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Reise nach Verdun: „Mama, ich bin 20 Jahre alt und ich will nicht sterben“

Reise nach Verdun: „Mama, ich bin 20 Jahre alt und ich will nicht sterben“

International 1 10 Min. 29.04.2016

Reise nach Verdun: „Mama, ich bin 20 Jahre alt und ich will nicht sterben“

Marc THILL
Marc THILL
Hinter jedem Knochen ein Mensch, hinter jedem Stein eine Geschichte – eine traurige, eine schreckliche. Wie viele Soldaten hier gefallen sind, das weiß man heute. Aber weiß man wie viele Tränen damals gefallen sind?

von Marc Thill

Eine schmale Straße, die „Route Départementale“ D112, schlängelt sich den Berg hinauf und wird bald vom Wald verschluckt. Im Gestrüpp links und rechts der Fahrbahn verstecken sich Hügel, Trichter, Buckel und Löcher, so als habe hier die Erdkruste bei ihrer Entstehung plötzlich einen hohen Wellengang gehabt. Das klingt absurd, ist es auch! Denn hier gab es weder ein Meer, noch Wellen, dieser Landstrich trägt ganz einfach nur tiefe Narben. Hier ruht nämlich das Erbe des Schlachtfeldes von Verdun.

Vor exakt hundert Jahren war hier die Hölle los, die Hölle von Verdun. Es ist die „Zone rouge“, die „rote Zone“, ein vom Krieg so stark verwüstetes Gebiet, dass bei Kriegsende eine menschliche Nutzung unmöglich war. Der Boden ist auch heute noch mit Giftstoffen und Relikten der Kriegsmaschinerie belastet. Das Land wurde zu einem Monument, zu einem Heiligtum., und heute ist es ein einzigartiges Denkmal. Hundert Jahre nach dem Krieg sind Gedenksteine und Erinnerungsstätten Orientierungspunkte in dieser müden Landschaft.

Man fährt zunächst am Monument des französischen Politikers André Maginot vorbei. Ihn kennt man vor allem aus den Geschichtsbüchern. Er war der Befürworter und Planer der nach ihm benannten „Ligne Maginot“. Dieser Befestigungswall, ein riesiges Bollwerk aus Stahl und Beton, wurde nach dem Ersten Weltkrieg entlang der deutsch-französischen Grenze errichtet, kam aber nie richtig zum Einsatz, da die angreifenden deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg die Maginot-Linie ganz einfach umfuhren.

Wo der "Soldat inconnu" ausgewählt wurde

Der Politiker Maginot aus Bar-le-Duc war Staatssekretär im französischen Kriegsministerium als 1914 „la Grande Guerre“ ausbrach. Um ein Vorbild für alle jungen Franzosen zu sein, meldete er sich an die Front. In Verdun wurde er von einer Granate getroffen und musste schwer verletzt vom Schlachtfeld geschleppt werden. Und genau so hat man ihn in Bronze an der Straße hoch nach Fleury dargestellt, sitzend auf einem Gewehr, von zwei Kameraden gestützt, eine klaffende Wunde am Bein.

André Maginot wurde später Kriegsminister und ließ in Verdun den unbekannten Soldaten auswählen, den man in Paris am Fuße des „Arc de Triomphe“ begraben hat. Diese Auswahl fand damals in der Zitadelle von Verdun statt, einer unterirdischen Festung mitten in der Stadt, in der sämtliche „Poilus“ zeitweilig untergebracht waren, ehe sie an die Front geschickt wurden. Bis zu 100 000 waren zeitgleich in dieser Kaserne einquartiert, ohne natürliches Licht, ohne frische Luftzufuhr. Man kann die Zitadelle und die vier Kilometer langen Galerien, die in den Felsen gehauen sind, besuchen. Mit Bildern, Ton und Hollogrammen hat man hier das Leben der Soldaten eindrucksvoll nachgestellt. Man fährt in einer Kabine in den Stollen hinein wie auf einer Geisterbahn.

