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Rassistischer Anschlag in Hanau: Schütze tötet zehn Menschen
International 3 1 5 Min. 20.02.2020 Aus unserem online-Archiv

Rassistischer Anschlag in Hanau: Schütze tötet zehn Menschen

Insgesamt starben elf Menschen bei den Schießereien in Hanau.

Rassistischer Anschlag in Hanau: Schütze tötet zehn Menschen

Insgesamt starben elf Menschen bei den Schießereien in Hanau.
Foto: AFP
International 3 1 5 Min. 20.02.2020 Aus unserem online-Archiv

Rassistischer Anschlag in Hanau: Schütze tötet zehn Menschen

Über vier Monate nach dem Anschlag von Halle erschüttert Deutschland ein weiteres blutiges Attentat. Ein Deutscher tötet in Hanau neun Menschen. Anschließend erschießt er wohl seine Mutter und sich selbst.

(dpa) - Bei einem mutmaßlich rechtsradikalen und rassistischen Anschlag hat ein Deutscher im hessischen Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Anschließend soll der 43-jährige Sportschütze seine 72 Jahre alte Mutter und sich selbst getötet haben. Der Mann habe eine „zutiefst rassistische Gesinnung“ gehabt, sagte Generalbundesanwalt Peter Frank am Donnerstag in Karlsruhe. Das habe die Auswertung von Videobotschaften und einer Art Manifest auf dessen Internetseite ergeben. Die Todesopfer seien zwischen 21 und 44 Jahre alt gewesen und hätten Migrationshintergrund gehabt. Der Täter habe sechs weitere Menschen verletzt, einen schwer.

Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) sagte am Morgen in Wiesbaden, der Generalbundesanwalt ermittle wegen des Verdachts einer terroristischen Gewalttat - Frank selbst sprach am Nachmittag nicht davon. Nach einer Telefonschalte der Innenminister von Bund und Ländern sagte der bayerische Ressortchef Joachim Herrmann (CSU), man gehe davon aus, „dass es sich um einen rechtsradikalen, ausländerfeindlichen Hintergrund handelt“. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzlerin Angela Merkel verurteilten die Tat und Rassismus auf das Schärfste.

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Schüsse auf Gäste von Shisha-Bars

Der mutmaßliche Todesschütze Tobias R. kommt laut den Behörden aus Hanau. Gegen 22.00 Uhr am Mittwochabend eröffnete er in einer Shisha-Bar das Feuer. Danach schoss er in einer weiteren Bar und einem Kiosk um sich. Der türkische Botschafter in Berlin teilte mit, unter den Todesopfern sei mindestens ein türkische Staatsbürger. „Drei oder vier“ Opfer könnten die doppelte Staatsbürgerschaft besitzen. Zuvor war von fünf türkischen Bürgern die Rede gewesen.


Das Manifest des Tobias R.: Er wollte komplette Völker vernichten
Tobias R. tötet im hessischen Hanau neun Menschen mit Migrationshintergrund, danach seine Mutter, dann sich selbst. Wie andere Attentäter vor ihm hinterlässt auch er ein Manifest. Es ist verwirrende Lektüre.

Nach der Tat habe der mutmaßliche Täter in der eigenen Wohnung erst seine Mutter und dann sich selbst erschossen, sagte Beuth. Der 43-Jährige habe die Waffen legal besessen. Nach Auskunft der zuständigen Kreisbehörde hatte er 2013 eine waffenrechtliche Besitzerlaubnis bekommen, in seiner Waffenbesitzkarte seien zuletzt zwei Waffen eingetragen gewesen. Er sei Mitglied im Schützenverein Diana Bergen-Enkheim gewesen, sagte Thilo von Hagen, Sprecher des Deutschen Schützenbundes (DSB).

Die Bundesanwaltschaft teilte mit: „Es liegen gravierende Indizien für einen rassistischen Hintergrund der Tat vor.“ Der mutmaßliche Täter habe auf seiner Internetseite auch wirre Gedanken und abstruse Verschwörungstheorien geäußert. Man prüfe, ob der mutmaßliche Täter Mitwisser oder Unterstützer für seinen Anschlag hatte. Dazu würden das Umfeld und die Kontakte des Mannes im In- und Ausland abgeklärt, sagte Frank.

Ein Mann legt am Heumarkt in unmittelbarer Nähe eines Tatorts in Hanau Blumen ab. Hier befindet sich eine der beiden Bars, auf die Schüsse abgegeben wurden.
Ein Mann legt am Heumarkt in unmittelbarer Nähe eines Tatorts in Hanau Blumen ab. Hier befindet sich eine der beiden Bars, auf die Schüsse abgegeben wurden.
Foto: Andreas Arnold/dpa

Beuth hatte zuvor gesagt, der Mann habe wohl allein gehandelt. „Bislang liegen keine Hinweise auf weitere Täter vor.“ Der mutmaßliche Täter sei zuvor nicht im Visier der Ermittler gewesen. Er sei weder als „fremdenfeindlich“ bekannt gewesen noch polizeilich in Erscheinung getreten.

