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Ruth Bader Ginsburg: Richterin mit Kultstatus
International 5 Min. 25.09.2020

Ruth Bader Ginsburg: Richterin mit Kultstatus

Der Leichnam der Supreme-Court-Richterin Ruth Bader Ginsburg wurde am Freitag im Kapitol aufgebahrt. Die Rechtsstaatsikone ist die erste Frau in der Geschichte der USA, die diese Ehre zuteil wird. Die Zeremonie fand wegen der Corona-Pandemie nur im Kreis geladener Gäste statt.

Ruth Bader Ginsburg: Richterin mit Kultstatus

Der Leichnam der Supreme-Court-Richterin Ruth Bader Ginsburg wurde am Freitag im Kapitol aufgebahrt. Die Rechtsstaatsikone ist die erste Frau in der Geschichte der USA, die diese Ehre zuteil wird. Die Zeremonie fand wegen der Corona-Pandemie nur im Kreis geladener Gäste statt.
AFP
International 5 Min. 25.09.2020

Ruth Bader Ginsburg: Richterin mit Kultstatus

Sie hat sich als Kämpferin für Frauenrechte einen Namen gemacht und war für ihre markige Argumentationsweise berüchtigt. Viele haben die Supreme-Court-Richterin Ginsburg wie einen Popstar verehrt. Ein Porträt.

(dpa) - In Washington begegnet man Ruth Bader Ginsburg oft. Das Gesicht der legendären Supreme-Court-Richterin prangt an Hausfassaden. In Souvenirläden ziert es T-Shirts und Baby-Bodys, Kaffeetassen und Socken. Mal trägt Ginsburg ein Krönchen, mal Boxhandschuhe. Dem ständig wechselnden Kragen der Justiz-Ikone über ihrer schwarzen Richterrobe tragen ihre Abbilder ebenfalls Rechnung. Trotz schwerer Krankheit und Chemotherapie kam sie ihrem Amt am höchsten US-Gericht bis zu ihrem Tod nach. Am Freitag vor einer Woche ist Ginsburg gestorben. Sie wurde 87 Jahre alt. 

Ginsburg gilt als Vorreiterin für Frauenrechte und liberale Denkweisen. Für die Gleichberechtigung ging sie als junge Juristin aber nicht auf die Straße: Stattdessen leistete sie als Richterin Pionierarbeit bei der Entwicklung von Gesetzen gegen die Diskriminierung von Frauen. 

Die zierlich wirkende Supreme-Court-Richterin war für ihre kernige Argumentationsweise berühmt-berüchtigt.
Die zierlich wirkende Supreme-Court-Richterin war für ihre kernige Argumentationsweise berühmt-berüchtigt.
AFP

Bevor sie selbst an den Supreme Court kam, habe sie den Richtern dort „wie eine Kindergärtnerin“ erzählen müssen, dass Geschlechterdiskriminierung existiere, sagte sie einmal. Ginsburg machte sich auch für die Legalisierung der Abtreibung stark und sprach sich für die Gleichstellung von Homosexuellen aus. 

Im New Yorker Stadtteil Brooklyn kam Ginsburg am 15. März 1933 zur Welt. Mit ihrem Wunsch, Jura zu studieren, wagte sie sich in eine absolute Männerdomäne. Ihr Studium absolvierte sie unter anderem an der Elite-Universität Harvard. Später lehrte sie Jura an der Columbia-Universität in New York. 

Zäh und unerschrocken 

Wie zäh Ginsburg war, bewies sie schon in frühen Studienjahren: Das Glück der jungen Familie wurde von der Krebserkrankung von Ginsburgs Mann Martin erschüttert. Fortan kümmerte sie sich nicht nur um ihr Studium und die wenige Monate alte Tochter Jane, sondern auch um ihren kranken Mann und dessen Studium. Jane und ihr Bruder James erzählten einmal, Ginsburg habe teilweise so viel und bis spät in die Nacht gearbeitet, dass sie das Wochenende praktisch verschlafen habe. 

Es war Präsident Bill Clinton, der die liberale Juristin und damalige Berufungsrichterin 1993 für den Supreme Court nominierte. Die damals 60-Jährige wurde nach Sandra Day O'Connor die zweite Frau an dem Gericht und – wie alle Richter dort – auf Lebenszeit ernannt. Unter den Richtern, die ihre kniffligen Mehrheitsentscheidungen oft entlang ideologischer Linien treffen, zählte sie zum linksliberalen Block. 