Dörfer, die für ihr Vaterland Frankreich gestorben sind

Doch zurück auf das Schlachtfeld. Zurück auf die Anhöhen östlich vor Verdun und zurück zur „Route Départementale“ D112. Einige Straßenschilder hier fallen ganz besonders ins Auge. Sie unterscheiden sich von der üblichen Ortsbeschilderung in Frankreich. Es ist nicht mehr die schwarze Schrift auf weißem Untergrund, es ist umgekehrt: weiße Schrift auf schwarzer Tafel. Diese Schilder verweisen auf jene Dörfer, die vom Krieg überrollt und dem Erdboden gleichgemacht wurden: „Vaux, village détruit, 2 km.“

Sechs solcher Ortschaften gibt es rund um Verdun. Auch Fleury-devant-Douaumont gehört dazu. Das Dorf zählte vor dem Krieg etwas mehr als 400 Einwohner und befand sich zunächst zehn Kilometer von der Frontlinie entfernt. Am 21. Februar 1916, als die deutsche Artillerie mit einem intensiven Beschuss die Schlacht von Verdun eröffnete, erging ein Räumungsbefehl. Bei eisiger Kälte und unter Granatfeuer mussten die Dorfbewohner in aller Eile den Ort räumen. Die leeren Häuser wurden zu Verschanzungen, und die Keller zu Bunkern.

Das Kreuz der preußischen Armee in einem befestigten Schützengraben vor Verdun.
Das Kreuz der preußischen Armee in einem befestigten Schützengraben vor Verdun.
Foto: Marc Thill

Als später die Deutschen das naheliegende Fort Vaux einnahmen, verlief die Front quer durch das Dorf. Am 23. Juni 1916 wurde Fleury schließlich in einer groß angelegten deutschen Offensive gestürmt. Im Laufe des Sommers häuften sich jedoch die Gegenangriffe der Franzosen, und der Ort wechselte 16-mal den Besitzer. Am 18. August eroberten Soldaten des Kolonial-Infanterieregiments aus Marokko das Dorf endgültig zurück, nur existierte zu dem Zeitpunkt Fleury längst nicht mehr. Heute verweisen Steine mit Inschriften, wo sich einst eine Bäckerei oder eine Schmiede befand. Vor einigen Jahren hat der „Touring Club“ aus Frankreich einen merkwürdigen Gedenkstein mit der Inschrift „Ici fut Fleury, Village mort pour la France“ errichten lassen.

"Wo ist er gefallen? Bei Verdun ..."

In Verdun ist der Tod halt allgegenwärtig. Auch heute noch, hundert Jahre danach. Während der Schlacht fragte sich jeder „bin ich heute an der Reihe?“ und ein Refrain des Todes lautete: „Wo ist er gefallen? Bei Verdun ...“ Trommelfeuer, Sperrfeuer, Minen, Gas, Tanks, Maschinengewehre, Handgranaten, Feuerwerfer: das Grauen der Welt!

„Mama, ich bin 20 Jahre alt und ich will nicht sterben.“ Einen Brief mit diesen Worten hat man bei einem unbekannten gefallenen Soldaten auf dem Schlachtfeld gefunden. Geschrieben hatte er die Zeile am Tag seines Todes. 300 000 Soldaten sind in Verdun gefallen, 163.000 Franzosen und 143.000 Deutsche: Menschenleben, die ausgelöscht wurden, Stimmen, die nach einem letzten Aufschrei längst verstummt sind. Warum nur?

Bayerische Infanteristen haben diesen Unterstand vor hundert Jahren gebaut.
Bayerische Infanteristen haben diesen Unterstand vor hundert Jahren gebaut.
Foto: Marc Thill

Von den abstrakten Zahlen hin zu dem Greifbaren: Das Gebeinhaus von Douaumont ist wie kein anderes Monument in Verdun ein Symbol für die Sinnlosigkeit des Krieges. Bereits von weitem erkennt man den markanten Turm, la „Tour des Morts“, der nachts über das Schlachtfeld und den Soldatenfriedhof am Fuße des „Ossuaire“ leuchtet. Morgens ist es hier noch still, ja andächtig still. Spätestens gegen Mittag aber rollen die ersten Busse mit Besuchergruppen vor.

Der Mensch wird zum Monument

Das Gebeinhaus wurde 1920 auf Anregung des Erzbischofs von Verdun errichtet. Er wollte für die Gefallenen einen würdigen Gedenkort schaffen. Während des Krieges lagen viele Leichen auf dem Boden verstreut, verschwanden im Schlamm. Die Notgräber in den Bombentrichtern hielten den folgenden Granaten nicht stand, es offenbarten sich Bilder des Grauens: zerstückelte, verstümmelte Leichen, über die man in den engen Laufgängen kriechen musste und unter denen man bei Beschuss auch mal Deckung suchte. „Graben, Lazarett, Massengrab – mehr Möglichkeiten gibt es nicht“, schrieb der Schriftsteller Erich Maria Remarque in seinem Roman „Im Westen nichts Neues“.

