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Saarland: "Als befänden wir uns in den 1950er-Jahren"
International 3 Min. 17.03.2020

Saarland: "Als befänden wir uns in den 1950er-Jahren"

Die Grenzen zu den meisten Nachbarländern - hier die deutsch-französische Grenze im Saarland - sind dicht.

Saarland: "Als befänden wir uns in den 1950er-Jahren"

Die Grenzen zu den meisten Nachbarländern - hier die deutsch-französische Grenze im Saarland - sind dicht.
Foto: dpa
International 3 Min. 17.03.2020

Saarland: "Als befänden wir uns in den 1950er-Jahren"

Schulen werden geschlossen, Grenzgänger nach Hause geschickt: Auch das Saarland greift beim Corona-Virus zu drastischen Maßnahmen, die Erinnerungen an eine unabhängige Zeit wecken.

Von LW-Korrespondent Hans Giessen (Saarbrücken)

Das Saarland spielt eine Sonderrolle, als befänden wir uns in den 1950er Jahren, als das Land noch unabhängig von Deutschland ein eigenständiges Territorium war. Während die Außengrenzen von Deutschland am Montagmorgen geschlossen wurden, hat das Saarland bereits am vergangenem Donnerstag exakt um 17 Uhr mit verschärften Grenzkontrollen begonnen.

Seit vergangener Woche werden Franzosen mit Autokennzeichen aus dem Grand Est rigoros abgewiesen, vor allem, wenn sie husten oder fiebrig aussehen. Offiziell soll es zwar eine Sonderregelung für Grenzgänger geben, die im Saarland arbeiten. 


12.03.2020, Niedersachsen, Laatzen: SYMBOLBILD - Ein Schild mit einem durchgestrichenen Schriftzug "Schule" steht als Werbeaktion für Ausbildungsplätze vor dem Rathaus. Die Zahl der Corona-Infektionen klettert in die Höhe, zugleich werden immer mehr Maßnahmen zur Abwehr der Krankheit getroffen. Bundesweit wird über die zeitweise Schließung von Schulen diskutiert. Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Aber es ist nicht nur die neuen Grenzposten, die das verhindern. Behörden und Unternehmen sperren ihre Mitarbeiter aus dem Grand Est aus: "Personen mit Wohnsitz oder dauerhaftem Aufenthalt in den vom Robert-Koch-Institut ausgewiesenen Risikogebieten des Coronavirus, zuletzt erweitert um die französische Region Grand Est, wird der Zugang zu den Standorten der Universität bis auf Weiteres nicht gestattet", so bereits Mitte der vergangenen Woche die deutliche Ansage der Universität im Land. 

Auch das Saarland ist stellenweise auf Grenzpendler angewiesen

Diese Regelung gilt ähnlich im ganzen Landesgebiet, bei Behörden wie in der Privatwirtschaft. Dies hat insbesondere in der Landeshauptstadt dramatische Folgen. Hier gibt es nicht so viele Pendler wie in Luxemburg, aber auch im Saarland hängen verschiedene Berufe fast ganz von französischem Personal ab.

Das reicht vom Friseur bis zu den Reinigungskräften. Kaufhäuser suchen händeringend Kassierer und reaktivieren pensionierte deutsche Mitarbeiter. Die Stadt Saarbrücken ist noch nicht vermüllt, wie man es von Bildern aus Südeuropa kennt, wird aber doch zusehends schmutziger. An der Universität des Saarlandes im Saarbrücker Stadtwald quellen bereits die Mülleimer über, seit Tagen gibt es hier niemanden mehr, der sauber machen könnte – das Reinigungspersonal stammt aus dem Mosel-Department. 

Beamte der Bundespolizei kontrollieren Autofahrer, die aus Frankreich nach Deutschland einreisen. Französische Staatsbürger dürfen nur dann einreisen, wenn sie nachweisen können, dass sie in Deutschland arbeiten.
Beamte der Bundespolizei kontrollieren Autofahrer, die aus Frankreich nach Deutschland einreisen. Französische Staatsbürger dürfen nur dann einreisen, wenn sie nachweisen können, dass sie in Deutschland arbeiten.
Foto: dpa

Aber Studenten werden am Dreck nicht leiden, denn der Uni-Präsident hat entschieden, dass der Unterricht bis Mai komplett ausgesetzt wird. Die Kantine der „Saarbrücker Zeitung“ ist schon seit Tagen geschlossen, weil auch hier die Betreiber aus dem benachbarten Lothringen stammen. 

Dramatischer ist die Situation bei den Ford-Werken in Saarlouis. Hier arbeiten 800 Grenzgänger; die Fabrik hat bereits vom Zweischichtbetrieb auf den Einschichtbetrieb umgestellt. Beim Getriebehersteller ZF in Saarbrücken wurden gar 1.060 Grenzgänger ausgesperrt. Dort sucht man Ferien- und Aushilfskräfte – und kann ja jetzt auf viele Schüler und Studenten zurückgreifen, die zwangsweise untätig sein müssen. 

So sucht sich jede Notsituation neue Lösungen, die nicht immer im Sinn der Sache sind. Einer der ersten Corona-Fälle im Saarland war übrigens in der Tat ein Lothringer aus der Gegend von Boulay, der in St. Ingbert beim Software-Konzern SAP beschäftigt ist. Er war am Wochenende zuvor auf einer religiösen Veranstaltung bei Mulhouse im Elsass und hatte sich dort angesteckt. 

Ärger bei den Grenzpendlern

Dennoch ärgern sich die Pendler aus den Grenzorten zu Saarbrücken wie Forbach und Sarreguemines, unter die „Grand Est-Regelung“ zu fallen, denn es sind andere Gebiete der Region wie das Süd-Elsass, die von Corona stärker betroffen sind, nicht das saarländisch-lothringische Grenzgebiet. Dennoch: Das SAP-Haus war dann das erste Bürogebäude im Land, das ganz dichtgemacht wurde; nicht nur der „saarländische Patient Nummer 2“ musste in Boulay bleiben, sondern allen SAP-Bediensteten wurde Home Office verordnet. 


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In dieser Branche mag das ja auch noch halbwegs problemlos funktionieren, zumindest für eine Weile. Was aber ist mit dem Uniklinikum? Der „saarländische Patient Nummer 1“ war ein Arzt des Uniklinikums, der sich auf einem internationalen Fortbildungskongress angesteckt hatte. Er musste in Quarantäne; inzwischen geht es ihm wieder besser. Seine Ehefrau war nicht infiziert und arbeitet weiter als Ärztin im Uniklinikum, übrigens neben Luxemburgern, die aber alle gesund sind. 

Aber es fehlt lothringisches Pflegepersonal, an Reinigungskräfte, zudem auch an Blutkonserven, weil aktuell das Spendenaufkommen eingebrochen ist. Noch läuft der Klinikbetrieb reibungslos, so die offizielle Stellungnahme. Aber wie lange noch? 

Notkredite bis zehn Millionen Euro

Im Saarland wirkt sich der Zusammenbruch des öffentlichen Lebens bereits absehbar auf die Steuereinnahmen aus. Andererseits zeichnen sich neue Ausgaben ab. Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger hat angekündigt: „Wir lassen die saarländischen Unternehmen nicht im Stich“. Insgesamt will alleine das kleine Saarland ein Zehn-Millionen-Euro-Kreditprogramm auflegen. Wie verkraftet das finanziell klamme Land die Krise? Wird ein Nachtragshaushalt notwendig? Finanzminister Peter Strobel zögert etwas mit der Antwort: „Gute Frage. Ich hoffe nicht ...“

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