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Prozess gegen SS-Wachmann: 93-jähriger KZ-Überlebender sagt aus
International 5 Min. 28.10.2019

Prozess gegen SS-Wachmann: 93-jähriger KZ-Überlebender sagt aus

Der 93 Jahre alte ehemalige SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof und sein Anwalt Stefan Waterkamp (l) sitzen vor Beginn eines weiteren Prozesstages im Landgericht. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Wachmann vor, Beihilfe zum Mord an 5230 Menschen geleistet zu haben.

Prozess gegen SS-Wachmann: 93-jähriger KZ-Überlebender sagt aus

Der 93 Jahre alte ehemalige SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof und sein Anwalt Stefan Waterkamp (l) sitzen vor Beginn eines weiteren Prozesstages im Landgericht. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Wachmann vor, Beihilfe zum Mord an 5230 Menschen geleistet zu haben.
Foto: Christian Charisius/dpa/Pool/dpa
International 5 Min. 28.10.2019

Prozess gegen SS-Wachmann: 93-jähriger KZ-Überlebender sagt aus

Der Angeklagte im jüngsten NS-Prozess streitet seine SS-Mitgliedschaft nicht ab, diese sei aber nicht freiwillig gewesen. Auch habe er nicht gewusst, was in der Gaskammer vor sich ging.

(dpa/SC) - Zum Auftakt eines Prozesses um Verbrechen im Konzentrationslager Stutthof nahe Danzig hat sich der 93 Jahre alte Angeklagte zu seiner Vergangenheit als SS-Wachmann bekannt.

Er sei im Sommer 1944 als 17-Jähriger zur Wehrmacht eingezogen worden und habe dann, weil er nicht kriegsverwendungsfähig war, den Marschbefehl nach Stutthof bekommen, sagte sein Verteidiger Stefan Waterkamp am Donnerstag vor der Strafkammer am Landgericht in der norddeutschen Großstadt Hamburg. „Er war zu dieser Zeit nicht freiwillig in die SS eingetreten, er hat sich den Dienst im Konzentrationslager nicht ausgesucht.“ Der im Rollstuhl sitzende, aber rüstig wirkende Angeklagte bestätigte, dass die Erklärung in seinem Namen abgegeben wurde.

Über 60.000 Menschen starben im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig.
Über 60.000 Menschen starben im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig.
Foto: Piotr Wittman/PAP/dpa

Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen

Die Staatsanwaltschaft wirft dem bei Danzig geborenen Rentner vor, Beihilfe zum Mord an 5230 Menschen geleistet zu haben. Als Wachmann habe er zwischen dem 9. August 1944 und dem 26. April 1945 „die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt“.

Er habe mit einer Waffe Dienst auf den Wachtürmen verrichtet und Arbeitskommandos von Häftlingen bewacht, sagte Oberstaatsanwalt Lars Mahnke. Zu seinen Aufgaben habe es gehört, die Flucht, Revolte und Befreiung von Häftlingen zu verhindern. Der Angeklagte habe teilweise bis ins Detail Kenntnis von den Erschießungen gehabt.


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Nach Angaben des Sprechers sind zwölf Verhandlungstage bis zum 17. Dezember vorgesehen. Jeder Prozesstag werde nicht länger als zwei Stunden dauern, weil der Angeklagte gesundheitlich angeschlagen sei. Rund 25 Überlebende des KZs treten als Nebenkläger auf. Sie kommen aus Polen, Israel, den USA, Australien, Kanada und Litauen. Im KZ Stutthof und seinen Nebenlagern sowie auf den sogenannten Todesmärschen zu Kriegsende starben nach Angaben der für die Aufklärung von NS-Verbrechen zuständigen Zentralstelle in Ludwigsburg rund 65.000 Menschen.

"Ich wusste nicht, dass die da vergast wurden"

Der ehemalige SS-Wachmann hat vor Gericht angegeben, beobachtet zu haben, wie Gefangene in die Gaskammer geführt wurden. Auf die Frage der Vorsitzenden Richterin Anne Meier-Göring, was er genau vom Wachturm aus gesehen habe, sagte der Angeklagte am Freitag: "Dass da Leute reingeführt wurden, in die Gaskammer, dass die Tür verschlossen wurde."

Kurz danach habe er Schreie und Poltern gehört. "Ich wusste nicht, dass die da vergast wurden", betonte der 93-Jährige. Es seien vielleicht 20 oder 30 Gefangene gewesen, die er gesehen habe. Sie hätten sich nicht gewehrt.

Ein 93 Jahre alter ehemaliger SS-Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig wird im Landgericht in einen Gerichtssaal geschoben.
Ein 93 Jahre alter ehemaliger SS-Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig wird im Landgericht in einen Gerichtssaal geschoben.
Foto: Fabian Bimmer/Reuters Pool/dpa

Ob die Menschen, die in die Gaskammer geführt wurden, Männer oder Frauen waren, könne er nicht sagen, weil alle Gefangene kahlgeschoren gewesen seien, sagte der ehemalige Wachmann. Was danach geschehen sei, könne er auch nicht sagen. "Ich habe niemanden rauskommen sehen."