Nach der Schlacht von Verdun hat man das Land gesäubert, und bis 1935 wurden die gefundenen Körper, die identifiziert werden konnten, an die Familien zurückerstattet. Viele gefallene Soldaten wurden aber auch am Fuße des „Ossuaire“ beerdigt. Es sind etwas mehr als 16 000 Gräber mit ausschließlich französischen Soldaten; in vielen liegen gleich mehrere „Poilus“.

Das "Ossuaire" von Douaumont. Hier wurde der Mensch zum Monument. Die sterblichen Überreste von 130.000 Soldaten befinden sich in diesem Gebeinhaus.
Das "Ossuaire" von Douaumont. Hier wurde der Mensch zum Monument. Die sterblichen Überreste von 130.000 Soldaten befinden sich in diesem Gebeinhaus.
Foto: CRT Lorraine Ben Mankin

Westlich dieser Grabstätte befindet sich das Gefallenendenkmal der Angehörigen des jüdischen Glaubens, und östlich ein Monument für moslemische Soldaten, die in ihren Gräbern nach Osten, in Richtung Mekka und der aufgehenden Sonne entgegen gebettet sind.

Im Gebeinhaus sind die Überreste von 130.000 Soldaten, die nicht mehr identifiziert werden konnten, Franzosen und Deutsche, ganze Leichnamen und auch nur Körperteile. Hinter jedem Knochen ein Mensch. Hier wurde der Mensch wurde zum Monument.

Ein Phallus, ein Schwert?

Auch heute noch spuckt das Schlachtfeld immerfort Knochen von gefallenen Soldaten aus. Sie werden geborgen, und man sucht im Umfeld der Fundstätte noch nach weiteren Spuren, die eine Identifizierung möglich machen könnten. Danach gelangen die Überreste in das Gebeinhaus, wo sie ihre letzte Ruhe finden.

Die riesige Nekropole umschließt eine Kapelle und einen Kreuzgang. Der Baustil ist avantgardistisch, kam aber anfangs sehr schlecht an. Man sah in dem 46 Meter hohen Turm einen riesigen Phallus, der über den Gräbern, über dem Schlachtfeld thronte. Was sich der Architekt dabei wohl nur gedacht hatte? Man weiß es nicht ... Der Turm lässt sich jedoch noch anders deuten. Man kann in ihm auch ein in die Erde gerammtes Schwert als Zeichen des Waffenstillstandes und des Friedens erkennen.

Obwohl Verdun nicht die mörderischste Schlacht des Ersten Weltkrieges war, hat sie doch durch die Allgegenwart des Todes die Erinnerungen tief greifend geprägt. In Frankreich wie in Deutschland haben die Soldaten einen hohen Blutzoll in einer Schlacht gezahlt, in der der Tod diejenigen, die für ihr Land gefallen sind, oft für immer namenlos gemacht hat.

Tod eines Vaters und seiner vier Söhne

Die Namen der Generäle und Offiziere schmücken oft Straßen und Plätze, werden auch in den Geschichtsbüchern geführt und bleiben so der Nachwelt erhalten. Was aber mit den Namen der endlos vielen Soldaten? Man findet sie auf den Gedenksteinen, in jedem Ort gibt es ein Monument, das an die Opfer der Kriege erinnert. Steine sind aber geduldig und vor allem stumm, so wie einst auch die Soldaten, die gehorsam gemordet haben, um nicht selbst getötet zu werden.

Im Kreuzgang des Gebeinhauses von Douaumont sind die Namen von 3 600 vermissten Soldaten eingraviert. Einige davon stechen hervor, wie etwa dieser: „Emile Imhaus de Mahy, commandant du 163e Régiment d'infanterie et ses quatre fils François, Georges, André et Émile, tous morts pour la France“. Ein Vater und seine vier Söhne, alle ausgelöscht und verschollen, gestorben für Frankreich ... Vor hundert Jahren war jeder bereit, für etwas zu sterben. Für ein Ideal. Für sein Ideal.

