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Rettungsschiff "Alan Kurdi": Migranten dürfen an Land gehen
International 4 Min. 07.07.2019

Rettungsschiff "Alan Kurdi": Migranten dürfen an Land gehen

Das Seenotrettungsschiff «Alan Kurdi» hielt am Sonntag Kurs auf Malta.

Rettungsschiff "Alan Kurdi": Migranten dürfen an Land gehen

Das Seenotrettungsschiff «Alan Kurdi» hielt am Sonntag Kurs auf Malta.
Foto: Fabian Heinz/Sea-Eye/dpa
International 4 Min. 07.07.2019

Rettungsschiff "Alan Kurdi": Migranten dürfen an Land gehen

Nach tagelanger Suche nach einem sicheren Hafen für 65 Migranten kommt am Sonntag die erlösende Nachricht: Malta lässt die Menschen auf der „Alan Kurdi“ an Land. Sie sollen umgehend auf andere europäische Länder verteilt werden.

(dpa) - Malta hat sich nun doch bereit erklärt, alle 65 Migranten an Bord des deutschen Rettungsschiffes „Alan Kurdi“ an Land zu lassen. Die Menschen würden umgehend auf andere europäische Länder verteilt, gaben die Behörden Maltas am Sonntag nach Gesprächen mit der EU-Kommission und Deutschland bekannt. „Wir sind freudig überrascht“, sagte Sea-Eye-Einsatzleiter Gorden Isler. Allerdings sei das Schiff selbst noch nicht über die Entscheidung der maltesischen Behörden informiert worden. „Darauf warten wir jetzt“, sagte Isler.

Die Behörden Maltas hätten die Schiffsführung nur angewiesen, nach Gozo, der Nachbarinsel Maltas, zu fahren. „Das ist 50 Seemeilen entfernt und dauert etwa sieben Stunden“, sagte Isler. Dort würden die Menschen vermutlich auf See vom maltesischen Militär übernommen und an Land gebracht. „Wir werden bestimmt nicht in den dortigen Hafen einlaufen dürfen. Wenn die Menschen von Bord sind, werden wir sicher gleich wieder weggeschickt“, fügte der Einsatzleiter hinzu.

Die maltesischen Behörden teilten weiter mit, außerdem sei eine Vereinbarung erzielt worden, dass EU-Länder die Hälfte von 58 Migranten aufnehmen werden, die von der maltesischen Marine aus dem Mittelmeer gerettet worden seien.

Deutschland habe angeboten von jedem der beiden Schiffe jeweils 15 bis 20 Menschen aufzunehmen, sagte ein Sprecher des Innenministeriums in Berlin.

Die „Alan Kurdi“ war tagelang auf Irrfahrt auf dem Mittelmeer gewesen. Italien wollte die 65 von einem überfüllten Schlauchboot vor der libyschen Küste geretteten Menschen nicht an Land lassen. Auch Malta hatte sich zunächst gesperrt. An Bord spitzte sich die Lage zu.

„Drei der Geretteten sind in sehr schlechtem Zustand. Sie sind stark abgemagert und geschwächt und müssen dringend zur medizinischen Behandlung an Land gebracht werden“, sagte Sea-Eye-Einsatzleiter Gorden Isler. Zwei von ihnen seien Minderjährige. Die Behörden Maltas sagten zu, die drei an Land zu lassen.

Die von Sea-Eye herausgegebene Aufnahme zeigt Flüchtlinge an Bord des Seenotrettungsschiffs "Alan Kurdi". Rund 65 Menschen wurden auf einem überladenem Schlauchboot vor Libyen entdeckt und gerettet.
Die von Sea-Eye herausgegebene Aufnahme zeigt Flüchtlinge an Bord des Seenotrettungsschiffs "Alan Kurdi". Rund 65 Menschen wurden auf einem überladenem Schlauchboot vor Libyen entdeckt und gerettet.
Foto: Fabian Heinz/Sea-Eye/dpa

„Dass sich nun wieder Staatschefs mit der Verteilung einzelner Migranten befassen müssen, ist wirklich peinlich“, sagte Isler. Es müsse endlich ein Verteilungsmechanismus für Flüchtlinge und Migranten in Europa gefunden werden. „Dann würden auch keine Häfen mehr für Rettungsschiffe geschlossen“, sagte Isler. 

Der Leiter des Rettungseinsatzes warnte, dass der Proviant langsam zur Neige gehe. Vor allem Trinkwasser werde knapp. „Spätestens Mittwoch brauchen wir Nachschub, die Lebensmittel reichen noch etwas länger“, berichtet Isler: „Geduscht wird nur noch jeden zweiten Tag, und das bei mehr als 30 Grad schon um 8.00 Uhr morgens.“

Matteo Salvini, Innenminister von Italien, will die Seegrenze weiter geschlossen halten.
Matteo Salvini, Innenminister von Italien, will die Seegrenze weiter geschlossen halten.
Foto: Vincenzo Livieri/LaPresse/dpa

Die „Alan Kurdi“ - benannt nach dem dreijährigen syrischen Flüchtlingsjungen, dessen Leiche im Spätsommer 2015 an einem Strand in der Türkei angespült wurde - ist ein 38 Meter langes früheres DDR-Forschungsschiff. Am Vortag hatte es vergeblich vor Lampedusa auf die Erlaubnis gewartet, in den Hafen der italienischen Mittelmeerinsel einlaufen zu dürfen. „Auf keinen Fall“, hatte Italiens rechtspopulistischer Innenminister Matteo Salvini dekretiert und harte Strafen angedroht. Daraufhin drehte das Schiff am späten Abend notgedrungen Richtung Malta ab, wo es am Sonntagnachmittag ankommen sollte.  

