Wählen Sie Ihre Nachrichten​

„Schwarzer Samstag“: Ausschreitungen bei Gilets-jaunes-Protest
Protestierende mit den sogenannten "gilets jaunes" am Samstag in Paris.

„Schwarzer Samstag“: Ausschreitungen bei Gilets-jaunes-Protest

AFP
Protestierende mit den sogenannten "gilets jaunes" am Samstag in Paris.
International 21 4 Min. 02.12.2018

„Schwarzer Samstag“: Ausschreitungen bei Gilets-jaunes-Protest

Mehrere Hundert Demonstranten in gelben Westen haben sich am Samstagmorgen rund um die Pariser Prachtstraße Champs-Élysées versammelt. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei.

(dpa) - Die gewalttätigen Krawalle bei Demonstrationen der Gilets jaunes in Paris haben in Frankreich chaotische Zustände ausgelöst. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron verurteilte die Ausschreitungen. „Die Verursacher dieser Gewalt wollen keine Veränderung, sie wollen keine Verbesserung, sie wollen Chaos“, sagte er am Samstagabend. Am Sonntag kam er mit Spitzenvertretern der Regierung zu einem außerplanmäßigen Krisentreffen zusammen.

Demonstranten hatten sich am Samstag Straßenschlachten mit der Polizei in Paris geliefert - Autos wurden in Brand gesetzt, Läden geplündert, Geschäfte beschädigt. Ganze Straßenzüge glichen einem Schlachtfeld. Besonders heftig waren die Ausschreitungen an diesem Samstag am Triumphbogen an der Spitze der Champs-Élysées. Hier hatten die Sicherheitskräfte Absperrungen aufgebaut. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein, in gelbe Warnwesten gekleidete Demonstranten versuchten immer wieder, Absperrungen zu durchbrechen. Auch dieses Mal brannten Stadtmöbel.

Die offizielle Bilanz der Behörden: Mehr als 100 Verletzte. Die Justizministerin gab am Sonntagabend an, dass sich 372 Menschen in Paris in Polizeigewahrsam befinden. Der Pariser Polizeichef Michel Delpuech sprach von einer „beispiellosen Gewalt“ - 412 Menschen seien vorläufig festgenommen worden, ein Niveau, das in den vergangenen Jahrzehnten nicht erreicht wurde.

Ein "schwarzer Samstag"

In Frankreich ist von einem „Schwarzen Samstag“ die Rede. Es ist das dritte Wochenende in Folge, an dem die Protestgruppe „Gelbe Westen“ im Land demonstriert. Ihr Ärger richtet sich gegen geplante Reformen der Regierung - aber auch direkt gegen Macron, dessen Politik sie für abgehoben halten. Immer wieder fordern „Gelbwesten“ seinen Rücktritt.


Bereits in der vergangenen Woche gab es Krawalle in Paris. Das Ausmaß der Gewalt ist dieses Mal jedoch viel größer. Auch in anderen Teilen des Landes kam es zu Zwischenfällen.

Macron machte sich am Sonntag ein Bild von der Lage. Er besuchte den Pariser Triumphbogen an der Spitze der Prachtstraße Champs-Élysées - dort war es am Samstag zu besonders schweren Ausschreitungen gekommen. Auf TV-Bildern und Videos im Netz war zu sehen, wie teils Vermummte das Denkmal stürmten und in den Innenräumen randalierten und plünderten. Schließlich dankte Macron den Einsatzkräften.

War die Gewalt absehbar?

Am Abend kündigte Macron an, den Premierminister gebeten zu haben, die Spitzen der im Parlament vertretenen Parteien zu treffen. Außerdem sollen auch Vertreter der Protestgruppe „Gelbe Westen“ empfangen werden, wie die französische Nachrichtenagentur AFP berichtete. Wann das Treffen stattfinden soll, war noch unklar.

Doch war die Eskalation der Gewalt absehbar? Seitens der Regierung heißt es, dass sich militante Rechte und Linke unter die Demonstranten gemischt hätten. Rechtsaußen Marine Le Pen - Unterstützerin der „Gelbwesten“ - wirft der Regierung Versagen vor. „Gibt es einen politischen Willen, die Dinge eskalieren zu lassen?“, fragt sie.

Studie beschäftigt sich mit Bewegung

Die „Gelben Westen“ - alles gewalttätige Schläger? Einer Studie der Jean-Jaurès-Stiftung zufolge sind besonders unter Arbeitern und Angestellten sehr viele Anhänger der „Gelben Westen“ zu finden. Die Bewegung, benannt nach den Warnwesten im Auto, ist breit und diffus. Hinter ihr steht keine Gewerkschaft und keine Partei.