Die Namen der Generäle und Offiziere schmücken oft Straßen und Plätze, werden auch in den Geschichtsbüchern geführt und bleiben so der Nachwelt erhalten. Was aber mit den Namen der endlos vielen Soldaten?
Die Namen der Generäle und Offiziere schmücken oft Straßen und Plätze, werden auch in den Geschichtsbüchern geführt und bleiben so der Nachwelt erhalten. Was aber mit den Namen der endlos vielen Soldaten?
Foto: Marc Thill

Verdun ist insofern zu einem Symbol geworden, zu einem Symbol zunächst der Tapferkeit und des Heldentums, später aber auch der Sinnlosigkeit des Krieges und eines menschenverachtenden Zynismus. Das Heldentum der Soldaten von Verdun lässt sich vielleicht am besten bei einer Besichtigung einer der vielen unheimlichen und beängstigenden Befestigungsanlagen nachempfinden.

Ein Vulkan? Die Höhle eines Ungehäuers? Blutverschmiert ...

„Est-ce un ancien volcan, un antre de démon? Ces murailles, ce sang, cette boue, ce béton, ces cadavres, ces trous, ces débris, cet 
abîme, ce chaos à la fois effrayant et sublime. Tout cet amas informe, est-ce un fort? Est-ce un mont? Le soldat répond en saluant: Douaumont.“

Alfred Hémier, ein Soldat, schrieb dieses Gedicht im Jahr 1917: „Ist dies ein ehemaliger Vulkan? Die Höhle eines Ungeheuers? Diese Mauern, dieses Blut, dieser Schlamm, dieser Beton?“

Das "Fort de Douaumont" war fèr 800 Soldaten angelegt. Als die Deutschen es einnahmen, pferchten sie 3.200 Grenadiere hinein.
Das "Fort de Douaumont" war fèr 800 Soldaten angelegt. Als die Deutschen es einnahmen, pferchten sie 3.200 Grenadiere hinein.
Foto: Marc Thill

Das Fort Douaumont wurde Ende des 19. Jahrhunderts erbaut und ist das größte Bollwerk des Festungsgürtels von Verdun. Hier gab es Proviant, Munition, eine Pulverkammer, einen Operationssaal, eine Telefonzentrale, einen Aussichtsposten, Geschütze und eine Fliegerabwehr.

Als die Schlacht um Verdun begann war die Befestigung nach sporadischem Beschuss im Jahr 1915 kaum beschädigt. Im Herbst zuvor aber hatte der Oberste Befehlshaber der französischen Armee Joseph Joffre angeordnet, fast alle Geschütze abzubauen, um sie zur Verstärkung in die Champagne zu schicken. Die Garnison war daher erheblich reduziert, und am 25. Februar 1916 gelang es den Deutschen, das Fort überraschend schnell einzunehmen. Bis zu 3 200 deutsche Grenadiers zwängten sich damals in die Befestigungsanlage, die ursprünglich für 800 gebaut war.

Massengrab im Bollwerk

Am 8. Mai 1916 kamen bei der Explosion eines Granaten- und Flammenwerferdepots mehrere hundert deutsche Soldaten ums Leben. Aus Zeitgründen wurden 679 von ihnen innerhalb des Forts in eine Munitionskasematte gebracht, deren Eingang dann zugemauert wurde. Es ist der so genannte deutsche Friedhof im Fort.

Hinter dieser Mauer liegen 679 Leichen. Die Soldaten starben bei einem Unfall. Am 8. Mai 1916 kam es zu einer Explosion in einem Granaten- und Flammenwerferdepot im "Fort de Douaumont". Man hat sie hier eingemauert, da man sie nicht aus dem Fort evakuieren konnte.
Hinter dieser Mauer liegen 679 Leichen. Die Soldaten starben bei einem Unfall. Am 8. Mai 1916 kam es zu einer Explosion in einem Granaten- und Flammenwerferdepot im "Fort de Douaumont". Man hat sie hier eingemauert, da man sie nicht aus dem Fort evakuieren konnte.
Foto: Marc Thill

Erst am 24. Oktober 1916 gelang es den Franzosen, das Bollwerk wieder einzunehmen. Zehntausende Franzosen waren zuvor unter dem deutschen Geschützfeuer von Douaumont gefallen.

Zurück nach Verdun, und wieder zurück auf die schmale „Route départementale“ D112: An der Kreuzung mit der D913 steht das Denkmal des verwundeten Löwen von Souville. Hier errang die 14. bayerische Infanterie-Division den letzten deutschen Sturmerfolg vor Verdun. Das Denkmal markiert den Punkt des äußersten Vorstoßes der Deutschen. Plötzlich lag der Löwe am Boden. Die Blutpumpe geriet ins Stocken, der Ermattungskrieg, den die Kriegsherren geführt hatten, war vorbei.

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