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Putschversuch des Militärs: Dramatische Nacht in der Türkei
International 8 1 7 Min. 16.07.2016 Aus unserem online-Archiv

Putschversuch des Militärs: Dramatische Nacht in der Türkei

International 8 1 7 Min. 16.07.2016 Aus unserem online-Archiv

Putschversuch des Militärs: Dramatische Nacht in der Türkei

Christophe LANGENBRINK
Christophe LANGENBRINK
In der Türkei überschlagen sich die Ereignisse: Das Militär hat einen Putschversuch gestartet. Präsident Erdogan ist nach Angaben aus Kreisen seines Amtes dennoch nicht abgesetzt. Das Luxemburger Außenministerium hat einen Krisenstab eingesetzt.

(dpa/chl/jot/mt) - In der Türkei überschlagen sich die Ereignisse: Das Militär hat einen Putschversuch gestartet. Präsident Erdogan ist nach Angaben aus Kreisen seines Amtes dennoch nicht abgesetzt. Die türkischen Streitkräfte haben gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan geputscht und nach eigenen Angaben vollständig die Macht übernommen. Das Präsidialamt bestritt dies am Freitagabend jedoch.

Dramatische Stunden in der Türkei: Nach einem Putschversuch des Militärs haben sich in der Nacht zum Samstag die Ereignisse überschlagen. Es gab Berichte über Tote und Verletzte sowie schwere Explosionen. Die Lage war völlig unübersichtlich.

Türkische Streitkräfte begannen am späten Freitagabend mit einem Putschversuch gegen den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan - einem wichtigen, aber umstrittenen Partner der Europäischen Union in der Flüchtlingskrise. Das Militär übernahm nach eigenen Angaben die Kontrolle über das Nato-Land - das Präsidialamt und Regierungsvertreter bestritten dies allerdings. Erdogan rief in einem live übertragenen Telefonanruf beim Sender CNN Türk das Volk zu öffentlichen Versammlungen gegen die Putschisten auf.

In Istanbul waren nach Augenzeugenberichten Schüsse in den Straßen zu hören. Kampfjets flogen im Tiefflug über die Stadt. Gegen 02.40 Uhr Ortszeit (01.40 MESZ) wurde Istanbul von einer schweren Explosion erschüttert. Der Hintergrund war zunächst unklar. Auch Stunden nach Beginn des Putschversuches waren noch Schüsse zu hören.

Ein Polizist in der Nähe des türkischen Hauptquartiers.
Ein Polizist in der Nähe des türkischen Hauptquartiers.
Foto: REUTERS

Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete, bei einem Luftangriff der Putschisten auf das Hauptquartier der Spezialkräfte der Polizei in Ankara seien 17 Polizisten getötet worden. Außerdem sei ein Hubschrauber der Putschisten in Ankara von F-16-Kampfflugzeugen abgeschossen worden.

Ministerpräsident Binali Yildirim sagte, einige Anführer des Putschversuchs seien festgenommen worden. „Die Demokratie wird gewinnen“, sagte Yildirim nach Angaben aus dem Präsidentenpalast. Die Verantwortlichen würden bestraft werden.

„Das ist ein Angriff gegen die türkische Demokratie“, teilte das Präsidialamt mit. „Eine Gruppe innerhalb der Streitkräfte hat außerhalb der Kommandostruktur einen Versuch unternommen, die demokratisch gewählte Regierung zu stürzen.“

Die türkische Armee sieht sich als Wächterin der weltlichen Verfassung des Landes und hatte in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt gegen die Zivilregierung geputscht.

Präsident Erdogan sagte: „Ich rufe unser Volk auf, sich auf den Plätzen und am Flughafen zu versammeln. Sollen sie (die Putschisten) mit ihren Panzern und ihren Kanonen machen, was sie wollen.“ Im Istanbuler Stadtteil Tophane zogen Dutzende Gegner des Putsches auf die Straße.

Tayyip Erdogan
Tayyip Erdogan
REUTERS

Ein dpa-Reporter berichtete am frühen Samstagmorgen, die Menge habe unter anderem „Gott ist groß“ und „Nein zum Putsch“ gerufen. Der US-Fernsehsender CNN International und die britische BBC zeigten Live-Bilder aus der Stadt: Menschen strömten in Massen auf die Straße und schwenken türkische Fahnen. Der genaue Aufenthaltsort Erdogans war in der Nacht unklar.

