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Protest am Klavier

Protest am Klavier

Foto: Stefan Scholl
International 6 Min. 17.03.2018

Protest am Klavier

In dem Provinzstädtchen Uglitsch an der Oberen Wolga gibt es so gut wie keinen Präsidentschaftswahlkampf. Aber der politische Alltag hier ist offener und duldsamer alsin Moskau.

Von LW-Korrespondent Stefan Scholl (Uglitsch)

Die 15-jährige Xenia singt mit Bruststimme ein russisches Volkslied, Larissa, ihre Tante und Lehrerin, begleitet sie auf dem Klavier. Das Holzparkett im Klavierzimmer der Musikschule haben die Jahre dunkel gefärbt, an blassen Blümchentapeten hängen alte Stiche: Bach, Tschaikowski, Mozart. Nur der Nawalny-Aufkleber auf Larissas Handtasche zeigt, dass die Sowjetzeit Vergangenheit ist.

Die Klavierlehrerin Larissa Cholmowskaja gehört zu den sehr seltenen Oppositionellen in Uglitsch, Nichte Xenia, erzählt sie, sei Aktivistin in einem durchaus regimetreuen Jugendklub. Xenia aber lacht, im Russisch-Unterricht hätten sie gerade einen Aufsatz geschrieben: Welchen Präsidentschaftskandidaten würdest du wählen? „Zwei Mädchen haben über Xenia Sobtschak geschrieben, ich über Alexej Nawalny.“ Sobtschak gilt als krasser, prowestlicher, Außenseiter, der Korruptionsbekämpfer Nawalny wurde erst gar nicht zu den Wahlen zugelassen, es störte weder Xenia noch ihren Lehrer: „Ich habe ein ,Sehr gut‘ bekommen“, freut sie sich.

Die Klavierlehrerin Larissa Cholmowskaja gehört zu den sehr seltenen Oppositionellen in Uglitsch,
Die Klavierlehrerin Larissa Cholmowskaja gehört zu den sehr seltenen Oppositionellen in Uglitsch,
Foto: Stefan Scholl

Am 18. März wählt Russland seinen Präsidenten, Wladimir Putins Sieg gilt schon jetzt als sicher. Trotzdem fliegen bei den TV-Debatten in Moskau zwischen dem nationalpopulistischen Kandidaten Wladimir Schirinowski und Sob-tschak Schimpfwörter und Wasserbecher, Amtsinhaber Putin verspricht eine Verdoppelung des Bruttoinlandsproduktes und atomgetriebene Raketen. In einem Dorf am Ural hat eine Lehrerin einer 13-Jährigen mit Gefängnis gedroht, weil sie bei einem Malwettbewerb statt Putin den kommunistischen Kandidaten Pawel Grudinin porträtierte.

Wahlkampf ohne Repressalien

In Uglitsch an der oberen Wolga, drei Autostunden nordöstlich von Moskau, aber lodern statt Wahlkampf 21 Grad Frost, die Passanten auf dem leeren Uspensker Platz an der Wolga eilen als vereinzelte Punkte durch weißes Nichts. Nur über der Jaroslawsker Chaussee hängt ein einsames Schirinowski-Plakat. In den verschneiten Gärten am Stadtrand aber hat jemand seinen Schuppen mit der blau leuchtenden Folie eines alten Wahlplakats der Staatspartei „Einiges Russland“ (ER) verkleidet.

Aufgabe der Partei ist es, möglichst viel Leute zum Wählen zu bewegen. Michail Woronow

Die Uglitscher reden durchaus über Politik. Im „Familienfriseursalon Andersen“ lackiert Chefin Swetlana Grosnowa der Zahnärztin Tatjana die Fingernägel. „Ich wähle Putin, er ist der mit Abstand vernünftigste Kandidat“, verkündet Tatjana. Grudinin? „Auch nicht schlecht“, Tatjana grinst, „aber den kenne ich zu wenig.“ Swetlana hält es ebenfalls mit Putin. „Ich will nicht, dass das Chaos der 1990er-Jahre zurückkehrt. In Uglitsch gab es damals in den Lebensmittelgeschäften nur noch Meerkohl.“

