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Schicksalswahl in Frankreich: Historisch niedrige Wahlbeteiligung
International 3 Min. 07.05.2017

Schicksalswahl in Frankreich: Historisch niedrige Wahlbeteiligung

Bis zum Mittag ist der Andrang in den Wahllokalen noch mau.

Schicksalswahl in Frankreich: Historisch niedrige Wahlbeteiligung

Bis zum Mittag ist der Andrang in den Wahllokalen noch mau.
Foto: AFP
International 3 Min. 07.05.2017

Schicksalswahl in Frankreich: Historisch niedrige Wahlbeteiligung

Christoph BUMB
Christoph BUMB
Frankreich stimmt ab - und ganz Europa zittert: In der Endrunde der Präsidentenwahl stehen sich die Rechtspopulistin Marine Le Pen und der sozialliberale Senkrechtstarter Emmanuel Macron gegenüber. Bis zum Nachmittag ist der Andrang in den Wahllokalen noch mau.

(dpa/CBu) - Mit eher mäßiger Beteiligung hat am Sonntag die entscheidende Runde der französischen Präsidentenwahl begonnen. Bis zum Mittag gaben nach Angaben des Innenministeriums 28,23 Prozent der wahlberechtigten Franzosen ihre Stimme ab. Das waren zwar bereits fast genauso viele wie in der ersten Runde vor zwei Wochen. In den vergangenen Jahrzehnten war die Wahlbeteiligung im zweiten Durchgang aber immer höher gewesen als im ersten. Die Wahllokale sind noch bis 19 Uhr geöffnet, in großen Städten bis 20 Uhr. Dann gibt es auch die ersten Hochrechnungen.

Wie die französische Nachrichtenagentur AFP meldet, lag die Wahlbeteiligung am Sonntagnachmittag - Stand 17 Uhr - bei 65,3 Prozent, weniger als noch im ersten Wahlgang und auch weniger als in den vergangenen Jahren. 2012 lag der Andrang auf die Wahllokale in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen noch bei über 70 Prozent. Die Umfrageinstitute sehen ihrerseits schon eine endgültige Wahlbeteiligung von knapp 74 Prozent voraus.  Das wäre mit knapp vier Prozent nicht nur weniger als im ersten Wahlgang vor zwei Wochen, sondern auch ein historischer Tiefpunkt seit den Präsidentschaftswahlen im Jahre 1969.

Belgische Medien wie "Le Soir" oder "RTBF" melden ferner bereits, dass Emmanuel Macron laut nicht weiter erläuterten Umfragen vom Wahltag mit über 60 Prozent vor seiner Herausforderin Marine Le Pen liege. Die ersten verlässlichen Zahlen sollen aber erst nach Schließung der Wahllokale um 20 Uhr vorliegen.

Franzosen vor Richtungsentscheidung

Als klarer Favorit der europaweit mit großer Spannung verfolgten Wahl gilt der pro-europäische Mitte-Links-Politiker Emmanuel Macron. Er lag in letzten offiziellen Umfragen vom Freitag mit 62 bis 63 Prozent deutlich vor der Rechtspopulistin und EU-Gegnerin Marine Le Pen, die demnach lediglich auf 37 bis 38 Prozent käme.

Die Vorsitzende der Partei Front National will im Fall eines Wahlsiegs eine Volksabstimmung über den Verbleib Frankreichs in der EU organisieren und den Euro als gängiges Zahlungsmittel abschaffen. Dass sie nächste Staatschefin werden könnte, ist deswegen für viele Menschen in anderen EU-Staaten eine Horrorvorstellung.

Der frühere Wirtschaftsminister und Investmentbanker Macron gilt hingegen als Hoffnungsträger der Pro-Europäer. Er will die französische Wirtschaft mit Reformen wettbewerbsfähiger machen, damit sich sein Land in der Globalisierung besser behaupten kann. Zudem strebt er eine enge Partnerschaft mit Deutschland an.

Macron war von 2014 bis 2016 Wirtschaftsminister unter dem amtierenden sozialistischen Staatschefs François Hollande, der nicht wieder antritt. Er wäre mit 39 Jahren der jüngste französische Präsident aller Zeiten und tritt unabhängig von den etablierten Parteien an.

Beginn einer neuen politischen Ära

Macron stimmte am Sonntagvormittag gemeinsam mit seiner Frau Brigitte im nordfranzösischen Le Touquet am Ärmelkanal ab. Er wollte sich im Laufe des Wahltags nach Paris begeben und im Fall eines Wahlsiegs am Louvre-Museum im Herzen der französischen Hauptstadt feiern.

Le Pen gab ihre Stimme in Hénin-Beaumont ab. Der ebenfalls in Nordfrankreich gelegene Ort ist eine Hochburg ihrer Partei Front National (FN). In der Stadt hatte sie im ersten Wahlgang vor zwei Wochen 46,5 Prozent der Stimmen erhalten, landesweit waren es nur 21,3 Prozent.

Wie Macron wollte auch Le Pen später nach Paris fahren. Den Wahlabend verbringt sie in einem Veranstaltungsort im Bois de Vincennes, einem der beiden Pariser Stadtwälder.

Für Frankreich beginnt mit der Wahl in jedem Fall eine neue politische Ära. Denn die Bewerber der traditionellen Regierungsparteien - Konservative und Sozialisten - waren schon im ersten Wahlgang vor zwei Wochen ausgeschieden. Die gemäßigten Kräfte der französischen Politik stellten sich anschließend hinter Macron, um eine mögliche Präsidentschaft Le Pens zu verhindern. Allerdings lehnen viele linke Wähler Macrons wirtschaftsfreundliche Linie ab.

"Hackerangriff" überschattet Wahlkampfendspurt

Das Wahlwochenende wurde von der Veröffentlichung zahlreicher interner Dokumente aus dem Wahlkampf-Team Macrons überschattet. Seine Bewegung „En Marche!“ erklärte, die Daten seien bei einer „massiven und koordinierten“ Hacker-Attacke vor einigen Wochen gestohlen worden. Die erbeuteten Dokumente seien alle legal und zeigten die normale Funktionsweise eines Wahlkampfs - es würden aber auch gefälschte Dokumente verbreitet. Wer hinter dem Cyberangriff steckt, blieb zunächst unklar. „En Marche!“ erhob den Vorwurf, Ziel des Hacker-Angriffs sei eine Destabilisierung der Demokratie.

Der offizielle Wahlkampf war in der Nacht zum Samstag zu Ende gegangen, am Wochenende gab es keine Kundgebungen mehr. Fernseh- und Radiointerviews mit den Kandidaten waren verboten, auch neue Umfrageergebnisse durften nicht mehr veröffentlicht werden.

Vor dem Hintergrund der anhaltenden Terrorgefahr waren landesweit mehr als 50 000 Polizisten im Einsatz. Frankreich war in den vergangenen Jahren mehrfach Ziel islamistischer Anschläge. Erst Mitte April wurde bei einer Attacke auf dem Pariser Boulevard Champs-Élysées ein Polizist getötet.

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