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Sebastian Kurz werden Brüssel-Ambitionen nachgesagt
International 3 Min. 07.05.2021

Sebastian Kurz werden Brüssel-Ambitionen nachgesagt

„Sebastian Kurz ist wie Söder – nur besser“ titelte die deutsche Zeitung "Die Welt" über den österreichischen Kanzler.

Sebastian Kurz werden Brüssel-Ambitionen nachgesagt

„Sebastian Kurz ist wie Söder – nur besser“ titelte die deutsche Zeitung "Die Welt" über den österreichischen Kanzler.
Foto: AFP
International 3 Min. 07.05.2021

Sebastian Kurz werden Brüssel-Ambitionen nachgesagt

Manche Medien bringen den Namen des österreichischen Kanzlers Sebastian Kurz immer mal wieder ins Spiel, wenn es um die Besetzung der EU-Kommission geht.

Von Andreas Schwarz (Wien)

Es ist zwar schon ein paar Tage her, schlägt aber immer noch Wellen: Die deutsche Springer-Presse, gewohnte Adorantin des österreichischen Jungkanzlers Sebastian Kurz, nominierte diesen wieder einmal zum möglichen nächsten EU-Kommissionspräsidenten; der dementierte pflichtschuldigst; und seither wird wieder darüber diskutiert, zuletzt im linksliberalen „Standard“ mit dem bissigen Titel „Verdammt dazu, in Österreich zu bleiben“.

Sebastian Kurz: ein Mann wil hoch hinaus.
Sebastian Kurz: ein Mann wil hoch hinaus.
Foto: AFP

Es war die Zeitung „Die Welt“, die das beliebte Kurz-nach-Brüssel-Spiel wieder lostrat: „In Deutschland gilt Österreichs Kanzler manchen als 'Nationalpopulist'. Dabei führt er eine stabile schwarz-grüne Regierung. Und auch wenn es berechtigte Kritik an seiner Personalpolitik gibt, traut man ihm in Europa höhere Ämter zu“, streute das Blatt unter dem Titel „Sebastian Kurz ist wie Söder – nur besser“ dem Österreicher Rosen vor die Füße.

Ambitionen nach Höherem

Die Kurz-Verehrung hat viel mit einer damit insinuierten Kritik an der deutschen Langzeitkanzlerin Angela Merkel zu tun (mehrfach titelte die „Bild“ schon: „So einen brauchen wir auch“) und mit überzogener persönlicher Bewunderung für einen Jungpolitiker. Faktum ist aber auch, dass dem Kanzler ebenfalls in Österreich Ambitionen nach Höherem nachgesagt werden. 

Sebastian Kurz, eine sensible Seele, wenn es um Kritik an seiner Person geht.
Sebastian Kurz, eine sensible Seele, wenn es um Kritik an seiner Person geht.
Foto: AFP

Kurz positioniert sich immer wieder als glühender Europäer, der es aber anders machen will, mit traditionellen Positionen der EU-Schwergewichte gerne hart ins Gericht geht. Er hat als Außenminister den „Wir schaffen das“-Kurs der Angela Merkel konterkariert und sich als Schließer der Balkan-Fluchtroute inszeniert. Er zeigt immer wieder Verständnis für Viktor Orbán und die anderen Visegrad-Vertreter und deren Probleme mit der EU. Er fühlt sich als Speerspitze der sogenannten „frugalen Vier“ (Niederlande, Dänemark, Schweden und Österreich), die gegen die Ausweitung des EU-Budgets auftraten. Und er trat der EU bei der Impfstoffverteilung auf die Zehen (in Wahrheit allerdings, um von österreichischem Versagen bei der Impfstoffbestellung abzulenken).

Zugleich ist Kurz‘ Dünnhäutigkeit bekannt, was innere Entwicklungen betrifft. Kritik hält er schwer aus, von Medien – die mittels Message Control ohnehin hart an der Kandare gehalten werden – fühlt er sich immer wieder missverstanden, und dass die mit 31 Jahren angetretene Kanzlerschaft nur eine Karriere-Etappe ist, dass Kurz das kleine Österreich zu eng ist, wird hinter vorgehaltener Hand immer wieder kolportiert.

Eine Mimose

Jetzt gerade, da dem Kanzler und seinen Vertrauten die Chat-Protokolle aus diversen Postenschacher-Verfahren um die Ohren fliegen – „Du kriegst eh alles“ mit Kuss-Smileys hat Kurz an jenen Finanzamts-Kabinettschef gesimst, der sich die Ausschreibung für einen verstaatlichten Top-Job selbst zurechtgeschnitzt hat –, jetzt dürfte ihm die österreichische Polit- und Medienszene vielleicht besonders auf den Geist gehen.


ARCHIV - 01.02.2021, Österreich, Wien: Sebastian Kurz (ÖVP), Bundeskanzler von Österreich, spricht während einer Pressekonferenz nach einem Treffen der Bundesregierung mit den Landeshauptleuten zum Thema Lockdown. (zu dpa ««Der Standard»: Sebastian Kurz - Hero oder Zero? ») Foto: Helmut Fohringer/APA/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Der scheinheilige Sebastian Kurz
Seit bald zwei Jahren steckt Österreich in einer politischen Dauerkrise. Großen Anteil daran hat auch Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Dennoch dementiert er Ambitionen nach Höherem – muss er auch, selbst wenn er sie hätte. „Die 'Welt' handelt Sie als EU-Kommissionspräsidenten. War Ihre Impfkampagne für Bulgarien und Kroatien schon eine Wahlkampftour?“, wurde er im „Kurier“ gefragt. „Ich habe mich für eine andere Impfstoffverteilung aus Gerechtigkeitsüberlegungen eingesetzt. Kommissionspräsident 2024 schließe ich aus“, ist die Antwort. Man achte auf „2024“. Aber hätte Kurz überhaupt Chancen? 2024 schon gar nicht, schreibt der österreichische Experte für Europarecht, Stefan Brocza, im traditionell wenig Kurz-freundlichen „Standard“. Ursula von der Leyen sitze trotz „Sofagate“ fest im Sattel und werde wohl die Wiederwahl anstreben. Im Übrigen hat sich Sebastian Kurz damals mit der Unterstützung der Kandidatur Manfred Webers für den Kommissionspräsidenten kräftig verrannt.

Kritik von den frugalen Freunden

Unwahrscheinlich jedenfalls, dass die Europäische Volkspartei Kurz nominiere. Zumal sich die Frage stellen würde, „warum man jemanden wählen sollte, der die südlichen EU-Mitgliedstaaten als „Staaten, die in ihren Systemen kaputt sind“, bezeichnet hat? Warum man jemanden nominieren sollte, der als Teil der 'frugalen Vier' nicht bereit war, Geld in die Hand zu nehmen, um die Ungleichheit zwischen den EU-Mitgliedstaaten zu verringern? Warum jemanden an die Spitze der EU-Kommission setzen, der in seinem bisherigen politischen Schaffen Solidarität immer nur als Einbahnstraße in seine Richtung eingefordert hat?“

Zuletzt, im Impfstoffstreit mit der EU, ist Kurz sogar aus den Reihen seiner frugalen Freunde Gegenwind entgegengeschlagen. Sich auf dem Parkett ganz oben in der EU zu bewähren, braucht halt noch einmal eine andere Behändigkeit als in den Niederungen der österreichischen Innenpolitik.

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