Deutschlands Innenminister Seehofer hatte Salvini aufgefordert, die Dauerkrise der Rettungsschiffe im Mittelmeer zu beenden. „Wir können es nicht verantworten, dass Schiffe mit geretteten Menschen an Bord wochenlang im Mittelmeer treiben, weil sie keinen Hafen finden“, schrieb er am Samstag in einem Brief an Salvini. Der wies das prompt zurück. Eher würde er die Migranten per Bus direkt in die deutsche Botschaft in Rom fahren lassen, sagte er in einem im Internet verbreiteten Video.


This handout photo taken on June 27, 2019 and released on June 28, 2019 by NGO Sea Watch shows rescuers evacuating a young migrant (C) for medical reason from the Sea Watch 3 rescue ship off the coast of Lampedusa. - A sick 19-year-old migrant and his young brother have been evacuated late on June 27 from a Sea-Watch rescue boat banned by Italy from docking on the island of Lampedusa, as another 40 migrants are still onboard. The stand-off between Sea-Watch 3 and the Italian authorities escalated on June 26 when the vessel entered Italian waters despite a threat of hefty fines from far-right Interior Minister Matteo Salvini. (Photo by Handout / Sea Watch / AFP) / RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT "AFP PHOTO / SEA WATCH" - NO MARKETING NO ADVERTISING CAMPAIGNS - DISTRIBUTED AS A SERVICE TO CLIENTS --- NO ARCHIVE ---
Tödliche Gleichgültigkeit
Eine Völkergemeinschaft, die Flüchtlinge und Schiffbrüchige nicht retten will, ist am Ende.

Beifall für seine Haltung bekam Salvini vom Thüringer AfD-Fraktionschef Björn Höcke. Er sagte am Samstag bei einem Treffen des rechtsnationalen „Flügels“ der AfD, Salvini tue das, „was meinem Herzen entspricht und was nach meinem Willen hoffentlich auch irgendwann mal die Mehrheit der Partei als Grundlage ihrer Programmatik formulieren wird, nämlich die Kombination aus Identität und Solidarität“.

Auch Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz kritisierte die privaten Rettungsaktionen. „Sie wecken damit nur falsche Hoffnungen und locken damit womöglich unabsichtlich noch mehr Menschen in Gefahr“, sagte der Politiker der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) der „Welt am Sonntag“.

Rettungsschiff "Alex" darf in Lampedusa anlegen

Die Menschen an Bord des italienischen Rettungsschiffes „Alex“ durften unterdessen in Lampedusa an Land. Das Schiff mit 41 aus dem Mittelmeer geretteten Migranten war am Samstag trotz eines von Salvini ausgesprochenen Verbots in den Hafen der Insel eingelaufen. Damit folgte die „Alex“ dem Beispiel des deutschen Rettungsschiffes „Sea-Watch 3“, das vor einer Woche trotz Verbots unter dem Kommando der Kapitänin Carola Rackete mit 40 Migranten nach Lampedusa gefahren war. Die „Alex“ wurde beschlagnahmt; zudem wurde ein Bußgeld in zunächst unbekannter Höhe festgesetzt. Auch die „Sea-Watch 3“ ist weiter beschlagnahmt.

Der rechtspopulistische Salvini hatte zunächst gesagt, er erlaube auf keinen Fall, dass jemand von der „Alex“ an Land gelange. Er werde weiter Italien verteidigen. Die gegenteilige Entscheidung habe dann am späten Abend die Finanzpolizei zu Ermittlungszwecken getroffen, teilte das Innenministerium später mit. Sie untersteht dem Wirtschaftsministerium und nicht Salvinis Innenministerium, der damit sein Gesicht wahren konnte. Die „Alex“ sei beschlagnahmt worden, gegen den Kapitän werde wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung ermittelt.


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Fragen und Antworten zur "Sea-Watch 3"
Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete ist in Lampedusa unter Hausarrest, ihre Passagiere durften an Land. Doch was ist eigentlich passiert, wie ist die Rechtslage und wie geht es jetzt weiter?
ARCHIV - 20.06.2019, ---, Mittelmeer: HANDOUT - Carola Rackete aus Kiel, deutsche Kapitänin der «Sea-Watch 3», aufgenommen an Bord des Rettungschiffs. Die Kapitänin des Rettungsschiffs ist bereit, die Konfrontation mit der italienischen Regierung weiter eskalieren zu lassen. Wenn es keine Einigung über die Migranten an Bord gebe und das Schiff somit anlegen dürfe, sei sie bereit, ohne Erlaubnis in den Hafen der Insel Lampedusa zu fahren, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag. «Die Situation (auf dem Schiff) ist aktuell sehr angespannt.» Sie könne nicht mehr für die Sicherheit der Menschen an Bord garantieren. Manche drohten über Bord zu springen. Foto: Till M. Egen/Sea-Watch.org/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++