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Polizeigewalt in Brasilien: Achtjährige in Favela erschossen
International 23.09.2019 Aus unserem online-Archiv

Polizeigewalt in Brasilien: Achtjährige in Favela erschossen

Familienangehörige tragen den Sarg der Achtjährigen, die von einer Polizeikugel getroffen wurde und später ihren Verletzungen erlag.

Polizeigewalt in Brasilien: Achtjährige in Favela erschossen

Familienangehörige tragen den Sarg der Achtjährigen, die von einer Polizeikugel getroffen wurde und später ihren Verletzungen erlag.
Foto: Carl de Souza / AFP
International 23.09.2019 Aus unserem online-Archiv

Polizeigewalt in Brasilien: Achtjährige in Favela erschossen

Als Reaktion auf den dramatischen Tod einer Achtjährigen haben Hunderte Menschen in der brasilianischen Hauptstadt Rio de Janeiro am Sonntag gegen Polizeigewalt protestiert.

(dpa/SC) - Ein junges Mädchen war mit seiner Mutter mit einem Kleintransporter in einem Armenviertel in Rio de Janeiro unterwegs, als ein Militärpolizist das Kind versehentlich von hinten in den Rücken schoss, wie brasilianische Medien berichten.

Nach Polizeiangaben ereignete sich das Unglück am Freitagabend während einer Auseinandersetzung mit Kriminellen. Der Beamte habe auf einen Angriff reagiert und dabei das Mädchen getroffen. Augenzeugen sagten dagegen, der Polizist habe auf einen vorbeifahrenden Motorradfahrer gezielt. Auch die Familie des toten Kindes bezweifelt den offiziellen, von der Polizei geschilderten Hergang.

"Die Polizei signalisierte einem Motorradfahrer anzuhalten. Er stoppte allerdings nicht, sondern fuhr weiter, unbewaffnet. Die Polizei feuerte einen Schuss ab. Es gab keine Konfrontation, der einzige Schuss fiel vonseiten der Polizei", erklärte der Onkel der Toten den örtlichen Medien. Ihr Großvater äußerte sich ähnlich: "Die Behörden sagen, dass ein Kind in einer Auseinandersetzung gestorben ist. Welche Auseinandersetzung? War meine Enkeltochter bewaffnet?"

Die Achtjährige wurde am Sonntag in Rio beigesetzt. Der Fall wird von den Behörden untersucht. Die Militärpolizisten, die an dem Einsatz am Freitag beteiligt waren, sollten am Montag von Ermittlern vernommen werden.

Die Armenviertel Rio de Janeiros, auch Favelas genannt, sind von der Polizeigewalt besonders schwer betroffen.
Die Armenviertel Rio de Janeiros, auch Favelas genannt, sind von der Polizeigewalt besonders schwer betroffen.
Foto: Pixabay

Den Berichten zufolge ist das Mädchen bereits das fünfte Kind, das in diesem Jahr in Rio als Folge von Polizeigewalt starb. Im Zeitraum von Januar bis August sind demnach bereits 1249 Menschen in der Metropole durch Polizeigewalt ums Leben gekommen.


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Kritiker machen Rios Gouverneur Wilson Witzel, der seit Januar im Amt ist, für die Polizeigewalt in den Armenvierteln von Rio de Janeiro verantwortlich. Er geht mit harter Hand gegen Kriminalität vor und versprach in seiner Wahlkampagne "Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen". Wilson Witzel hat Interesse am Präsidentschaftsamt ausgedrückt und beruft sich auf niedrigere Mordraten als Beweis dafür, dass das harte Durchgreifen Früchte trägt.

Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Jair Bolsonaro hat in der Vergangenheit ebenfalls bereits häufiger gesagt "ein toter Krimineller ist ein guter Kriminelle." Er und Wilson Witzel unterstützen eine Gesetzesänderung, die Polizeibeamte bei Tötungen vor Strafverfolgung schützen würde. Vor etwa einem Monat prahlte Jair Bolsonaro damit, Kriminelle würden "in den Straßen sterben wie Kakerlaken", wenn die Gesetzesänderung durchginge.


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