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Rätselhafte Online-Botschaften: Ein digitales Phantom im US-Kongress
Analoger Protest ist vor dem Capitol in Washington nicht selten. Aber jetzt kommen - digitale - Unmutsbekundungen auch von innen.

Rätselhafte Online-Botschaften: Ein digitales Phantom im US-Kongress

Foto: AFP
Analoger Protest ist vor dem Capitol in Washington nicht selten. Aber jetzt kommen - digitale - Unmutsbekundungen auch von innen.
International 3 5 Min. 24.10.2017

Rätselhafte Online-Botschaften: Ein digitales Phantom im US-Kongress

Tom RUEDELL
Tom RUEDELL
Im Parlament der USA geschehen seltsame Dinge: Über einen im US-Kongress registrierten Computer werden Änderungen am Online-Nachschlagewerk Wikipedia vorgenommen - um damit teils drastische politische Slogans zu übermitteln.

Es gibt viele analoge Wege, geheime Botschaften, Hilferufe oder Anweisungen zu übermitteln. In einem alten Witz öffnet jemand nach dem Essen in einem chinesischen Restaurant einen dieser Glückskekse mit einer Botschaft darin. Aber auf dem Zettel steht keine Prophezeiung über die Zukunft des Keksessers. Sondern: „Hilfe, ich werde in einer Glückskeksfabrik gefangengehalten”. 2014 verbreitete sich die - gar nicht witzige - Nachricht, dass in Kleidern der Billigmodekette Primark Zettel mit Hilferufen von ausgebeuteten Näherinnen aus Textilfabriken in Bangladesch aufgetaucht seien. Und wenn in einem Ikea-Möbelhaus „Lucky Luke an die Warenausgabe” gebeten wird bedeutet das (angeblich): Dort stehen so viele Kunden Schlange, dass freie Mitarbeiter dort bitte aushelfen sollen. 

Eine spannende digitale Melange aus all diesen etwas kruden analogen Zutaten liegt der Geschichte zugrunde, die sich offensichtlich gerade im Parlament der USA, dem Kongress, abspielt. Eine Mischung aus der altertümlichen Intellektualität eines Sherlock-Holmes-Romans und postmodernen Anspielungen zwischen Tagespolitik und Popkultur.  

Der US-Kongress und Wikipedia

Wie verschiedene US-Medien schon seit einiger Zeit berichten, werden von einer IP-Adresse, die auf den US-Kongress registriert ist, in vergleichsweise rascher Folge Änderungen an Artikeln auf der online-Enzyklopädie Wikipedia vorgenommen. Das alleine ist zunächst viel weniger verdächtig, als es sich anhört: Wikipedia-Artikel kann jeder Internetnutzer jederzeit bearbeiten - das ist das Alleinstellungsmerkmal des beliebten Nachschlagewerks. 

Und es ist Segen und Fluch zugleich für Wikipedia: Einerseits bedeutet es, dass die Artikel immer auf dem neuesten Stand sein können, ohne umständlich erst von einem Verlag redigiert und verifiziert zu werden. Andererseits ist die Tatsache, dass jeder alles dort hineinschreiben kann, der Grund dafür, warum Wikipedia es immer schwer hatte und weiterhin haben wird, als seriöse Quelle anerkannt zu werden. 

Gleichzeitig kommt dort aber wieder die Segenskomponente ins Spiel: Zu augenscheinlicher Schwachsinn wird recht zügig durch die „Intelligenz der Masse” wieder herausredigiert. Am Ende, so die Theorie, soll die Essenz, die Wahrheit, die reine Definition übrig bleiben. Das klappt allerdings nicht immer - immer wieder kommt es vor, dass Wikipedia-Artikel aus politischen Gründen editiert werden, dass Formulierungen in die eine oder andere Richtung gefärbt werden. 

Ein Seismograph namens @Congressedits

Aus diesem Grund gibt es bereits seit Juli 2014 den Twitter-Account @Congressedits. Dessen Funktion ist schnell erklärt: Er dokumentiert automatisch alle Änderungen, die aus dem US-Kongress heraus an Wikipedia vorgenommen werden, mit einem Tweet zur jeweils geänderten Textstelle. 

Das ist zum großen Teil stupide informatische Routine, die aber ab und zu auch einen Treffer landet: Im Dezember 2014 hatte ein Wikipedia-Nutzer über eine IP-Adresse des US-Senats, also einer Kammer des Kongresses, versucht, eine Textpassage zu ändern, in der „erweiterte Befragungstechniken” als „Euphemismus für Folter” bezeichnet wurden. Der Bot twitterte mit - und der Versuch flog auf. 

