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Reportage am Wochenende: 100 Tage Hoffnung in "Trump-Land"
Die Zustimmung für US-Präsident Trump ist nach 100 Tagen niedrig - doch nicht überall.

Reportage am Wochenende: 100 Tage Hoffnung in "Trump-Land"

Foto: REUTERS
Die Zustimmung für US-Präsident Trump ist nach 100 Tagen niedrig - doch nicht überall.
International 8 Min. 29.04.2017

Reportage am Wochenende: 100 Tage Hoffnung in "Trump-Land"

LW-Korrespondent Thomas J. Spang besuchte die Öl- und Agrar-Metropole Bakersfield im Herzen Kaliforniens. Statt auf Enttäuschung traf er auf anhaltende Begeisterung für Donald Trump und dessen "America-First"-Politik.

von Thomas Spang (z.Zt. Bakersfield, Kalifornien)

Javier Reyes (34) schwört darauf, nirgendwo weit und breit gebe es besseres Barbecue als bei Salty's am Rosedale Highway in Bakersfield.

Gewiss sei dies kein Lokal für die "veganen" Eliten aus dem Silicon Valley oder Hollywood, versichert Javier, während er stolz seine rote "Make-America-Great-Again"-Kappe zurechtrückt. Um seine Besucher dann mit einem "Gentlemen, willkommen in Kern County, USA" zu begrüßen.

Idol im Weißen Haus

Den bombastischen Empfang könnte der Strahlemann bei seinem Idol im Weißen Haus abgeschaut haben. Auch Donald Trump hat wenig für grüne Kost übrig. Noch weniger für grüne Politik. Und schon gar nichts für die Eliten an den Küsten Amerikas.

In Bakersfield, Kalifornien, ist US-Präsident Donald Trump sehr beliebt.
In Bakersfield, Kalifornien, ist US-Präsident Donald Trump sehr beliebt.
Foto: AFP

In der Öl- und Agrar-Metropole am südlichen Ende des Central Valley von Kalifornien trifft der 45. Präsident der Vereinigten Staaten damit einen Nerv. Das war schon im Wahlkampf so als Tausende Anhänger die Parteivorderen der Republikaner bei einer Kundgebung in Bakersfield drängten, Trump wegen der sexuellen Übergriffe und Grabschereien nicht fallen zu lassen.

Der "Guardian" spottete, wenn aus der US-Präsidentschaft nichts werde, könne sich der Populist auf jeden Fall zum Bürgermeister der 400.000-Einwohner-Stadt wählen lassen. 

Trump holte in der Heimat des Mehrheitsführers der Republikaner im Repräsentantenhaus, Kevin McCarthy, vergangenen November fast 55 Prozent der Stimmen. Und zog ins Weiße Haus ein.

Anhaltende Begeisterung

Kurz vor Ablauf der ersten hundert Tagen im Amt lässt sich in der republikanischen Hochburg auch jetzt nicht viel von dem Umfragetief finden, das Demoskopen USA-weit festgestellt haben.

Javier Reyes ist es satt, von den Eliten in Washington ignoriert zu werden.
Javier Reyes ist es satt, von den Eliten in Washington ignoriert zu werden.
Foto: Thomas Spang

Javier spricht für viele Fans des "America-First"-Präsidenten, wenn er den Medien vorhält, "immer noch nicht zu kapieren, was hart arbeitenden Menschen am Herzen liegt". Die seien es satt, von den Eliten in Washington ignoriert zu werden.

Trump werde mit Mauerbau, Deportationen und Abbau der Bürokratie "endlich wieder Jobs schaffen".

Kampf gegen Umweltvorschriften

Vor allem habe er mit seinen ersten Dekreten "den unsäglichen Umweltvorschriften den Kampf angesagt", die den unter einer mehrjährigen Dürre leidenden Farmern das Wasser für ihre Felder verweigert hätten.

Die Umweltbehörde EPA sei auch für die Wettbewerbsprobleme der Ölindustrie verantwortlich. "Wir haben ständig Klimawandel", lacht der Büroangestellte, dessen Urgroßvater aus Mexiko in die USA kam, über Sorgen um die Erderwärmung.

"Wir haben jeden Tag eine andere Temperatur. Die Frage ist bloß, ob Menschen dafür verantwortlich sind." Tatsächlich hat die Wissenschaft das längst geklärt.

Asthma-Kranke = Fake News

Eine kurze Fahrt auf der "Panorama Road" heraus aus dem Tal auf ein Hochplateau reichte eigentlich schon, sich vom Gegenteil zu überzeugen. Hier oben vernebelt selbst an wolkenfreien Tagen Smog den Blick auf das "Kern River Valley", wo Hunderte "Pumpjacks (dt. Pferdeköpfe) stoisch Öl aus dem Boden pumpen; mehr als irgendwo sonst in Kalifornien.

