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Polizei verlor Halle-Attentäter eine Stunde lang aus den Augen
International 2 Min. 14.10.2019

Polizei verlor Halle-Attentäter eine Stunde lang aus den Augen

"Die Tür hat gehalten - das ist das Wunder von Halle."

Polizei verlor Halle-Attentäter eine Stunde lang aus den Augen

"Die Tür hat gehalten - das ist das Wunder von Halle."
Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/
International 2 Min. 14.10.2019

Polizei verlor Halle-Attentäter eine Stunde lang aus den Augen

Die Synagoge war ohne Polizeischutz. Der Attentäter konnte nach seinen Schüssen die Stadt verlassen. Sachsen-Anhalts Innenminister muss jetzt viele Fragen beantworten. Reichlich Kritik erntet Innenminister Horst Seehofer, der Extremisten in Gamer-Foren aufspüren will.

(dpa) - Die Polizei hat den Attentäter von Halle bei seiner Flucht eine Stunde lang aus den Augen verloren. Das berichteten am Montag mehrere Landtagsabgeordnete aus einer Sondersitzung des Innenausschusses am Montag in Magdeburg. Festgenommen wurde er am Ende nicht etwa von Spezialkräften, sondern von zwei Revierpolizisten aus der Kleinstadt Zeitz, wie der SPD-Innenexperte Rüdiger Erben ausführte.

Am vergangenen Mittwoch hatte ein schwer bewaffneter Mann versucht, in die mit mehr als 50 Gläubigen besetzte Synagoge zu gelangen. Als das scheiterte, erschoss er eine 40 Jahre alte Frau und kurz darauf einen 20 Jahre alten Mann in einem nahen Dönerladen. Auf seiner Flucht verletzte der Schütze ein Ehepaar schwer. Ein 27-jähriger Deutscher hat die Tat aus antisemitischen und rechtsextremen Motiven gestanden. Er sitzt in Untersuchungshaft.


Policemen climb over a wall of the Jewish cemetery close to the site of a shooting in Halle an der Saale, eastern Germany, on October 9, 2019. - At least two people were shot dead on October 9, 2019 on a street in Halle, police said, with witnesses saying that the synagogue was among the gunmen's targets as Jews marked the holy day of Yom Kippur. One suspect was captured but with a manhunt ongoing for other perpetrators, security has been tightened in synagogues in other eastern German cities while Halle itself was in lockdown. (Photo by Sebastian Willnow / dpa / AFP) / Germany OUT
Halle: Zwei Menschen vor Synagoge erschossen
Ausnahmezustand in Halle: Unbekannte erschießen mitten in der Stadt zwei Menschen und flüchten. Auch im benachbarten Landsberg fielen Schüsse.

Hunderte Menschen kamen am Montagabend in die Marktkirche der Stadt, um der Opfer zu gedenken. „Die Tür hat gehalten - das ist das Wunder von Halle. Doch zwei Menschen mussten sterben - das ist die Wunde von Halle“, sagte der Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Friedrich Kramer. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier drückte derweil dem Besitzer des Imbisses, in dem der 20-Jährige erschossen wurde, telefonisch sein Mitgefühl aus.

Viele Fragen offen: Karl-Albert Grewe, Landespolizeidirektor der Polizei Sachsen-Anhalt, wartet in einem Sitzungssaal auf den Beginn der Sitzung des Innenausschusses.
Viele Fragen offen: Karl-Albert Grewe, Landespolizeidirektor der Polizei Sachsen-Anhalt, wartet in einem Sitzungssaal auf den Beginn der Sitzung des Innenausschusses.
Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentra

Linken-Innenexpertin Henriette Quade beklagte, weiterhin sei die Frage nicht geklärt, warum der Täter aus Halle flüchten konnte. AfD-Fraktionschef Oliver Kirchner sagte, es sei irritierend, dass Landesinnenminister Holger Stahlknecht (CDU) behaupte, bei dem Polizeieinsatz sei alles gut gelaufen. Er kritisierte erneut, dass die Synagoge vor der Tat nicht unter permanentem Schutz stand.

Stahlknecht sagte, er wolle sich bald mit Vertretern der jüdischen Gemeinde in Halle treffen. Zuvor hatte es unterschiedliche Aussagen zu früheren Schutzmaßnahmen für die Synagoge gegeben. Es sei unzutreffend, dass die Polizei den Bitten der Jüdischen Gemeinde in der Vergangenheit stets nachgekommen sei, erklärte etwa der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorozki, hatte beklagt, ihm sei erbetener Polizeischutz in der Vergangenheit versagt worden. Er könne nachweisen, dass man keine Bitte um Schutz ausgeschlagen habe, sagte hingegen Stahlknecht.

Kein Generalverdacht gegen Gamer

Für Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) wies ein Sprecher Vorwürfe zurück, der Minister wolle nach dem Anschlag die Gamerszene unter Generalverdacht stellen. „Es geht um die Bekämpfung von schwersten Straftaten und darum, dass wir diese potenziellen Täter - Extremisten oder sonstige Tätertypen - in allen Bereichen finden können, in denen sie sich bewegen“, sagte er. Erfahrungen zeigten, dass sich bestimmte Täter vorwiegend im Netz aufhielten, um sich zu vernetzen und zu kommunizieren, sagte der Sprecher - auch in Spieleplattformen. „Damit ist in keiner Form beabsichtigt, die gesamte Spielebranche oder Gamerszene in Misskredit zu bringen“, betonte er. Nur weil man ein Spiel spiele, sei man nicht gleichzeitig ein potenzieller Straftäter. Das sei auch die Position Seehofers.


Ein Polizeifahrzeug vor der Synagoge in Halle.
Das Manifest des Halle-Attentäters: Seitenweise purer Hass
Nach dem Attentat von Halle ist ein Manifest im Internet aufgetaucht, das Ermittler für authentisch halten und dem 27-jährigen Tatverdächtigen zuschreiben. Es ist ein extrem verstörendes Dokument.

Der Innenminister hatte am Wochenende gesagt: „Viele von den Tätern oder den potenziellen Tätern kommen aus der Gamerszene.“ Daraufhin wurde ihm unter anderem vorgeworfen, er wolle vom Problem des Rechtsextremismus ablenken und Gamer unter Generalverdacht stellen. Der Attentäter von Halle war in der Gamerszene unterwegs. Kurz vor dem Terroranschlag hatte er einen Ablaufplan veröffentlicht, der wie eine verschriftlichte Version eines Computerspiels wirkt.

CSU-Chef Markus Söder sagte, die Gamer seien junge Leute, „die machen da großartige Sachen“. Das sei auch ein wichtiger Wirtschaftszweig. „Generell sind wir froh, dass es die Games-Szene überhaupt gibt.“ Es sei nur wichtig, „hinzuschauen, wo Probleme sind, wie überall“.


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