Dann passierte lange Zeit recht wenig - der „Seismograph” namens @Congressedits schlug nicht aus. Bis Mitte Oktober 2017 die Wikipedia-Aktivität der überwachten Adressen aus dem Kongress merklich zunahm. 

Mehrmals täglich verzeichnete @congressedit jetzt Änderungen - die wenigsten waren wirklich politischer Natur, das Themenfeld der geänderten Artikel reichte von Fernsehserien (Glee) über Popmusik (die College-Rockband Smash Mouth bzw. ihr gleichnamiges Album) bis hin zur Mondlandung. Ein wirkliches Muster war nicht zu erkennen - außer dass in der relativen Beliebigkeit schon eine Aussage liegen könnte.

Ein Phantom im Repräsentantenhaus

Am 19. Oktober dann der erste Paukenschlag: Der Journalistin Julia Reinstein war mit Hilfe von @Congressedit ein Muster aufgefallen. In sechs Wikipedia-Artikeln zur Kennedy-Ermordung hatte ein unbekannter Autor, diesmal unter einer IP-Adresse aus dem Repräsentantenhaus, jeweils ein Wort eingefügt. Zusammen ergab das den Satz „Ted Cruz is the Zodiac Killer”. 

Was wie aus einem Horrorfilm klingt, ist harmloser, wenn auch reichlich deplatzierter Internethumor: Während des US-Wahlkampfs hatte sich in den sozialen Medien das Gerücht verbreitet, der republikanische Senator Ted Cruz sei der so genannte „Zodiac Killer”, ein Massenmörder, der in den 1960er-Jahren in Kalifornien sein Unwesen trieb - was allein schon deshalb Schwachsinn ist, weil Cruz erst 1970 geboren wurde. Sogar Cruz selbst hatte vor einigen Tagen den Gag auf Twitter aufgegriffen- einen Tag später erschien die Botschaft auf Wikipedia. 

Am vergangenen Freitag ging das „Wikipedia-Phantom” noch einen Schritt weiter: Es verfeinerte sein System und bediente sich des Twitter-Accounts @Congressedits, um seine Botschaften zu veröffentlichen. Das berichtete unter anderem das US-Magazin „Gentleman's Quarterly” in seiner Online-Ausgabe.

Drastische Botschaft: „Trump ist Müll” 

Und diese neuen Botschaften sind drastisch, politisch - und kein Scherz mehr. Die ersten Wörter im Titel der editierten Artikel ergeben zusammen gelesen erst den Satz „Trump is Garbage” („Trump ist Müll”), danach „Help! The Gop They Will Kill Us All” („Hilfe! Die Republikanische Partei wird uns alle töten”) und schließlich „RYAN Could not care less AbOUT Poor Folk” („Ryan [gemeint ist wohl Paul Ryan, der republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses] sind die armen Leute völlig egal”). 

Die konkreten Änderungen in den jeweiligen Artikeln sind völlig belanglos - sie wurden offensichtlich nur getätigt, um den Titel an der richtigen Stelle im Twitterfeed erscheinen zu lassen. Für die Worte „could not care less” hatte das Phantom sogar eine Änderung in den nicht sichtbaren Metainformationen eines Artikels vorgenommen, den es auf Wikipedia gar nicht gibt - den Eingriff zeichnete @Congressedits aber trotzdem auf. 

Die IP-Abfrage zeigt: Der Rechner steht im Parlament. Nur wer davor sitzt, zeigt sie nicht.
Die IP-Abfrage zeigt: Der Rechner steht im Parlament. Nur wer davor sitzt, zeigt sie nicht.
Foto: Screenshot WHOIS IP, 24. Oktober 2017.

Niemand (außerhalb des Kongresses) weiß bislang, wer unter der IP-Adresse  143.231.249.138 am Computer sitzt und der Welt per digitaler Schnitzeljagd politische Botschaften übermittelt. Es ist unklar, ob es ein oder mehrere Personen sind, es ist unklar, wer davon wissen müsste, wer nichts wissen darf, oder wer es vielleicht duldet. Die IP-Adresse könnte allerdings auch gefälscht sein, der oder die Autoren könnten auch ganz woanders sitzen - wogegen spricht, dass das Spiel schon seit Jahren so geht. Sicher ist nur: @Congressedits wird weiter mitschreiben.  

Eine der letzten Änderungen, die der Twitter-Account verzeichnete, stammt vom Dienstagnachmittag, und diesmal ist der Stil wieder „robuster”: Mitten hinein in den englischsprachigen Artikel zum Thema Kapitalismus hat das Phantom geschrieben: „Communism will win.” 



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