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Premiere in der Pandemie - Saarland-Modell bleibt Balanceakt
International 5 Min. 10.04.2021

Premiere in der Pandemie - Saarland-Modell bleibt Balanceakt

In Orscholz trainiert ein Kunde mit Mund-Nasen-Schutz in einem Fitnessstudio.

Premiere in der Pandemie - Saarland-Modell bleibt Balanceakt

In Orscholz trainiert ein Kunde mit Mund-Nasen-Schutz in einem Fitnessstudio.
Foto: dpa
International 5 Min. 10.04.2021

Premiere in der Pandemie - Saarland-Modell bleibt Balanceakt

Mit Hoffnung und Skepsis gleichermaßen blickt die Großregion auf das Corona-Öffnungsmodell im Saarland. Die Zwischenbilanz ist gemischt.

(dpa) - Für das Saarländische Staatstheater ist es inmitten der Corona-Pandemie ein außergewöhnlicher Moment in seiner mehr als 80-jährigen Geschichte. Aufregung und Vorfreude herrschen an dem kühlen April-Abend an dem traditionsreichen Gebäude in Saarbrücken. Innen wie draußen. Gäste treffen nach und nach ein - mit Maske, Abstand und negativem Corona-Test. Journalisten stehen an jeder Ecke. Das bekannte Singspiel „Im Weißen Rössl“ hat schon viele Premieren erlebt, eine solche aber wohl noch nicht.

Nach sechs Monaten Stillstand kann Generalintendant Bodo Busse erstmals wieder Zuschauer begrüßen. Munter verteilt der sichtlich aufgeregte Theaterchef am Donnerstagabend Glücksschweinchen aus Marzipan. „Schwein gehabt“ haben auch all jene, die einen der etwa 200 Plätze ergattern konnten. In normalen Zeiten wäre das Theater mit 980 Gästen besetzt. Ein Paar aus Stuttgart freut sich über sein Glück - und über das saarländische Öffnungsmodell, das „diese Freiheit“ möglich mache. Im Ländle müssten sie dafür nach Tübingen fahren. „Wir genießen es“, sagt die junge Frau.

Essen gehen mit Schnelltest

Nur das Abendessen - das sei leider ausgefallen, weil die Gastronomie offensichtlich noch nicht ganz auf die neue Realität vorbereitet war: Seit Dienstag dürfen Außengastronomie, Fitnessstudios und Kultureinrichtungen im Saarland wieder öffnen - wenn die Gäste einen negativen Corona-Schnelltest vorweisen. Es ist ein Modell, auf das ganz Deutschland blickt. Erstmals wagt ein ganzes Bundesland Öffnungsschritte, obwohl seit Tagen die Zeichen auf Lockdown stehen.

Bodo Busse, Generalintendant des Saarländischen Staatstheaters, verteilt mit einer Zange Marzipan-Schweinchen an die Besucher der Premiere von "Im Weißen Rössl".
Bodo Busse, Generalintendant des Saarländischen Staatstheaters, verteilt mit einer Zange Marzipan-Schweinchen an die Besucher der Premiere von "Im Weißen Rössl".
Foto: dpa

Die dritte Pandemiewelle rollt. Wissenschaftler und Mediziner warnen vor dem Kollaps der Krankenhäuser. Busse verfolgt die politische Diskussion über einen möglichen neuen Lockdown in Deutschland mit Sorge und Unmut. „Nach 13 Monaten Pandemie sollte man doch andere Konzepte bereithaben, um Menschen zu schützen und ihnen trotzdem ein Angebot für Aktivitäten zu machen.“ Die Kultur habe aus seiner Sicht längst ihren Beitrag geleistet, um ein Angebot zu machen.

Öffnungen unter dem Damoklesschwert

Natürlich sei ihm bewusst, dass das Theater den Betrieb vielleicht wieder unterbrechen müsse. „Dieses Damoklesschwert ist Teil des Saarland-Modells. Es ist allen bewusst, dass es schnell wieder vorbei sein kann. Aber das sollte uns nicht daran hindern, es zu versuchen“, meint der Generalintendant. Bei ihm habe sich am Abend in das Glück auch etwas Trauer gemischt. „Wir freuen uns darüber, dass ein Theater spielt. Dabei sollte das die Normalität sein - nicht die Ausnahme.“

Nach 13 Monaten Pandemie sollte man doch andere Konzepte bereithaben, um Menschen zu schützen und ihnen trotzdem ein Angebot für Aktivitäten zu machen.  

