen gekommen. Es zeigte sich, dass Somalilands Demokratie funktioniert, nachdem zwei Oppositionsparteien die Mehrheit gewonnen hatten. Die Wahl stand in deutlichem Kontrast zu der Gewalt und Korruption, die den Nachbarstaat Somalia weiterhin plagen, weil die Terrormiliz Al Shabaab weiter an Boden gewinnt.

Die international nicht anerkannte „Republik Somaliland“, heißt es in einem Bericht der deutschen Migrationsbehörden zu einem Asylantrag eines Somaliländers, habe in den meisten von ihr beanspruchten Gebieten „für Frieden gesorgt und gleichzeitig eine verhältnismäßig stabile demokratische Ordnung aufrechterhalten“. Lediglich im Osten Somalilands gibt es noch unsichere Gebiete, die von der Regierung in Hargeisa nicht kontrolliert werden.

Hargeisa bei Nacht.
Hargeisa bei Nacht.
Foto: AFP

Die Isolation erweist sich insgesamt gesehen als Pluspunkt. Wegen der knappen Geldmittel, die ins Land fließen, besteht kein Anreiz, die Macht mit Gewalt an sich zu reißen und zu behalten. „Deswegen“, so Höhne, „gibt es diesen vergleichsweise erfolgreichen demokratischen Prozess.“ So habe die Guerillabewegung Somali National Movement (SNM), die 1991 den Nordwesten Somalias für unabhängig erklärt hatte, bereits nach zwei Jahren die Macht freiwillig abgetreten. „Das“, meint Höhne, „hätte sie nie getan, wenn Hunderte von Millionen Dollar ins Land geflossen wären.“

Keine Waffenlieferungen

Für internationale Geberländer und Entwicklungsagenturen ist Somaliland aber kaum existent. So setzt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit Somaliland in Anführungszeichen, um zu betonen, dass der Staat nicht anerkannt wird. Reisewarnungen der US-Behörden für Somalia schließen Somaliland mit ein, was die Sicherheitssituation in Somaliland aber nicht reflektiere, meint der Außenminister von Somaliland, Saad Ali Shire. Bronwyn Bruton, Direktorin des Africa Center am Atlantic Council, gibt ihm recht: „Somaliland wird effektiv als Geisel des Chaos im Süden Somalias gehalten, was äußerst unfair ist“.


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Waffenexporteure meiden den Staat ebenfalls, weil sie ihn als Teil Somalias betrachten. Wegen der chronischen Gewalt in Somalia und der davon ausgehenden Gefahr für die Stabilität der Region hat der UN-Sicherheitsrat ein Waffenembargo verhängt, das auch gegenüber Somaliland angewandt wird, obwohl die Lage dort stabil und ruhig ist. Doch in der Hauptstadt Hargeisa weiß man sich zu helfen. Wer dort bei der Polizei anheuert, muss seine eigene Waffe mitbringen.

Quellen: Höhne, Markus V.: Against the Grain: Somaliland‘s Secession from Somalia, 2019

Sarah G. Phillips: When There Was No Aid. War and Peace in Somaliland, Cornell University Press, 2020

Gérard Prunier: The Country That Does Not Exist, Hurst, 2021

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