Nach Angaben des Senders CNN Türk kam es in der türkischen Hauptstadt Ankara zu Gefechten zwischen Polizei und Militär. Die Armee habe die Polizeidirektion beschossen, hieß es. Augenzeugen berichteten von Panzern in den Straßen der Hauptstadt.

Aus Präsidialamtskreisen hieß es, Erdogan sei an einem sicheren Ort. Nähere Angaben zum Aufenthaltsort gab es zunächst nicht. Er sei nicht abgesetzt, hieß es weiter. „Der demokratisch gewählte Präsident der Türkei und die Regierung sind an der Macht.“ In einem Interview des Senders CNN Türk machte er Anhänger des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich.

Noch ist in der Türkei oft unklar, wer auf welcher Seite steht.
Noch ist in der Türkei oft unklar, wer auf welcher Seite steht.
Foto: Reuters

Das Militär verhängte derweil eine Ausgangssperre im ganzen Land. Die Ausgangssperre diene der Sicherheit der Bürger, hieß es in einer Erklärung, die Putschisten im Staatssender TRT 1 verlesen ließen.

Mit dem Putsch sollten unter anderem die verfassungsmäßige Ordnung, die Demokratie und die Menschenrechte wiederhergestellt werden, teilte das Militär nach Angaben der privaten Nachrichtenagentur DHA mit.

Einem Medienbericht zufolge hatte das Militär den Flugverkehr am Atatürk-Flughafen in Istanbul zwischenzeitlich gestoppt. Soldaten hätten den Tower am größten Flughafen des Landes am Freitagabend unter ihre Kontrolle gebracht, meldete DHA. Nach Erdogans Aufruf drangen Demonstranten auf das Flughafengelände ein, wie die private Nachrichtenagentur DHA meldete. Das Militär sei daraufhin wieder abgezogen.

US-Präsident Barack Obama rief dazu auf, die demokratisch gewählte Regierung des Landes zu unterstützen. Gewalt und Blutvergießen müssten vermieden werden, hieß es in einer Mitteilung des Weißen Hauses am Freitagabend. Obama hatte zuvor mit seinem Außenminister John Kerry telefoniert, der sich derzeit in Moskau aufhält.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg rief zu Zurückhaltung und Respekt vor den demokratischen Institutionen und der türkischen Verfassung auf. Die Türkei sei ein geschätzter Nato-Verbündeter, sagte Stoltenberg nach einem Telefonat mit dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu am frühen Samstagmorgen.

Die Bundesregierung verlangte die Respektierung der demokratischen Institutionen in der Türkei. „Die demokratische Ordnung in der Türkei muss respektiert werden“, hieß es in einer Erklärung von Regierungssprecher Steffen Seibert, die in der Nacht zum Samstag über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet wurde. „Alles muss getan werden, um Menschenleben zu schützen.“

Viele Menschen wollten jedoch von einer Ausgangssperre nichts wissen. Auf den Straßen herrscht teilweise Panik, die ältere Generation erinnert sich noch mit Schrecken an frühere Umsturzversuche. In Istanbul waren dann gegen 1 Uhr Schüsse und Explosionen zu hören. Dem Klang nach zu urteilen wurden auch schwere Waffen eingesetzt. Hubschrauber kreisten über der Stadt.  Nach Angaben des Senders CNN Türk kam es in der türkischen Hauptstadt Ankara zu Gefechten zwischen Polizei und Militär. Die Armee habe die Polizeidirektion beschossen, hieß es. Augenzeugen berichteten von Panzern in den Straßen der Hauptstadt. Es gab auf beiden Seiten Tote und Verletzte.




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Mitteilung des Luxemburger Außenministeriums

Das Luxemburger Außenministerium rät den Luxemburgern in der Türkei, sich in Sicherheit zu begeben und an diesem sicheren Ort vorerst zu bleiben.