Video auf YouTube veröffentlicht

Wenige Tage vor dem Verbrechen hatte der mutmaßliche Täter nach Informationen aus Sicherheitskreisen ein Video bei YouTube veröffentlicht. In diesem Video spricht der Mann in fließendem Englisch von einer „persönlichen Botschaft an alle Amerikaner“. Der Clip, der am Donnerstagmorgen weiter im Internet zu sehen war, wurde offensichtlich in einer Privatwohnung aufgenommen.

Darin sagt der Mann, in den USA existierten unterirdische Militäreinrichtungen, in denen Kinder misshandelt und getötet würden. Dort würde auch dem Teufel gehuldigt. Amerikanische Staatsbürger sollten aufwachen und gegen diese Zustände „jetzt kämpfen“. Ein Hinweis auf eine bevorstehende eigene Gewalttat in Deutschland ist in dem Video nicht enthalten. Er behauptet auch, Deutschland werde von einem Geheimdienst gesteuert. Außerdem äußert er sich negativ über Migranten aus arabischen Ländern und der Türkei. 

Bayerns Innenminister Herrmann sagte, nach der Tat solle nun geprüft werden, ob die anstehenden Faschingsumzüge in Deutschland und Treffpunkte von Migranten verstärkt geschützt werden sollen. Da seien sich die Innenminister von Bund und Ländern einig gewesen. „Denn wir wissen aus der Vergangenheit, dass grundsätzlich solche Taten auch Nachahmertaten haben können.“

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sagte, die Tat schockiere, mache sprachlos und „unendlich traurig“. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) besuchte am Nachmittag in Hanau einen Tatort und sagt: „Rassismus ist Gift. Gift, das Verwirrung in den Köpfen auslöst und dafür sorgt, dass das Böse hervortritt.“ Er habe für alle öffentlichen Gebäude in Deutschland Trauerbeflaggung angeordnet.

Merkel: "Gift in unserer Gesellschaft"

Bundespräsident Steinmeier versicherte allen Menschen, „die durch rassistischen Hass bedroht werden. Sie sind nicht allein. Ich bin überzeugt: Die große Mehrheit der Menschen in Deutschland verurteilt diese Tat und jede Form von Rassismus, Hass und Gewalt“. Merkel sagte: „Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift. Und dieses Gift existiert in unserer Gesellschaft. Und es ist schuld an schon viel zu vielen Verbrechen. Von den Untaten des NSU über den Mord an Walter Lübcke bis zu den Morden von Halle.“ In Halle hatte im Oktober ein Antisemit vergeblich versucht mit Waffen in eine Synagoge einzudringen, im Anschluss zwei Menschen getötet.

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer wertete die Tat in Hanau als Beleg dafür, dass die CDU und andere Parteien nicht mit der AfD zusammenarbeiten dürfen. Sie fühle sich in ihrer Haltung bestärkt, dass es keine Zusammenarbeit geben dürfe mit der Partei, die „Rechtsextreme, ja, ich sage auch ganz bewusst Nazis, in ihren eigenen Reihen duldet und die eine Grundlage legt, auch in der politischen Diskussion, für genau dieses Gedankengut“, sagte Kramp-Karrenbauer in Paris. Sie verwies auf den CDU-Beschluss, nicht mit der AfD zu kooperieren. „Wie wichtig es ist, diese Brandmauer zu halten, das sieht man an einem Tag wie Hanau.“


Ein Polizeifahrzeug vor der Synagoge in Halle.
Das Manifest des Halle-Attentäters: Seitenweise purer Hass
Nach dem Attentat von Halle ist ein Manifest im Internet aufgetaucht, das Ermittler für authentisch halten und dem 27-jährigen Tatverdächtigen zuschreiben. Es ist ein extrem verstörendes Dokument.

Die ersten Schüsse fielen den Ermittlern zufolge am Mittwochabend gegen 22.00 Uhr. Am Heumarkt in der Hanauer Innenstadt blicken Passanten später in der Nacht immer wieder fassungslos auf die Szenerie am abgesperrten Tatort. Nicht weit entfernt in einer Seitenstraße liegen Patronenhülsen auf dem Fußweg. Nur rund zwei Kilometer davon entfernt im Stadtteil Kesselstadt befindet sich ein weiterer Tatort. Dort wurden ebenfalls Schüsse abgefeuert.

Einer der Tatorte ist eine Shisha-Bar am Heumarkt, einer Straße, die etwas am Rande der Innenstadt von Hanau mit seinen rund 100.000 Einwohnern liegt. Es ist eine Gegend mit Spielhallen, Wettlokalen und Döner-Imbissbuden. Ein anderer Tatort ist fast in Laufnähe, mit dem Auto sind es bis dahin nur etwa fünf Minuten. Der Kurt-Schumacher-Platz liegt in einem Wohnviertel. Dort befindet sich im Erdgeschoss eines Wohnblocks eine Art Kiosk, mit der Aufschrift „24/7 Kiosk“ auf der großen Glasscheibe, auf einem Reklame-Leuchtschild steht „Arena Bar & Café“. Der Blick ins Innere ist versperrt, die Scheiben sind teils halbhoch mit orangefarbener Folie beklebt.   


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