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Senator John McCain ist tot
International 4 Min. 24.08.2018 Aus unserem online-Archiv

Senator John McCain ist tot

John McCain hinterlässt ein Vakuum, das nur schwer zu füllen sein wird.

Senator John McCain ist tot

John McCain hinterlässt ein Vakuum, das nur schwer zu füllen sein wird.
Foto: AFP
International 4 Min. 24.08.2018 Aus unserem online-Archiv

Senator John McCain ist tot

John McCain überlebte den Vietnam-Krieg, widerstand Folter und Gefangenschaft und steckte eine schwere politische Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen 2008 weg. Er ließ eine Menge Demütigung durch Donald Trump an sich abperlen. Seinen letzten Kampf gegen den Krebs verlor er.

Von Thomas Spang  (Washington) 

Um John McCain trauern nicht nur Republikaner. Der konservative Senator aus Arizona gehörte zu den wenigen Ausnahmen im polarisierten Politbetrieb der USA, die über die Parteigrenzen hinweg Anerkennung genießen. Ein Außenseiter im besten Sinne des Wortes, der Respekt dafür verdiente, das Trauma von fünf Jahren Gefangenschaft in Nordvietnam inklusive Isolationshaft und Folter ungebrochen weggesteckt zu haben.

Freunde und Kollegen im Senat sahen McCains zuletzt in der Rolle des "Elder Statesmen", der als Gegenmodell der traditionellen Republikaner zu dem sprunghaften Präsidenten diente. Als er sich im Juli 2017 für einen operativen Eingriff aus dem Senat abmeldete, fehlte plötzlich eine gewichtige Stimme.Was zunächst nach einem Blutgerinnsel über dem linken Auge aussah, entpuppte sich als Glioblastom, ein aggressiver Gehirntumor dem sein Freund, Senator Ted Kennedy ein paar Jahre vor ihm erlegen war.

Unmittelbar nach seiner Krebsdiagnose hielt McCain eine bemerkenswerte Rede, die zu einem Credo seiner Ausnahme-Karriere geriet."Welcher größeren Idee können wir zu dienen hoffen, als dazu beizutragen, dass Amerika das starke, inspirierende Leuchtfeuer der Freiheit bleibt, die Verteidigerin der Würde aller Menschen und ihres Rechts auf Freiheit und gleiche Rechte?", so McCain ebenso leidenschaftlich wie Trump-kritisch. Dessen "America-Zuerst"-Patriotismus verurteilte er als "halbgaren, unechten Nationalismus, der von Leuten ausgeheckt wurde, die lieber Sündenböcke finden, als Probleme zu lösen."

Die Abneigung für Trump beruhte auf Gegenseitigkeit. Legendär ist Trumps verächtlicher Kommentar über McCains Vietnam-Gefangenschaft. "Ich mag Menschen, die nicht gefangen genommen wurden, okay?", twitterte Trump im Wahlkampf, obwohl er selber niemals die Uniform getragen hatte. "Ich habe härteren Gegnern gegenüber gestanden" konterte McCain.

John Sidney McCains Soldaten-Vita kündigte sich schon mit der Geburt am 29. August 1936 auf der US-Militärbasis "Coco Solo" in Panama an. Er ist sowohl Sohn als auch Enkel von Vier-Sterne-Admirälen. Der Familientradition folgend besuchte er die prestigeträchtige Marineakademie in Annapolis und stieg zum Marinepiloten auf.


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Als die USA ihr Militärengagement in Vietnam verstärkten, meldete er sich für Kampfeinsätze. Bei einem Bomberangriff am 26. Oktober 1967 über Hanoi geriet sein Flugzeug unter gegnerisches Feuer. Abgeschossen und schwer verwundet wachte McCain in nordvietnamesischer Gefangenschaft wieder auf. Fünfeinhalb Jahre erduldete er die Kriegsgefangenschaft bei den Vietcong. Die schweren Folterungen hinterließen Spuren bis an sein Lebensende.

Seine Vietnam-Erfahrungen haben McCains Sicht auf die Rolle Amerikas in der Welt stark geprägt. James Jeffrey, der unter den Präsidenten George W. Bush als stellvertretender Nationaler Sicherheitsberater diente, meint, McCain könne glaubwürdig als Falke auftreten, "weil kaum jemand unter Washingtons Politikern selber mehr mit Blut gezahlt hat wie er."