Swetlana Grosnowa
Swetlana Grosnowa
Foto: Stefan Scholl

Swetlana hat in Moskau Weinbau studiert, lernt eifrig Deutsch, konsumiert außer dem Staatsfernsehen auch Spiegel Online. Eine Familie mit drei Kindern benötige in Uglitsch 150 000 Rubel (über 2 100 Euro), um gut zu leben, sagt sie. Offiziell liegt das Durchschnittseinkommen in der Region Jaroslawl bei 35 000 Rubel (500 Euro). Aber Aleksej Fedurjow, ehemaliger Stadtarchitekt und stellvertretender Sekretär des Rajonkomitees der kommunistischen Partei KPRF, beziffert die Löhne hier auf 7 000 bis 20 000 Rubel, 100 bis knapp 300 Euro. Und Fedurjow sagt, er kenne jeden Uglitscher mit Vornamen.

Kurzer Halt für Touristen

Im Sommer beleben mehrere hunderttausend Touristen die 32 000-Seelenstadt, vor allem Passagiere der Wolga-Dampfer. Aber die Wolga ist zugefroren. Die Uhrenfabrik, wo zu Sowjetzeiten über 10 000 Menschen arbeiteten, hat vor zwölf Jahren Bankrott gemacht. Andrej, Inhaber eines Autoersatzteilladens, bestätigt die Worte Swetlanas, die Behörden würden sie in Ruhe lassen. „Die sind froh über jeden Kleinbetrieb, der sich noch über Wasser hält.“ Ein Unternehmer aus Moskau dagegen schimpft auf die örtlichen Beamten. „Wenn du hier eine Million in eine neue Produktion investierst, denken sie, du hast noch eine Million, die sie dir abknüpfen wollen.“

Alexei Feruljow, stellvertretender Parteisekretär des Bezirkskomitees der KPRF in Uglitsch im Uhrenmuseum von Uglitsch.
Alexei Feruljow, stellvertretender Parteisekretär des Bezirkskomitees der KPRF in Uglitsch im Uhrenmuseum von Uglitsch.
Foto: Stefan Scholl

Uglitsch ist 1 081 Jahre alt, 110 Jahre älter als Moskau, Uglitsch ist eine schöne Stadt, ein „Wald aus Kirchtürmen“ schwärmte schon Alexandre Dumas. Aber die Stadt blüht nicht, der Schnee verbirgt die Schlaglöcher der Nebenstraßen kaum, aus der Bauruine des nie zu Ende gebauten Tanzpalasts gähnen leere Fensterhöhlen.

Das wichtigste ist die Familie

Swetlana hofft, man könne die Fehler innerhalb des Systems korrigieren. Das wichtigste sei ihr die Familie, sie wolle auf keinen Fall, dass ihre drei Jungs auf die Barrikaden gehen. „Dem Ältesten gebe ich Remarque zu lesen, um seinen Maximalismus abzukühlen.“

Nicht hingehen bedeutet nur mehr Prozente für Putin. Larissa Cholmowskaja

Auch Larissa sagt, in Uglitsch drehe sich alles um die Familie. „Die Männer zerreißen sich, um Geld zu verdienen, ein Haus zu bauen, den Kredit für eine Wohnung zu bezahlen.“ Überlebenskampf sei für viele längst Alltag. „Das Volk schweigt, aber das Volk denkt.“

Larissa und eine Kollegin erzählen, alle Pädagogen der Musikschule hätten Ende des Jahres 60 000 Rubel extra bekommen, das sähe doch arg nach Wahlgeschenk aus. Aber im Gegensatz zu Alexej Nawalny ist Larissa gegen einen Wahlboykott. „Nicht hingehen bedeutet nur mehr Prozente für Putin.“

Swetlana sagt, nach dem, was ihre Friseurkunden politisch äußerten, seien die rund 70 Prozent Stimmen, die die staatlichen Meinungsforschungsinstitute Putin vorhersagen, realistisch. Allerdings stimmten bei den Staatsdumawahlen 2016 gerade 41,3 Prozent für die Staatspartei. Larissa glaubt, immer mehr Leute wandten sich von Putin ab.