Die Luxemburger Botschaft in Ankara ist unter den Nummern +90 (549) 724 4104 und +90 (549) 724 4105 zu erreichen.

Zudem wurde ein Krisenstab des Außenministeriums eingerichtet. Er ist unter der Nummer 621 287 658 zu erreichen.

KLM-Maschine bricht Flug nach Istanbul ab

Eine Maschine der niederländischen Fluggesellschaft KLM mit 184 Menschen an Bord hat ihren Flug nach Istanbul abgebrochen und kehrt zurück nach Amsterdam. Das hat die Fluggesellschaft nach eigenen Angaben vom Freitagabend wegen der unsicheren Lage in der Türkei entschieden. Auch die Lufthansa hat wegen des Militärputsches eine Maschine von Frankfurt nach Ankara zurückbeordert. Alle anderen Flüge seien zuvor bereits abgewickelt worden, sagte ein Unternehmenssprecher am späten Freitagabend.

TUI beruft Krisenstab ein

Aufgrund des Putschversuchs hat der deutsche Reiseveranstalter TUI einen Krisenstab einberufen. Dies sagte eine TUI-Sprecherin in der Nacht zum Samstag. Kunden, die in den nächsten Stunden in die Türkei fliegen wollten, könnten kostenlos ihre Reise stornieren. Die Abflugschalter seien entsprechend informiert worden. In den türkischen Ferienzentren ist die Lage nach Angaben von TUI ruhig. Dies berichteten Reiseleiter vor Ort, sagte die Sprecherin. Noch keine Angaben konnte sie darüber machen, ob rückreisewillige Urlauber schnell zurückgeflogen werden können.

Christopher Martins nicht in Istanbul

Olympique Lyon reiste am Freitag nach Istanbul, da am Samstag ein Testspiel gegen den türkischen Spitzenclub Fenerbahce geplant war. Der Luxemburger Nationalspieler Christopher Martins ist nicht Teil der Delegation. Das Team ist nach Angaben ihres Pressesprechers Pierre Bideau wohlauf. Man sei in einem Hotel in einem Geschäftsviertel untergebracht. Man befinde sich in gewisser Distanz zu  den Putschereignissen.

Drei Staatsstreiche in der Vergangenheit

Die türkische Armee sieht sich als Wächterin der weltlichen Verfassung des Landes und hat seit 1960 drei Mal gegen die Zivilregierung geputscht:

27. Mai 1960: Das Militär sieht das demokratische System bedroht und stürzt die Regierung in einem Putsch. Ministerpräsident Adnan Menderes und zwei Minister werden im September 1961 gehängt. Die Regierung hatte die Pressefreiheit sowie die politischen Rechte der Opposition eingeschränkt. Studentenunruhen waren die Folge. Die Militärs bleiben 17 Monate an der Macht.

12. März 1971: Die zweite Intervention gilt als Antwort der Armee auf den wachsenden Terror gewalttätiger Gruppen der extremen Linken. Die Generäle zwingen Ministerpräsident Süleyman Demirel per Denkschrift zum Rücktritt. Im Jahr darauf setzt das Militär wieder eine zivile Regierung ein.

12. September 1980: Auch die zweite Amtszeit Demirels endet mit seinem Sturz. Die Militärführung unter General Kenan Evren verhängt das Kriegsrecht, um den Verfall staatlicher Autorität angesichts des Terrors von Rechts und Links aufzuhalten. Etwa 650 000 Menschen werden festgenommen und zahlreiche hingerichtet. Erst im November 1983 geht die Militärherrschaft offiziell zu Ende.

30. Juni 1997: Eine politische Einmischung, aber kein Putsch: Die Armee erzwingt den Rücktritt des ersten islamistischen Ministerpräsidenten der Türkei, Necmettin Erbakan. Er war der Ziehvater des heutigen Regierungschefs Recep Tayyip Erdogan.

2003: Offiziere diskutieren in einem mit dem Namen Balyoz („Vorschlaghammer“) versehenen Planspiel Schritte für ein inszeniertes Chaos in der Türkei und die Entmachtung der Regierung - so stellt es das oberste Gericht im Oktober 2013 rückblickend fest. Es bestätigt die Verurteilungen von 237 damals Beteiligten.


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