Ein anderes Mal habe er ebenfalls eine Gruppe von Gefangenen beobachtet, die in die Gaskammer geführt wurden, aber wieder rauskamen. Sie seien einzeln von Leuten in weißen Kitteln in das Krematoriumsgebäude gebracht worden. Es sei gesagt worden, die Häftlinge sollten zu einem Arbeitseinsatz außerhalb des Lagers gehen und müssten vorher untersucht werden.

Der 93-jährige Angeklagte bekundete vor Gericht sein Mitgefühl für die Gefangenen in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten. Es sei ihm ein großes Bedürfnis zu sagen, wie leid es ihm tue, was diesen Menschen angetan worden ist. Sein Einsatzort sei 1944/45 ein "Ort des Grauens" gewesen, sagte er am Montag in Hamburg zu Beginn seiner Befragung durch die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring.

"Ich habe viele Leichen gesehen", sagte er weiter. "Die Bilder des Elends und des Grauens haben mich mein ganzes Leben verfolgt."

93-jähriger KZ-Überlebender tritt als Zeuge vor Gericht

Neben dem Angeklagten sagte am Montag auch ein 93-jähriger Überlebender vor Gericht aus. Der in Polen geborene Marek Dunin-Wasowicz war am 25. Mai 1944 zusammen mit seinem Bruder in das Zwangslager bei Danzig gebracht worden. "Mein Leben im Lager war eng mit meinem Bruder verknüpft. Er hat sich um mich gekümmert wie ein Vater um sein Kind."

Der 93-Jährige gab an, es sei unter Häftlingen ein "offenes Geheimnis" gewesen, das in den Gaskammern Menschen getötet wurden. 

Marek Dunin-Wasowicz, Überlebender des KZ Stutthof, der als Zeuge und Nebenkläger in dem Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof aussagt, sitzt im Landgericht.
Marek Dunin-Wasowicz, Überlebender des KZ Stutthof, der als Zeuge und Nebenkläger in dem Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof aussagt, sitzt im Landgericht.
Foto: Christian Charisius/dpa/Pool/dpa

"Ich habe die Gaskammer gesehen, aber direkt habe ich das nicht gesehen", so der Zeuge am Montag. Eine Dolmetscherin übersetzte für den Polen. "Wenn die Häftlinge von den SS-Leuten abgeholt wurden, von der Arbeit oder der Baracke, und sie nie wieder aufgetaucht sind, dann war es klar, dass sie ermordet worden sind".

Das Krematorium habe es in dem KZ in Danzig von Anfang an gegeben, die Gaskammer sei erst später gebaut worden. Neuankömmlingen habe man gesagt "Der Weg in die Freiheit führt nur über den Schornstein". 

Marek Dunin-Wasowicz erklärte, dass die Vorgänge im Hof den Wachleuten auf den Wachtürmen nicht entgangen sein können. "Ich habe Wachmänner dort oben stehen sehen", so der 93-Jährige.

Marek Dunin-Wasowicz, Überlebender des KZ Stutthof, der als Zeuge und Nebenkläger in dem Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof aussagt, sitzt im Landgericht.
Marek Dunin-Wasowicz, Überlebender des KZ Stutthof, der als Zeuge und Nebenkläger in dem Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof aussagt, sitzt im Landgericht.
Foto: AFP

Es sei ständig nach neuen Methoden gesucht worden, KZ-Häftlinge zu vergasen. So entwickelte die SS zum Beispiel eine Schmalspurbahn, die direkt auf das Gelände des Lagers führte. "Den Juden wurde höflich gesagt, dass sie reingehen sollen, um in ein anderes Lager transportiert zu werden. Dann wurden Türen geschlossen und sie wurden vergast."

Der 93-Jährige äußerte sich detailliert über die Gräueltaten, die er im KZ Stutthof bei Danzig miterleben musste. Jeden Morgen seien wahllos Häftlinge aus ihren Zellen gezogen und erschossen worden, öffentliche Exekutionen seien keine Seltenheit gewesen. Bei Zählappellen - auch mitten in der Nacht - hätten die Insassen oft stundenlang wach stehen müssen. 

Der betagte Mann, der heute leicht auf einen Gehstock gestützt geht, überlebte die tägliche Tortur nur knapp. Ein Arzt, den Marek Dunin-Wasowicz noch aus seiner Zeit in Warschau kannte, sagte ihm unmissverständlich: "Sie werden dich bald zunichtemachen. Du bist ein Schatten deiner selbst."

Der Arzt riet ihm, sich ins Krankenhaus einliefern zu lassen. Dann könne der Mediziner ihm helfen. Dunin-Wasowicz hat sich daraufhin bei Arbeiten einen Baumstamm auf den Fuß fallen lassen und konnte sich einige Wochen von der Arbeit erholen.


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