Smog über dem "Kern River Valley".
Smog über dem "Kern River Valley".
Foto: Thomas Spang

Der amerikanische "Lungen-Verband" verlieh der Region Bakersfield 2016 den wenig schmeichelhaften Titel der Stadt mit der höchsten Luftverschmutzung und der zweithöchsten Ozon-Belastung der USA.

Die 70.000 Asthma-Erkrankungen in "Kern County" sind eine Konsequenz daraus.  In "Trump-Land" werden solche Fakten als "Fake News" abgetan. Was für die Mehrheit zählt, ist die anhaltend hohe Arbeitslosenquote von über zehn Prozent.

Nur die Wirtschaft zählt

Zum einen leidet die heimische Wirtschaft unter dem Einbruch der Weltmarktpreise für Rohöl. Darüber hinaus sorgte eine Dürre lange für massiven Wassermangel auf den Feldern.

"Die Kluft zwischen den Küsten und dem Innenren des Landes ist gewaltig", sagt Politologin Jeanine Kraybill.
"Die Kluft zwischen den Küsten und dem Innenren des Landes ist gewaltig", sagt Politologin Jeanine Kraybill.
Foto: Thomas Spang

Die Politologin Jeanine Kraybill (36) von der California State University in Bakersfield sieht zudem kulturelle Parallelen zu den Industrieregionen im Rostgürtel Amerikas und dem Süden der USA.

"Die Kluft zwischen den Küsten und dem Innenren des Landes ist gewaltig."  Diese drückt sich nicht nur in der Begeisterung für Waffen, Country-Musik, Pick-Up-Trucks, Bibel und Barbecue aus, sondern tiefer Verachtung für die traditionellen Eliten des Landes.

Verharren in der Opferrolle

"Die Vorhersage einer Amtsenthebung ist genauso falsch wie die Umfragen vor den Wahlen", meint Politologin Kraybill. "Es gibt hier viele Menschen, die denken, was er tut, sei genau richtig."

Seine Anhänger identifizierten sich mit der Opferrolle, die Trump trotz seines Wahlsiegs im November weiter kultiviert. Sie fühlen sich dem Milliardärs-Präsidenten nahe, weil "Washington" genauso auf ihn herunterschaue wie auf sie.

"Das ist eine Schlacht zwischen Klassen- und Identitätspolitik", erklärt Politologin Kraybill die schiefe Frontstellung zwischen Trump und den US-Eliten.

Hoffen auf die Wende

Für Darrell (55) und Carol (52) Feil ging es um ihr Unternehmen, das in den Abwärts-Strudel der Konjunktur der Öl- und Agrar-Wirtschaft geraten war. "Wir konnten keine Leute einstellen und mussten die Löhne kürzen, um über die Runden zu kommen", sagen die Besitzer von "Abate-a-Weed", einem Betrieb, der seit einem halben Jahrhundert Ausrüstung und Dienstleistungen in der Unkrautbekämpfung anbietet.

Darrell (55) und Carol (52) Feil hoffen, dass es ihrem Unternehmen dank Trump bald besser geht.
Darrell (55) und Carol (52) Feil hoffen, dass es ihrem Unternehmen dank Trump bald besser geht.
Foto: Thomas Spang

Als typische "Country-Club"-Republikaner sprangen die Feils eher spät auf den Trump-Zug. Nun hoffen sie, der Baumagnat könne seine Erfahrung als Unternehmer irgendwie zu Nutze machen, die Wende für Bakersfield zu bringen.

Was Darrell in den ersten hundert Tagen sah, stimmt ihn optimistisch. "Die Kürzungen bei der Umweltbehörde EPA und die Genehmigung der Pipelines gehen in die richtige Richtung".

"Wir vertrauen Trump"

Auch Cathy Abernathy (62) gehörte bei den Vorwahlen zu dem Establishment, das sich mit dem Rechtspopulisten eher schwer tat. Die republikanische Strategin, die Mehrheitsführer McCarthy in Washington berät und in der Republikaner-Zentrale von Bakersfield ein- und ausgeht, zählt heute zu den Gläubigen.

Die republikanische Strategin Cathy Abernathy ist voll des Lobes für Donald Trump.
Die republikanische Strategin Cathy Abernathy ist voll des Lobes für Donald Trump.
Foto: Thomas Spang

Die ersten hundert Tage Trumps im Weißen Haus seien ein Erfolg gewesen. Er habe kompetente Leute in die Regierung geholt und setze um, was er versprochen habe. Allen voran die Berufung des konservativen Richters Neil Gorsuch auf den vakanten Posten im Supreme Court. "Wir vertrauen Trump."

Dass die Gerichte den Muslimen-Bann gestoppt, der Kongress die Abschaffung von Obamacare nicht geschafft und der Präsident wegen der Russland-Affäre unter Dauerbeschuss steht, quittieren seine Anhänger in "Trump-Land" mit Schulterzucken.

Kehrtwenden sind kein Thema

Noch weniger scheren sie sich um die außenpolitischen Kehrtwenden in Syrien, bei der NATO oder anderen Themen, die von hier aus gesehen, weit weg sind.

