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Reiche Russen in London
International 4 Min. 07.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Reiche Russen in London

Reiche Russen lieben die Stadt an der Themse.

Reiche Russen in London

Reiche Russen lieben die Stadt an der Themse.
Foto: Victoria Jones/PA Wire/dpa
International 4 Min. 07.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Reiche Russen in London

Schwerreiche Russen pumpen viel Geld in die britische Hauptstadt und kaufen teure Immobilien. Doch das gefällt vielen Briten nicht. Sie fürchten einen zu starken Einfluss der Russen - auch auf die Politik.

(dpa) - Prächtige Säulen, riesige Fenster, helle Fassaden - und alles mitten im Zentrum. Wer durch London spaziert, dem kann beim Anblick vieler Stadtvillen die Spucke wegbleiben. Etliche Immobilien gehören aber nicht Briten, sondern sind fest in russischer Hand. 

Und keineswegs immer sei das darin investierte Geld sauber, stellt die Nichtregierungsorganisation ClampK fest. Sie kämpft gegen Geldwäsche von „Kleptokraten“, die sich in Russland bereichern, und nimmt deren sündhaft teure Domizile ins Visier.

Zwiespältiges Verhältnis

Das Verhältnis zwischen Moskau und London ist widersprüchlich. Auf der einen Seite belasten gegenseitige Spionagefälle und Giftanschläge auf den Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko 2006 in London oder auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter vor zwei Jahren, am 4. März 2018, im südenglischen Salisbury das Verhältnis. Auf der anderen Seite bringen die Russen jede Menge Geld ins Land.

2006 wurde der Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko  in London mit Polonium vergiftet.
2006 wurde der Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko in London mit Polonium vergiftet.
Foto: LW-Archiv/REUTERS

„Der Kauf von Immobilien wird auch als Mittel genutzt, um schmutziges Geld zu waschen“, schimpfte die Parlamentarierin Margaret Hodge auf einer Stadttour von ClampK. „Wir wollen die Transparenz fördern.“ Sie sei aber skeptisch, ob die Regierung alle Versprechen halten werde, sagte die Abgeordnete von der oppositionellen Labour-Partei. 


12.01.2019, Großbritannien, Salisbury: Ein Mann im Schutzanzug trägt ein verpacktes Fenster aus dem ehemaligen Wohnhaus des ehemaligen russischen Doppelagenten Skripal, der Opfer eines Attentats wurde.
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Organisationen wie ClampK kritisieren vor allem Verflechtungen zwischen Oligarchen und hochrangigen britischen Politikern. Es gehe dabei nicht nur um Geldwäsche, sondern auch um Einflussnahme. 

Der russische Millionär Alexander Lebedew kaufte schon vor Jahren die Zeitungen „Independent“ und „The Evening Standard“.

Moskaus Ziel: Europa spalten

Noch immer hat die Regierung einen Parlamentsbericht zu russischer Einflussnahme auf die britische Politik nicht freigegeben. In dem Report wurde auch untersucht, ob es beim Wahlkampf vor dem Brexit-Referendum im Jahr 2016 Einmischungen aus Russland gab.


A still image taken from footage broadcast by the UK Parliamentary Recording Unit (PRU) on November 4, 2019 shows Lindsay Hoyle speaking in the House of Commons in London, after being elected as the new Speaker of the House of Commons. - British MPs will on November 4 select the new speaker of the House of Commons, once an unremarkable event but one now charged with significance following the previous occupant's role in Brexit. (Photo by PRU / PRU / AFP) / RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT " AFP PHOTO / PRU " - NO USE FOR ENTERTAINMENT, SATIRICAL, MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS
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Auch Boris Johnson selbst steht im Kreuzfeuer der Kritik wegen enger Beziehungen zu den Lebedews. Nach seiner Wahl zum Premier sei Johnson im Dezember mit seiner Freundin auf einer Geburtstagsparty des früheren KGB-Spions Lebedew aufgetaucht, berichtete Buchautor Luke Harding auf der Tour. 

Der britische  Buchautor Luke Harding berichtet auf einer "Kleptokratie-Tour" über reiche Russen in London und ihre möglichen Verwicklungen in die Politik.
Der britische Buchautor Luke Harding berichtet auf einer "Kleptokratie-Tour" über reiche Russen in London und ihre möglichen Verwicklungen in die Politik.
Foto: Silvia Kusidlo/dpa

„Hier war das“, sagte der frühere Moskau-Korrespondent Harding vor einer Luxus-Wohnung nahe des Regent's Parks. Die Immobilie gehöre Lebedews Sohn.

„Johnson handelt unmoralisch“  

Auch eine Party von Jewgeni Lebedew in Italien hatte Johnson - damals Außenminister - in Italien besucht. Die beiden machten auch schon - da war Johnson noch Bürgermeister - im Schlafsack unter einer Brücke in London gemeinsam auf die Lage von Obdachlosen aufmerksam. 

Für Harding aber ist heute klar: „Johnson handelt unmoralisch.“ Downing Street antwortete auf eine Anfrage dazu zunächst nicht.

