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Schamlose Impfdrängler
International 2 Min. 25.02.2021

Schamlose Impfdrängler

Unzählige Mauscheleien wurden aus den Impfzentren in Beirut gemeldet. So sollen etwa zahlungskräftige Libanesen und Politiker bevorzugt geimpt worden sein.

Schamlose Impfdrängler

Unzählige Mauscheleien wurden aus den Impfzentren in Beirut gemeldet. So sollen etwa zahlungskräftige Libanesen und Politiker bevorzugt geimpt worden sein.
Foto: AFP
International 2 Min. 25.02.2021

Schamlose Impfdrängler

Im korruptionsgeplagten Libanon verstößt die Politik gegen die Impfreihenfolge. Jetzt droht die Weltbank mit einem Finanzierungsstopp.

Von Michael Wrase (Limassol)

„Für uns alle wird jetzt ein Traum wahr“, jubelte der libanesische Gesundheitsminister Hamad Hassan“, als am Valentinstag im Rafik Hariri-Hospital von Beirut die ersten Covid-Impfungen verabreicht wurden. Zwei Millionen Dosen des Corona-Impfstoffs von Pfizer/Biontech wurden bestellt, nachdem die Weltbank einen Kredit von 34 Millionen Dollar dafür bewilligt hatte. Die gerechte und transparente Verteilung der Impfdosen werde genau überwacht, twitterte der stellvertretende Regionaldirektor der Organisation, Ferid Belhaj. 

Um die womöglich lebensrettende Impfung zu bekommen, müssen sich alle Libanesen auf der Webseite des Beiruter Gesundheitsministeriums registrieren. Priorisiert werden – theoretisch – nur die über 75-jährigen sowie medizinisches Personal. Tatsächlich angewandt wurden und werden jedoch die im Libanon gültigen Regeln der Vetternwirtschaft, welche das Land in den Ruin getrieben haben. Anstatt die Impfreihenfolge einzuhalten bestanden Minister, Staatssekretäre und Parlamentsabgeordnete auf die gewohnte Vorzugsbehandlung und bekamen sie auch. 

Gewohnte Mauscheleien 

Ganz besonders schamlos verhielt sich die Familie von Staatspräsident Aoun, die nach Beiruter Presseberichten „gleich den ganzen Clan inklusive der Büroangestellten“ durchimpfen ließ. Unzählige Mauscheleien wurden auch aus den Beiruter Impfzentren gemeldet, in denen zahlungskräftige Libanesen zuerst an die Reihe kamen, während andere wie von Geisterhand von den Listen des Gesundheitsministeriums verschwanden. 

Im Verborgenen blieb die von der oppositionsnahen „Arabischen Reforminitiative“ angeprangerte „Politisierung der Impfstoffe und deren Verteilung auf klientelistischer Basis“ freilich nicht.


02.09.2020, Libanon, Beirut: Marie-Rose Tobbagi bei den Aufräumarbeiten in ihrem Haus in Mar Mikhail. Das 1898 erbaute Haus wurde bei der Explosion im Hafen Beiruts am 4. August stark beschädigt. Foto: Marwan Naamani/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Als die ersten 30 Namen prominenter Impfdrängler unter lautstarken Protesten von den Medien veröffentlicht worden waren, schaltete sich die Weltbank ein. Sollte sich das Land, allen voran die Politiker, nicht sofort an die Impfreihenfolge halten, werde man die Finanzierung des 34 Millionen teuren Impfprogramms unverzüglich stoppen, warnte Saroj Kumar Jha, der Regionaldirektor für den Mittleren Osten, auf Twitter. Hinter seinen Tweet setzte er den Hashtag „nowasta“, dem arabischen Wort für Vetternwirtschaft. 

Meine 86 Jahre alte Mutter muss warten, während ein nicht einmal 30 Jahre alter Enkel des Präsidenten geimpft wird.

Leila

„Ich appelliere an sie“, fügte er hinzu, „solange zu warten, bis sie an der Reihe sein“. Ein Finanzierungsstopp hätte für das bankrotte Land gravierende Folgen. Mehr als 320.000 der gut sechs Millionen Bürger haben sich seit Beginn der Pandemie mit dem Virus infiziert. Rund 3.400 Menschen sind bisher gestorben. Fast 100 Prozent der Intensivbetten sind belegt. An Covid-19 Erkrankte werden inzwischen in ihren auf Krankenhausparkplätzen abgestellten Autos behandelt. 


TOPSHOT - A man draped in a Lebanese flag reacts as he stands before the ravaged port of Lebanon's capital Beirut on August 9, 2020, in the aftermath of a colossal explosion that occurred days prior due to a huge pile of ammonium nitrate that had languished for years at a port warehouse. - The huge chemical explosion that hit Beirut's port, devastating large parts of the Lebanese capital and claiming over 150 lives, left a 43-metre (141 foot) deep crater, a security official said. The blast Tuesday, which was felt across the country and as far as the island of Cyprus, was recorded by the sensors of the American Institute of Geophysics (USGS) as having the power of a magnitude 3.3 earthquake. (Photo by PATRICK BAZ / AFP)
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Mit dem Beginn der Impfkampagne sehen die Libanesen zum ersten Mal ein wenig Licht am Ende des Tunnels. Entsprechend groß ist die Wut auf die Politikerklasse, die für die drohende Impfkatastrophe verantwortlich wäre. „Meine 86 Jahre alte Mutter muss warten, während ein nicht einmal 30 Jahre alter Enkel des Präsidenten geimpft wird“, empörte sich Leila auf Twitter. 

Erinnerung an Explosion in Beirut 

Andere Libanesen werfen der Politik vor, „über Leichen zu gehen“ und erinnern – sicherlich nicht zu Unrecht – an die verheerende Explosionskatastrophe im Beiruter Hafen im August 2020. Trotz zahlreicher Beweise und Dokumenten, aus denen zweifelsfrei hervorgeht, dass hochrangige Politiker von der Existenz des todbringenden Ammoniumnitrats gewusst haben, wurde bisher noch niemand zur Rechenschaft gezogen. 

Der zuständige Ermittlungsrichter verkündete in der letzten Woche, er werde die Untersuchungen ruhen lassen. Bis zum Ende des Corona-Lockdown.  

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