Bodo Busse, Generalintendant Saarländisches Staatstheater

Restaurants im Saarland öffnen nur zögerlich
Seit Dienstag dürfen im Saarland Außenbereiche der Gastronomie wieder öffnen. Doch längst nicht alle Gastronomen machen mit.

Unweit des Staatstheaters sitzen an diesem Abend einige Gäste an Kneipentischen. Mehrere Betriebe haben ihre Außengastronomie geöffnet, andere nicht. Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga im Saarland fürchtet einen schnellen Stopp des Öffnungsmodells nach den nächsten Beratungen von Bund und Ländern. „Viele Unternehmer sagen etwas fatalistisch: Selbst, wenn ich jetzt öffne - wer weiß, ob Berlin nicht das Saarland-Modell beendet?“, sagt Hauptgeschäftsführer Frank Hohrath. Es herrsche große Sorge, dass der Bund mit einem neuen Lockdown durchgreife. „Diese Diskussion ist neben dem schlechten Wetter ein wesentlicher Spielverderber des Modells.“

Wirtin Monika Müller (Mitte) bringt ihren Gästen, die vor ihrer Kneipe "Glühwürmchen" in der Saarbrücker Innenstadt sitzen, Getränke.
Wirtin Monika Müller (Mitte) bringt ihren Gästen, die vor ihrer Kneipe "Glühwürmchen" in der Saarbrücker Innenstadt sitzen, Getränke.
Foto: dpa

Das Projekt verdiene eine Chance, meint Hohrath. „Das Modell ist ein Weg, der die Bevölkerung mit in die Verantwortung nimmt. Und das wurde ja immer wieder gefordert.“ Die politische Unsicherheit sei da ein Störfaktor. „Die Mitglieder fragen uns, was nächste Woche passiert. Aber wir wissen auch nicht, was die Kanzlerin vorhat.“

Frische Luft statt Lockdown

Am gleichen Abend, an dem sich Zuschauer im Theater bei Schlagern wie „Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein“ unterhalten, wirbt Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) in der ZDF-Sendung „Maybritt Illner“ für sein Modell. „Mir geht es vor allem darum, Menschen von drinnen nach draußen zu bringen, also quasi frische Luft statt Lockdown.“ Es sei eine Perspektive und ein Anreiz zu testen.


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Luxemburg geht seinen eigenen Weg und öffnet die Terrassen
Die Öffnung der Außengastronomie wurde am Donnerstag mit großer Mehrheit angenommen – trotzdem protestieren am Freitag die Gastronomen.

Und was denken die Saarländerinnen und Saarländer über das Modell? „Wir haben sehr viele positive Rückmeldungen bekommen – sowohl seitens der Bürgerinnen und Bürger als auch seitens der betroffenen Betriebe und Einrichtungen“, teilt die Staatskanzlei in Saarbrücken auf Anfrage mit. Zurückhaltend seien aufgrund des mangelnden Filmangebots bisher die Kinobetreiber und Teile der Gastronomie.

Wir haben sehr viele positive Rückmeldungen bekommen – sowohl seitens der Bürgerinnen und Bürger als auch seitens der betroffenen Betriebe und Einrichtungen.

Staatskanzlei des Saarlands

Das Saarland wolle sich in der Bund-Länder-Runde für das Projekt einsetzen. „Die Landesregierung ist nach wie vor davon überzeugt, dass die Strategie des Saarland-Modells dazu geeignet ist, das Infektionsgeschehen ebenso einzudämmen wie reine Beschränkungen“, heißt es aus der Staatskanzlei. „Wenn man bundeseinheitliche Rahmen setzt, muss man trotzdem Handlungsspielraum lassen auf den Ebenen vor Ort“, sagt Hans in der TV-Sendung. Die umstrittenen Öffnungen im Saarland sind gefährdet, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz länger über 100 liegt. Am Donnerstag lag sie in dem Bundesland bei 97,4.


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