Keine Putin-Porträts

Hier hängen in vielen Direktorenzimmer keine Putin-Porträts, eine Schulleiterin schwärmt von den armen aber freien 1990er-Jahren, da hätte der Staat die Schulen viel weniger bevormundet. Sie habe sich noch nicht entschieden, für wenn sie stimmen werde. Ihre Kollegin, ER-Mitglied, lacht: „Ich weiß noch nicht, wen ich wähle, aber auf keinen Fall Putin.“ Der sei einfach lange genug Präsident gewesen.

Das Museum des Städtischen Alltags in Uglitsch ...
Das Museum des Städtischen Alltags in Uglitsch ...
Foto: Stefan Scholl

Der Kommunist Feruljow sagt, alle Uglitscher Parlamentsparteien hätten sich geeinigt, auf Schmutzkampagnen zu verzichten. Aber auch Nawalny habe durchaus gute Ideen. „Nur muss man sie von den Projekten unterscheiden, die ihm die CIA bezahlt.“ Die eigene Tochter, erzählt Feruljow, lebe übrigens in San Francisco.

In Uglitsch redet man gern und viel, aber man überschreit einander nicht. Man bespritzt seine Opponenten nicht mit Chemikalien, und man hat keine Angst vor ausländischen Journalisten, die in der Hauptstadt längst als Fake-Agenten des feindlichen Auslands gehandelt werden.

Alltägliche politische Offenheit

Es mag auch daran liegen, dass man hier nur wenig Macht und Geld zu verteilen hat, aber in Uglitsch sind politische Duldsamkeit und Offenheit erstaunlich alltäglich. Diese Alltäglichkeit gibt es auch in Tausenden anderen russischen Kleinstädten, aber die Repressalien und Skandale in Moskau und den Metropolen haben sie längst überdeckt.

Auch die Parkettdielen im Empfangsbüro der Partei „Einiges Russland“ von Uglitsch sehen noch sehr sowjetisch aus, darüber herrscht spartanische Sachlichkeit: eine russische Fahne, zwei Landkarten, weiße Bären auf einem Kalender und auf dem Wappen der Partei. Kein Putin-Porträt. An der blank geputzten Platte des Versammlungstischs sitzt Michail Woronow, der Vorsitzende der Bezirksduma von Uglitsch, in der „Einiges Russland“ (ER) 19 von 20 Abgeordneten stellt.

Michail Woronow, der Vorsitzende der Bezirksduma von Uglitsch
Michail Woronow, der Vorsitzende der Bezirksduma von Uglitsch
Foto: Stefan Scholl

Warum man in der Stadt keine Putin-Plakate sieht? Der Wahlkampf finde im Fernsehen statt, sagt Woronow. „Aufgabe der Partei ist es, möglichst viele Leute zum Wählen zu bewegen.“ Die 70 Prozent Wahlbeteiligung, die als Ziel des Kremls gelten, seien hier durchaus real: „Mitte März sind die Leute noch nicht in ihren Gemüsebeeten, noch nicht zum Grillen im Grünen.“

Woronow plaudert über die hessische Partnerstadt Idstein, über die sinkende Zahl der Verbrechen im Bezirk, die letzte russisch-kaukasische Messerstecherei in Uglitsch liege 14 Jahre zurück. Und mit Larissa Cholmowskaja, der Oppositionellen, habe er gemeinsam die Musikschule absolviert. Er erzählt die Geschichte, wie Larissa nach einer Protestaktion in Jaroslawl mit anderen Nawalny-Aktivisten festgenommen wurde, sich auf der Polizeistation an ein Klavier setzte und spielte. „Die Leute hier haben eine sanftere Einstellung zum politischen Kampf“, erklärt Woronow. Larissa selbst sagt, sie hätte am Klavier die Stimmung auf der Wache entspannen wollen. „Keiner in Russland möchte eine blutige Revolution.“ Schönheit, Wahrhaftigkeit und Überzeugungskraft, hofft sie, werden die Wende im Land bringen.


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