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„Schwerer Schlag“ für junge Demokratie
International 3 Min. 25.10.2021
Sudan

„Schwerer Schlag“ für junge Demokratie

Militärs patroullierten am Montag in den Straßen von Sudans Hauptstadt Khartum.
Sudan

„Schwerer Schlag“ für junge Demokratie

Militärs patroullierten am Montag in den Straßen von Sudans Hauptstadt Khartum.
Foto: AFP
International 3 Min. 25.10.2021
Sudan

„Schwerer Schlag“ für junge Demokratie

Wieder ein Putschversuch im Sudan? Wenn sich die Berichte aus Khartum bewahrheiten, ist es der zweite Umsturzversuch in wenigen Wochen.

Von Markus Schönherr (Kapstadt)

Der Flughafen ist umstellt, das Militär blockiert alle strategischen Verkehrsadern. Aus der sudanesischen Hauptstadt Khartum gab es am Montag kein Entkommen. Wer das Fernsehen einschaltete, hörte nur patriotische Lieder. Über den Verbleib des entführten Premierministers oder darüber, wer gegenwärtig die Regierung führt, schwieg der Staatsfunk zunächst. Das Internet ist abgeschaltet, doch für Beobachter ist klar: Einen Monat nach einem Putschversuch in dem ostafrikanischen Land ist es der Armee zu Wochenbeginn offenbar doch gelungen, die Macht an sich zu reißen.

Augenzeugen berichteten von „schwer bewaffneten Truppen“, die am Montagmorgen durch die Straßen von Khartum patrouillierten. Kurz vor Sonnenaufgang hätten Soldaten die Residenz von Ministerpräsident Abdalla Hamdok umstellt und den Regierungschef gezwungen, eine Machtübergabe zu verkünden. Da er sich weigerte, sei er verschleppt worden. „Zivile Mitglieder und etliche Minister der Übergangsregierung wurden von Militärkräften festgenommen und an einen unbekannten Ort geschafft“, teilte das Informationsministerium vor dem Online-Blackout mit. Kurz darauf seien Soldaten auch über die Nil-Brücke gedrungen, welche die Hauptstadt von der Nachbarstadt Omdurman trennt. Dort hätten sie den Staatssender gestürmt und etliche Mitarbeiter festgenommen.

Zehntausende Demonstranten protestierten gegen die Übernahme der Regierung durch die Armee.
Zehntausende Demonstranten protestierten gegen die Übernahme der Regierung durch die Armee.
Foto: AFP

In sozialen Medien kursierten Bilder von brennenden Autoreifen und Straßenbarrikaden: Wütende Männer vor Rauchschwaden, an ihrer Seite Frauen und selbst Kinder. „Regierungsstürze gründen oft in sozialer und politischer Unzufriedenheit“, sagt Mohamed Gaas, Forscher am Institut für Sicherheitsstudien (ISS) in Addis Abeba. Der Sudan stecke inmitten einer „schwierigen“ Übergangsphase. „Und angesichts seiner Vorgeschichte von Coups überrascht mich dieser hier auch nicht.“

Beide Lager genießen gesellschaftlichen Rückhalt, was die ganze Situation auf lange Sicht sowohl für das Land als auch seine Bevölkerung noch gefährlicher macht.

Mohamed Gaas, Forscher am Institut für Sicherheitsstudien (ISS) in Addis Abeba

Vor zweieinhalb Jahren war es in Khartum und anderen Städten zu Massenprotesten gekommen. Frauen und Demokratieaktivisten spielten eine zentrale Rolle bei dem Aufstand, der damals nach 30 Jahren die Gewaltherrschaft von Diktator Omar al-Baschir beendete. Nach al-Baschirs Entmachtung durch die Armee kam es zu vielen gesellschaftlichen Lockerungen. Frauenbeschneidungen wurden verboten, die unterdrückte christliche Minderheit durfte wieder frei ihren Glauben ausüben und der Bürgerkrieg in der Unruheregion Darfur wurde durch ein Friedensabkommen beendet.

UN fordert „Rückkehr zum Dialog“

Jedoch brodelt es in der Übergangsregierung schon länger. Militärische und zivile Mitglieder des „Souveränen Rates“ beschuldigen einander, die „Revolution“ von 2019 zu betrügen. Bereits vorigen Monat unternahmen Uniformierte deshalb einen Putschversuch. Einige Experten machten Schergen von Ex-Diktator al-Baschir verantwortlich. Doch General Mohamed Hamdan Dagolo, Vizepräsident des „Souveränen Rates“, beschuldigte niemand anderen als die zivilen Übergangspolitiker: „Sie haben die Türen für einen Coup geöffnet, da sie die Bürger und deren Lebensgrundlagen vernachlässigen.“

Letzte Woche gingen die Sudanesen erneut zu Zehntausenden auf die Straße. Sie forderten die vollständige Machtübergabe an eine Zivilregierung. Doch auch die Unterstützer der Armee demonstrierten. „Beide Lager genießen gesellschaftlichen Rückhalt, was die ganze Situation auf lange Sicht sowohl für das Land als auch seine Bevölkerung noch gefährlicher macht“, sagt Politikexperte Gaas.


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Für den wirtschaftlich schwer angeschlagenen Sudan ist der erzwungene Umbruch ein weiterer Rückschlag. Der US-Sondergesandte für Ostafrika, Jeffrey Feltman, der am Wochenende noch mit Sudans Machthabern sprach, zeigte sich am Montag „tief alarmiert.“ Ein erneuter Putsch wäre „inakzeptabel“ und würde zu einer Aussetzung der US-Hilfe führen. Auch die EU äußerte Sorge, während Human Rights Watch von einem „schweren Schlag“ gegen Sudans zivilen Übergangsprozess sprach. Unterdessen forderte der UN-Vertreter vor Ort, Volker Perthes, die Freilassung der inhaftierten Regierungspolitiker und eine „Rückkehr zum Dialog“.

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