Im gesamten Land gehen seit Wochen Hunderttausende auf die Straße - in der Regel verlaufen die Aktionen ohne größere Zwischenfälle. So auch in einem Protestcamp im Elsass - hier treten die „Gelbwesten“ friedlich auf. Männer und Frauen harren neben einem vielbefahrenen Kreisverkehr in einem Gewerbegebiet aus, um Steuersenkungen durchzusetzen. Auto- und Lastwagenfahrer hupen aus Solidarität beim Vorbeifahren, immer wieder bringen Unterstützer Lebensmittel vorbei.


Seit einer Woche protestieren die „Gelbwesten“ gegen die Reformpolitik von Macron.
„Gelbwesten“: Ausschreitungen auf Champs-Élysées
Die französische Regierung hatte es befürchtet: Der Protest der „Gelbwesten“ in Paris ist in Randale ausgeartet. Dabei boten die Champs-Élysées das Bild einer Straßenschlacht.

Nach Angaben der „Gelbwesten“ ist dieses elsässische „Hauptquartier“ 24 Stunden täglich besetzt. Planen schützen vor dem Regen, Pfade aus Holzplatten führen über den schlammigen Boden, ein Lagerfeuer aus gespendeten Paletten wärmt etwas. Sogar ein selbstgezimmertes Klo gibt es.

Auf notdürftig überdachten Sofas und in Zelten übernachten hier jeden Tag fünf bis sechs Menschen, wie ein 38-Jähriger sagt, der sich nur unter seinem Spitznamen „CRS“ vorstellt. „Das hier wird weitergehen. Die Dinge in Frankreich werden sich ändern, egal wie. Wir haben einen Präzedenzfall geschaffen“, sagt er.

Gilets jaunes wollen mehr

Präsident Macron hatte in der vergangenen Woche einen Kurswechsel in der Energiepolitik angekündigt. Die Kraftstoffsteuern sollten künftig an die Entwicklung des Weltmarktpreises für Öl gekoppelt werden, damit die Kosten für die Bürger nicht zu hoch steigen. Den „Gelben Westen“ reicht das nicht. „Der Staat hat uns keinen echten Vorschlag gemacht“, beklagt der 53-Jährige Laurent Fix, gesundheitsbedingt kann er nicht mehr arbeiten.


Protestors gather on the Champs Elysees as one is holding a French flag, in Paris on November 24, 2018 during a national rally initiated by the Yellow vests (gilets jaunes in french) to protest against rising oil prices and living costs. - Security forces in Paris fired tear gas and water cannon on November 24 to disperse protesters who tried to break through a police cordon on the Champs-Elysees. Several thousand demonstrators, wearing high-visibility yellow jackets, had gathered on the avenue as part of protests which began on November 17, 2018. (Photo by Lucas BARIOULET / AFP)
Der Frust der Franzosen
Es ist ein katastrophales Bild, das Frankreich mit den brennenden Champs-Elysées abgibt. Ein Kommentar von Christine Longin.

Pascal Arbre (41) aus dem Protestcamp im Elsass wählt drastische Worte. Macron betreibe „Steuer-Terrorismus“. Der Klimaschutz sei nur eine Ausrede - in Wahrheit gehe es bei den höheren Steuern auf Diesel nur darum, die Staatskassen irgendwie zu füllen. Abel Ouali, ein Mann mit Kaffee in der Hand, sagt: „Was mich auf die Straße getrieben hat, das waren die Steuern auf Sprit und Benzin.“ Und insgesamt habe er einfach die Schnauze voll von den hohen Steuern in Frankreich.



Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Le coma de la gauche
La gauche française avait perdu ses électeurs déjà, or voici qu'elle perd son fonds de commerce politique aussi, dans une «rue» que son électorat potentiel a investie sans elle, sans les socialistes et sans les Insoumis de Mélenchon. Une opportunité pour Le Pen?
TOPSHOT - People stand as a man gestures in front of gendarmes on Caen's circular road on November 18, 2018 in Caen, northwestern France, on a second day of action after a nationwide popular initiated day of protest called "yellow vest" (Gilets Jaunes in French) movement against high fuel prices which has mushroomed into a widespread protest against stagnant spending power under French President. (Photo by CHARLY TRIBALLEAU / AFP)
Gelbe Wut: Macron in Bedrängnis
Sie blockieren Straßen, Brücken und Kreuzungen - und randalieren in Paris: die „gelben Westen“. Ihre Wut richtet sich auch gegen den französischen Präsidenten. Der gibt sich gelassen - noch.
Die "gelben Westen" bringen ihren Ärger zum Ausdruck.