Die Wahrnehmung der Trumpers steht im klaren Gegensatz zu der Zufriedenheit der US-Bürger insgesamt. Nie zuvor starte ein Präsident mit so niedrigen Zustimmungsraten.$

Lediglich 40 Prozent der Amerikaner sind zufrieden mit dem 45. Präsidenten der USA.
Lediglich 40 Prozent der Amerikaner sind zufrieden mit dem 45. Präsidenten der USA.
Foto: AFP

In der täglich aktualisierten Gallup-Umfrage waren die Amerikaner am Tag der Inauguration mit 45 Prozent in ihrer Sicht gespalten. Heute liegen diese Werte etwa fünf Prozent darunter.

Schuld sind "die" Medien

Strategin Abernathy macht "die" Medien für das schlechte Image des Präsidenten verantwortlich. "Die blockieren ihn, wo es nur geht", meint die freundliche Dame in der mit einem riesigen "Trump-for-President"-Banner dekorierten Partei-Zentrale. "Er macht wirklich einen guten Job."

Glücklicherweise wehre sich Trump gegen die negative Presse."Vielleicht sollten AP, die New York Times, CNN und ein paar andere nicht mehr in der ersten Reihe sitzen", stimmt Abernathy mit Trumps Taktik überein, die missliebigen Reporter der Leitmedien im Weißen Haus zu sanktionieren. "Wie wäre es, wenn der 'Bakersfield Californian' stattdessen dort Platz nähme?"

Große Unsicherheit

Ein kniffliges Thema in Bakersfield bleibt der Umgang mit den Einwanderern, die ohne Papiere über die Grenze kamen, und zurzeit rund 60 Prozent der Feldarbeiter ausmachen.

Trump unterzeichnete in der ersten Woche seiner Amtszeit einen Exekutivbefehl, der die oft über Jahrzehnte geduldeten Migranten über Nacht der Willkür der Einwanderungspolizei ICE aussetzt.

Justizminister Jeff Sessions sprach kürzlich "von einer neuen Ära" in der Durchsetzung der Einwanderungsgesetze. In Bakersfield sorgt eine mögliche Abschiebewelle für große Unsicherheit bei Migranten und Farmern gleichermaßen.

Wer soll die Ernte einfahren?

Ohne die Erntehelfer aus Mexiko bleiben die Früchte auf den Feldern. Vielen Farmern droht das Aus."Massendeportationen machen die Wirtschaft noch unsicherer", warnt Politologin Kraybill vor einem Bumerang für die lokale Ökonomie. "Einheimische werden diese Jobs für noch so viel Geld nicht annehmen."

Dabei ist auch die Professorin nicht sicher, wie ernst es der Präsident mit den Abschiebungen meint. Schon als Kandidat setzte Trump auf maßgeschneiderte Botschaften.

Werben für Trumps Politik

Alberto Llamas (54) hilft sie in Bakersfield zu verbreiten. In seiner spanisch-sprachigen Radio-Show "Mi America" am Samstagmorgen warnt der gebürtige Mexikaner seine Landsleute, den "Mainstream"-Medien nicht zu glauben. "Die lügen Euch an". 

In seiner Radiosendung erklärt Alberto Llamas seinen Zuhörern "die Wahrheit" über Trumps Politik.
In seiner Radiosendung erklärt Alberto Llamas seinen Zuhörern "die Wahrheit" über Trumps Politik.
Foto: Thomas Spang

Via Knister-Funk impft er seinen Hörern ein, Trump wolle "nur Kriminelle deportieren, die niemand hier haben will".

Wer für das Mittelwelle-Programm des Bauarbeiters zahlt, bleibt sein Geheimnis. Woher die falsche Botschaft stammt nicht. Denn die hat auch der Mann mit der roten "Make-America-Great-Again"-Mütze bei Salty's Barbecue internalisiert.

"Ein neuer Ronald Reagan"

Javier Reyes glaubt nach den ersten hundert Tagen, Trump habe das Zeug, "ein neuer Ronald Reagan werden". Der habe zwar "Illegale" amnestiert, würde aber heute bestimmt auch Muslime draußen halten und eine Mauer bauen.

Javier erzählt, wie er als Kind in der texanischen Grenzstadt El Paso von seinem Haus einen Baseball über die Grenze nach Mexiko schlagen konnte. Genauso einfach könnten Mitglieder der Drogenkartelle Kugeln über die Grenze feuern. "Mit einer Mauer würde das nicht passieren".

Er sei nicht gegen Fremde, versichert der freundliche Trumper, der zum Abschied bei Salty's dazu rät, die Schweine-Rippen zu bestellen. "Aber ich möchte Leute hier haben, die unser Land lieben."

Dazu gehöre auch, in die Kirche gehen zu können, ohne Angst davor haben zu müssen "von radikalen islamischen Terroristen, erschossen zu werden". Willkommen in Kern County, USA. 


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