McCains Politikkarriere begann 1983 als er für die Republikaner ins Repräsentantenhaus einzog. Schon vier Jahre später wechselte er in den Senat und vertrat dort seine Wahlheimat Arizona. Während seiner langen Zeit als Senator wurde McCain zur führenden Figur seiner Generation in außen- und verteidigungspolitischen Fragen. Nachdem Berichte über Gefangenenmisshandlung und den Gebrauch brutaler Verhörmethoden aus Irak an die Öffentlichkeit kamen, setzte sich das Folteropfer McCain an die Spitze einer Bewegung im Kongress, die darauf abzielte, Folter gesetzlich zu verbieten. Mit großer Leidenschaft und Überzeugungskraft überzeugte er seine Kollegen, der Regierung Grenzen zu setzen. Im Kampf um die Werte müssten Menschenrechte eingehalten werden, argumentierte er, "ganz gleich, wie schrecklich unsere Gegner auch sein mögen."


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Mit George W. Bush, der auf der anderen Seite der Debatte stand, verband ihn seit den Vorwahlen 2000 ein schwieriges Verhältnis. McCain verlor überraschend in New Hampshire gegen seinen Parteifreund. Von den Partei-Oberen wenig unterstützt, stand er kurz davor, die Republikaner zu verlassen. 2008 wollte McCain es noch einmal wissen. Er sicherte sich die Nominierung der Republikaner, war dann aber Leidtragender der Wirtschaftskrise, die die Finanzmärkte an den Rand des Zusammenbruchs führten. Die Amerikaner wollten keinen weiteren Republikaner im Amt haben. Auch deshalb verlor er gegen den charismatischen Barack Obama.

Programmatisch zeigte sich John McCain als Senator und Präsidentschaftskandidat mitunter flexibel. Immer wieder leistete er sich die Freiheit von der offiziellen Linie seiner Grand Old Party (GOP), der Republikaner auszuscheren. Zum Beispiel war McCain grundsätzlich für den US-geführten Einmarsch im Irak unter Präsident Bush junior, kritisierte den Krieg aber später als Kette von Fehlern.

McCain war immer ein starker Befürworter der NATO und galt in außenpolitischen Fragen als Falke, etwa hinsichtlich des militärischen Wiederaufstiegs Russlands unter Präsident Putin oder der russischen Annexion der Krim. Aber er war auch bereit zum Frieden. Unter anderen spielte er eine entscheidende Rolle bei der Wiederannäherung an Vietnam.

Eine der wichtigsten Entscheidungen als Senator hatte nichts mit Außen- oder Sicherheitspolitik zu tun. Die traf er im Sommer 2017 kurz nach der Diagnose seines Gehirntumor. In einer nächtlichen Sitzung des Kongresses rettete McCain mit seiner Stimme die allgemeine Krankenversicherung "Obamacare". McCains Schritt bereitete der republikanischen Parteiführung und Präsident Trump damit eine peinliche Niederlage. Und rührte den demokratischen Minderheitsführer im Senat, Chuck Schumer zu Tränen.

In einer Stellungnahme nach seiner Stimmabgabe im Kongress fasste er seinen Ethos zusammen: "Wir müssen die harte Arbeit tun, die unsere Bürger von uns erwarten und die sie auch verdienen." Der unbestechliche Charakter McCains zeigte sich mitten im knallharten Kandidaten-Duell 2008. Er nahm einer Frau bei einer Wahlkampfveranstaltung das Mikrofon aus der Hand, als diese Obama mit rassistischen Untertönen denunzierte. „Nein, nein", erwiderte McCain, "er ist ein ehrenwerter Familienvater, ein Bürger, mit dem ich nur gerade ernste Meinungsverschiedenheiten in wichtigen Fragen habe“.

Mit dem Tod des anständigen Senators geht auch ein Stück Zivilisiertet in der amerikanischen Politik zu Ende. McCain hinterlässt ein Vakuum, das nur schwer zu füllen sein wird.  


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