Der Tod von Ruth Bader Ginsburg könnte zu einer langfristigen Verschiebung der Machtverhältnisse im Obersten Gerichtshof der USA führen.
Der Tod von Ruth Bader Ginsburg könnte zu einer langfristigen Verschiebung der Machtverhältnisse im Obersten Gerichtshof der USA führen.
AFP

Ernsthaft habe sie sich erstmals Anfang der 60er-Jahre Gedanken über die Gleichberechtigung von Frauen gemacht, sagte Ginsburg einmal in einem Interview. Seinerzeit recherchierte sie für ein Buch über Zivilverfahren in Schweden, wo Frauen damals bereits einen deutlich größeren Anteil unter den Jura-Studenten ausgemacht hätten. 

Kämpferisch, nüchtern, arbeitswütig  

Kämpferisch, nüchtern, arbeitswütig, nicht unbedingt für Smalltalk zu haben: So beschreiben Weggefährten die zierliche Brillenträgerin. Die Dokumentation „RBG – Ein Leben für die Gerechtigkeit“ deckt diese Beschreibung. Sie zeigt Ginsburg auch außerhalb des Gerichts, in der Oper, im Fitnessstudio, bei ihrer Enkelin. Man erfährt etwas über die tiefe Verbundenheit zwischen Ginsburg und ihrem Mann. Er sei der erste Mann gewesen, der sich dafür interessiert habe, „dass ich ein Gehirn habe“, sagte Ginsburg. Für „Marty“ sei es in Ordnung gewesen, in der Beziehung die zweite Geige zu spielen. „Er war so selbstsicher, dass er mich nie als irgendeine Bedrohung ansah. Er war mein größter Unterstützer.“ Ginsburgs Mann starb im Jahr 2010. 


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Viele verehrten die Topjuristin wie einen Popstar. In Anlehnung an den US-Rapper The Notorious BIG wurde Ginsburg der Spitzname „Notorious RBG“ verpasst. Während der Corona-Pandemie machten Fotos eines Plakats in Washington die Runde in sozialen Netzwerken: „RBG arbeitet weniger als fünf Meilen von hier entfernt“, war darauf zu lesen. „Wenn Du keine Maske trägst, um Deine Freunde und Familie zu schützen, tu es, um RBG zu schützen.“ Berüchtigt waren ihre scharf formulierten Minderheitsmeinungen bei Gericht, für die Ginsburg vor allem von vielen Nichtjuristen gefeiert wurde. Auch ein Slogan setzte sich im Zusammenhang mit ihr durch: „You can't spell the truth without Ruth“ – das englische Wort für Wahrheit lasse sich nicht ohne Ruth buchstabieren. 

Am vergangenen Wochenende versammelten sich Hunderte Trauernde vor dem Obersten Gericht. Ihr Tod bedeute, „dass wir kämpfen müssen, um wieder zu einem ausgewogenen Gericht zu kommen“, sagte etwa Sheila Martin, die zu dem Gebäude kam. Kritik zog Ginsburg wegen Bemerkungen über den damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump auf sich. In Interviews hatte Ginsburg vor einer Präsidentschaft Trumps und vor ihm als Person gewarnt. Unter anderem bezeichnete sie ihn als Blender. Später nannte sie ihre Äußerungen unklug und versprach mehr Umsicht. 


WASHINGTON, DC - SEPTEMBER 21: The American flag is flown at half-staff at the U.S. Capitol on September 21, 2020 in Washington, DC to honor Supreme Court Justice Ruth Bader Ginsburg. Ginsburg passed away due to complications from pancreatic cancer on Friday, September 18, 2020.   Stefani Reynolds/Getty Images/AFP
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Zuletzt hatte sich Ginsburgs Gesundheitszustand verschlechtert. Im Januar 2018 verpasste sie wegen einer Operation an der Lunge eine mündliche Verhandlung – laut US-Medienberichten erstmals in ihren 25 Jahren an dem Gericht. Im Juli wurde bekannt, dass sie erneut an Krebs erkrankt war. Schon während der Präsidentschaft Barack Obamas hatten Justizkreise Ginsburg angesichts ihres fortgeschrittenen Alters zum Rücktritt gedrängt, um dem Demokraten die Gelegenheit zu geben, einen Nachfolger zu platzieren. „Wen hätten Sie lieber im Gericht als mich?“, konterte sie die Forderungen in einem Live-Interview. 

Umstrittene Nominierung 

US-Präsident Trump will am Samstag die Kandidatin für die Nachfolge der verstorbenen Supreme-Court-Richterin verkünden. Trump hat angekündigt, eine Frau zu nominieren. Der Mehrheitsführer von Trumps Republikanern im Senat, McConnell, will die Kammer noch in diesem Jahr darüber abstimmen lassen. Die Demokraten fordern dagegen, erst nach der Amtseinführung eines neuen Präsidenten am 20. Januar über eine Nachfolge der liberalen Richterin zu entscheiden.

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