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Rassismus-Vorwürfe: Frankreichs Polizei unter Beschuss
International 3 Min. 18.06.2020

Rassismus-Vorwürfe: Frankreichs Polizei unter Beschuss

Polizei und Demonstranten auf der Place des Invalides in Paris.

Rassismus-Vorwürfe: Frankreichs Polizei unter Beschuss

Polizei und Demonstranten auf der Place des Invalides in Paris.
Foto: AFP
International 3 Min. 18.06.2020

Rassismus-Vorwürfe: Frankreichs Polizei unter Beschuss

Zum ersten Mal wird eine breite Diskussion über Rassismus in der Polizei geführt. Prominente wie Omar Sy unterstützen die Anti-Rassismus-Bewegung.

Von LW-Korrespondentin Christine Longin (Paris)

Wer dem Rassismus in Frankreich auf die Spur kommen will, muss nicht in die tristen Vorstädte rund um Paris fahren, in denen die Nachkommen der Einwanderer aus den früheren Kolonien leben. Der Rassismus ist Tag und Nacht mitten in Paris sichtbar - an der Brücke Saint-Michel, nur wenige Meter von der Kathedrale Notre-Dame entfernt. Dort erinnert eine kleine Stahlplatte an Dutzende Algerier, die am 17. Oktober 1961 starben. 

Sie hatten zusammen mit Zehntausenden anderen friedlich für die Unabhängigkeit Algeriens demonstriert, als die Polizei brutal gegen sie vorging - unter dem Befehl von Polizeipräfekt Maurice Papon, der unter der Nazi-Besatzung für die Deportation der Juden verantwortlich gewesen war. Die Polizisten erschossen Demonstranten oder warfen sie in die Seine, wo sie ertranken. 

Erst jetzt ... 

Trotz der Polizeigewalt von bisher unbekanntem Ausmaß war das Massaker jahrzehntelang in Frankreich kaum ein Thema. Erst jetzt, wo nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd in den USA auch in Frankreich über Rassismus diskutiert wird, kommt die Erinnerung an die Ereignisse von damals wieder hoch.

Die Debatte über rassistisch motivierte Polizeigewalt ist heikel. Präsident Emmanuel Macron (hier bei einer Hommage an Charles de Gaulle) verwehrt sich gegen den Begriff.
Die Debatte über rassistisch motivierte Polizeigewalt ist heikel. Präsident Emmanuel Macron (hier bei einer Hommage an Charles de Gaulle) verwehrt sich gegen den Begriff.
Foto: AFP

Anders als 1961 wird der Rassismus im Jahr 2020 klar thematisiert. „Die Bilder von Floyd haben dem ganzen Planeten das Blut in den Adern gefrieren lassen. Die Leute wollen keine Zuschauer mehr sein“, sagte Assa Traoré, die Schwester des vor vier Jahren bei seiner Festnahme gestorbenen Adama Traoré, bei einer Kundgebung Anfang Juni. Sie ist sich sicher, dass ihr Bruder ähnlich wie Floyd von Polizisten erstickt wurde. 

Unerwarteter Auftrieb  

Ihr jahrelanges Engagement für eine Verurteilung der Täter erhielt durch den Tod Floyds einen unerwarteten Auftrieb. Am 2. Juni folgten ihrem Demonstrationsaufruf trotz eines Versammlungsverbotes wegen der Corona-Pandemie rund 20.000 Menschen, darunter Prominente wie die Schauspielerin Adèle Haenel oder der Filmemacher Ladj Ly. Omar Sy, seit dem Film „Ziemlich beste Freunde“ einer der beliebtesten Franzosen, appellierte an seine Landsleute, die Polizeigewalt endlich anzuprangern. „Wir alle wollen eine Polizei, die unserer Demokratie würdig ist. Eine Polizei, die die Bevölkerung unabhängig von ihrer Hautfarbe schützt“, forderte er in einer Petition, die er auf die Internet-Plattform change.org stellte. 

Polizisten protestieren gegen Vorwürfe und fordern Anerkennung.
Polizisten protestieren gegen Vorwürfe und fordern Anerkennung.
Foto: AFP

Der Tod Floyds ist der Anlass, endlich auch in Frankreich offen über Rassismus zu debattieren, der bisher als Problem der USA angesehen worden war. Die Regierung schwieg das Massaker von 1961 jahrzehntelang tot. Erst 2012 erkannte Präsident François Hollande die „blutige Unterdrückung“ der Demonstration an - ohne allerdings die Täter zu nennen.

Heikle Debatte

Die Debatte über rassistisch motivierte Polizeigewalt ist auch heute noch heikel. Präsident Emmanuel Macron selbst verwehrt sich gegen den Begriff. In seiner Fernsehansprache am Sonntag versprach er, unerbittlich gegen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung vorzugehen. Wer aber ein Wort zu Traoré oder den Demonstrationen erwartet hatte, der wurde enttäuscht. Auch Forderungen, die koloniale Vergangenheit des Landes endlich kritisch unter die Lupe zu nehmen, erteilte Macron eine Absage. Es werde keine Spur und kein Name aus der Geschichte des Landes getilgt. „Die Republik wird keine Statue abmontieren.“


ST PAUL, MN - JUNE 10: A statue of Christopher Columbus, which was toppled to the ground by protesters, is loaded onto a truck on the grounds of the State Capitol on June 10, 2020 in St Paul, Minnesota. The protest was led by Mike Forcia, a member of the Bad River Band of Lake Superior Chippewa, who called the statue a symbol of genocide. Protesters also called for justice for George Floyd.   Stephen Maturen/Getty Images/AFP
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Die Äußerungen des Staatschefs waren vor allem an ein rechtskonservatives Publikum gerichtet, das Diskussionen über Rassismus ebenso ablehnt wie eine Kritik der Kolonialzeit. „Es ist eine ideologisch motivierte Unwahrheit, zu behaupten, dass die Polizei rassistisch ist“, sagte der konservative Abgeordnete Eric Ciotti. 

Eine „rassistische Welt“  

Und das, obwohl der Menschenrechtsbeauftragte Jacques Toubon ebenso wie internationale Organisationen immer wieder das rassistisch motivierte Verhalten der Polizisten kritisieren, die schwarze Jugendliche oder solche arabischer Herkunft 20mal häufiger kontrollieren als Weiße. In den sozialen Netzwerken kursieren Videos von Festnahmen Schwarzer, die brutal ablaufen. 

„In gewissen Polizeikommissariaten herrscht eine rassistische Welt“, sagte der Historiker Pap Ndiaye bei der Vorstellung des Jahresberichts der unabhängigen Menschenrechtskommission CNCDH am Donnerstag. Auch wenn die Franzosen generell toleranter geworden seien, gebe es einen harten Kern von Rassisten, die auch gewalttätig würden.


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Die Zahl der rassistisch motivierten Gewalttaten nahm im 2019 um elf Prozent gegenüber dem Vorjahr zu, heißt es in dem Bericht, der dieses Jahr insbesondere die Diskriminierung Schwarzer untersuchte. Ein Thema, das brandaktuell ist.

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