Nur wenige Häuser weiter am Regent's Park lebt Ljubow Tschernuchina (Chernukhin), die den regierenden Konservativen viel Geld spendet. Allein für ein Tennismatch mit Johnson und dem damaligen Premier David Cameron habe sie 2014 insgesamt 160.000 Pfund hingeblättert, sagte Andrew Foxall von der Denkfabrik Henry Jackson Society. 

Laut Andrew Foxall von der britischen Denkfabrik Henry Jackson Society hat Ljubow Tschernuchina 2014 für ein Tennismatch mit Boris Johnson und dem damaligen Premier David Cameron insgesamt 160.000 Pfund hingeblättert.
Laut Andrew Foxall von der britischen Denkfabrik Henry Jackson Society hat Ljubow Tschernuchina 2014 für ein Tennismatch mit Boris Johnson und dem damaligen Premier David Cameron insgesamt 160.000 Pfund hingeblättert.
Foto: Silvia Kusidlo/dpa

Laut der Zeitung „The Guardian“ hat die frühere Bankerin inzwischen die britische Staatsbürgerschaft. In den vergangenen sieben Jahren soll sie den Konservativen mehr als 1,6 Millionen Pfund gespendet haben. Auch ein Abendessen mit der damaligen Premierministerin Theresa May hatte die Frau eines früheren Beraters von Kremlchef Wladimir Putin gekauft.

Massiver Kapitalabfluss aus Russland

Die Zeiten, in denen reiche Russen mit dem Geldkoffer aufkreuzen und Immobilien bar zahlen, sind selbst nach Einschätzung von Oligarchen vorbei. Längst nutzen sie komplizierte Geflechte von Offshore-Firmen und Bankverbindungen im Ausland, um das mitunter undurchsichtig erwirtschaftete Geld zu waschen. 

Der Abfluss von Kapital aus Russland ist seit Jahren massiv. Nach Angaben der russischen Zentralbank werden jeden Monat Milliardenbeträge aus Russland abgezogen. Allein im Januar waren es 7,3 Milliarden US-Dollar.

Jeden Monat fliessen Milliardenbeträge aus Russland ins Ausland.
Jeden Monat fliessen Milliardenbeträge aus Russland ins Ausland.
Foto: AFP

Die Regierung beklagt, dass es nicht gelinge, das Geld im Land zu halten – für Investitionen. Analysten machen dafür fehlende Sicherheiten in Russland verantwortlich. Wer das Geld ins Ausland schafft, kann sich auf ein funktionierendes Rechtssystem verlassen. 

Scheinheilige Patrioten

Zu den prominentesten Kämpfern gegen die Korruption in Russland gehört der Aktivist Alexej Nawalny. Mit seiner Stiftung in Moskau geht er immer wieder den Spuren des russischen Geldes nach.


(FILES) In this file photograph taken on June 24, 2019, Russian opposition leader Alexei Navalny attends a hearing at a court in Moscow. - Russia's jailed opposition politician Alexei Navalny might have been exposed to an unidentified "toxic agent," his personal doctor said July 29, 2019, while health officials insisted his condition was satisfactory. (Photo by Vasily MAXIMOV / AFP)
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Dabei kritisiert er nicht nur, dass Politiker und Unternehmer Millionenbeträge unklarer Herkunft scheffeln und über oft verschlungene Wege ins Ausland transferieren. Nawalny prangert auch die „Scheinheiligkeit“ von Gouverneuren und Regierungsmitgliedern an. 

Sie stellten sich in Russland öffentlich als saubere Patrioten dar. In Wirklichkeit aber legten sie ihr Geld nicht nur in London an, sondern auch in Südfrankreich, in Italien und auf Zypern, in Österreich und in der Schweiz. Mit Immobilien sicherten sie sich ein schönes Leben fern der Heimat.

Mehr Transparenz versprochen

Die an den Pranger gestellten schwerreichen Russen hingegen haben auch in ihrer Heimat mit einer etablierten Schmiergeldkultur in aller Regeln nichts zu befürchten – solange sie beim Kreml nicht in Ungnade fallen. 

Nawalny beklagte in dieser Woche, die russischen Behörden hätten die Konten und Geldkarten seiner Ehefrau, Kinder und Eltern gesperrt. Putin wetze wieder die Messer, kommentierte er die Aktion.

Der Aktivist Alexej Nawalny (r.) mit seiner Frau Julia (l.) und seinen Kindern Daria und Zakhar.
Der Aktivist Alexej Nawalny (r.) mit seiner Frau Julia (l.) und seinen Kindern Daria und Zakhar.
Foto: AFP

Die russische Opposition fordert, dass die Behörden im Westen genauer hinschauen, wo das russische Geld herkommt. Sie sollten schärfer wegen des Verdachts der Geldwäsche vorgehen. 

Auch Rachel Davies von Transparency International ist „sehr besorgt über die Menschen, die mit viel Geld nach Großbritannien kommen“. Die Regierung habe mehr Transparenz versprochen. „Aber es ist noch nicht viel passiert.“     


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