Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Peking wittert eine feministische Verschwörung
International 4 Min. 24.01.2023
Zwei Monate nach historischen Protesten

Peking wittert eine feministische Verschwörung

Widerstand ohne Worte: Aus Protest gegen die „Null-Covid“-Strategie der Regierung hielten junge Demonstranten - darunter viele Frauen - in Peking weiße Blätter Papier hoch. Für einige von ihnen endete ihr mutiger Protest im Gefängnis.
Zwei Monate nach historischen Protesten

Peking wittert eine feministische Verschwörung

Widerstand ohne Worte: Aus Protest gegen die „Null-Covid“-Strategie der Regierung hielten junge Demonstranten - darunter viele Frauen - in Peking weiße Blätter Papier hoch. Für einige von ihnen endete ihr mutiger Protest im Gefängnis.
Archivfoto: AFP
International 4 Min. 24.01.2023
Zwei Monate nach historischen Protesten

Peking wittert eine feministische Verschwörung

Proteste haben maßgeblich zur Corona-Öffnung beigetragen. Doch es sind vor allem junge Frauen, die einen hohen Preis für ihre Zivilcourage zahlen mussten.

Von Fabian Kretschmer (Peking)

Als Cai Zhixin ihr Video aufnimmt, ahnt sie bereits von ihrem drohenden Schicksal. Vier ihrer Freundinnen waren zu jenem Zeitpunkt, Mitte Dezember, bereits verhaftet. Doch bevor es Cai ebenfalls trifft, möchte sie der Öffentlichkeit noch eine Botschaft hinterlassen.

„Wenn ihr dies hier seht, werde ich wohl schon für einige Zeit von der Polizei abgeführt worden sein. Wahrscheinlich wird auch meine Mutter gerade nach Peking gereist sein und versuchen, mich zu finden“, sagt die 26-Jährige in ihre Smartphone-Kamera. Die Frau, die erst kürzlich ihre Stelle als Redakteurin beim Verlag der Peking-Universität antrat, spricht mit entschlossener Stimme: „Wir wollen nicht gezwungen werden, zu verschwinden. Wieso können wir einfach ohne Beweise willkürlich fortgeschafft werden?“, fragt sie, ohne eine Antwort darauf zu geben. Seit Heiligabend ist Cai Zhixin verschwunden. 

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte

Die Chinesin war nur eine von mehreren hundert, möglicherweise über tausend Personen, die Ende November zum Trauermarsch am Pekinger Liangma-Fluss zogen. Auslöser für die historischen Proteste war ein Wohnungsbrand im westchinesischen Urumqi, bei dem mindestens zehn Menschenleben umgekommen sind – mutmaßlich, weil die Behörden während des Lockdowns die Notausgänge verriegelten.

Zweifelsohne haben die Protestbewegungen zumindest einen Anstoß zum Ende von „Null-Covid“ gegeben.

Jene Tragödie bildete den sprichwörtlichen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Überall im Land formierten sich trauernde und wütende Menschen, die ein Ende der rigiden „Null-Covid“-Maßnahmen forderten. Doch es war klar, dass es vielen Demonstranten um weitaus mehr ging: die Gängelungen der Nachbarschaftskomitees, die ausufernde Überwachung des Staates, die ideologische Kontrolle der Regierung.

Ein Mann in Peking schreit seinen Ärger und Frust hinaus: In der chinesischen Hauptstadt versammelten sich vor zwei Monaten Tausende, um gegen die Corona-Politik der Regierung zu protestieren.
Ein Mann in Peking schreit seinen Ärger und Frust hinaus: In der chinesischen Hauptstadt versammelten sich vor zwei Monaten Tausende, um gegen die Corona-Politik der Regierung zu protestieren.
Archivfoto: AFP

Nur wenige Tage später leitete Staatschef Xi Jinping tatsächlich die Corona-Öffnung ein. Höchstwahrscheinlich wäre die Sisyphus-Arbeit gegen die sich anbahnende Omikron-Welle ohnehin nicht länger aufrecht zu halten gewesen, denn die Wirtschaft lag brach und die Haushaltsbudgets der Lokalregierungen waren vollends ausgezehrt. Doch zweifelsohne haben die Protestbewegungen zumindest einen Anstoß zum Ende von „Null-Covid“ gegeben.


-- AFP PICTURES OF THE YEAR 2022 --

A protester holds a portrait of Mahsa Amini  during a demonstration in support of Amini, a young Iranian woman who died after being arrested in Tehran by the Islamic Republic's morality police, on Istiklal avenue in Istanbul on September 20, 2022. - Amini, 22, was on a visit with her family to the Iranian capital when she was detained on September 13 by the police unit responsible for enforcing Iran's strict dress code for women, including the wearing of the headscarf in public. She was declared dead on September 16 by state television after having spent three days in a coma. (Photo by Ozan KOSE / AFP) / AFP PICTURES OF THE YEAR 2022
Fragen und Antworten: Steht im Iran ein Regimewechsel bevor?
Kann man schon von einer „revolutionären Situation“ sprechen? Sechs Fragen und Antworten zur Lage in dem von Protesten erschütterten Iran.

Dementsprechend wurde der Mut der jungen Chinesen in der internationalen Presse als Erfolgsgeschichte gewertet; als Beispiel gar, dass die Regierung in Peking auf den Unmut der Bevölkerung hört und auch reagiert. Xi Jinping höchstpersönlich schien dies bei seiner Neujahrsansprache indirekt einzugestehen: „China ist ein riesiges Land. Es ist ganz normal, dass die Menschen verschiedene Meinungen zur gleichen Sache haben. Wir müssen durch Kommunikation einen gemeinsamen Konsens finden.“

Doch mit der Realität hat die Rhetorik des 69-Jährigen wenig zu tun. Denn wie sich nun, zwei Monate nach dem Protest vom Pekinger Liangma-Fluss herausstellt, mussten die Demonstranten einen ungemein hohen Preis für ihre Zivilcourage zahlen.

Die Suche nach einem Sündenbock

Zwar haben sich zumindest die allerschlimmsten Befürchtungen bislang nicht bewahrheitet: Zu einer flächendeckenden Verhaftungswelle kam es nach jetzigem Kenntnisstand nicht, viele der Demonstranten wurden nach kurzen Polizeiverhören wieder freigelassen.

Einige Quellen gehen allerdings davon aus, dass immerhin rund 40 Personen in Untersuchungshaft landeten - oftmals an geheimen Standorten. Zudem mussten in mehreren Fällen die Beschuldigten Haftbefehle unterschreiben, ohne überhaupt zu wissen, was sie genau begangen haben: Bei den entsprechenden Dokumenten wurde die Spalte, wo gewöhnlich der Strafbestand eingetragen wird, zunächst leer gelassen. 


(FILES) In this file photo taken on September 2, 1994 China's President Jiang Zemin holds a press conference in Beijing before his departure for an official visit to Russia and Ukraine. - China's former leader Jiang Zemin, who steered the country through a transformational era from the late 1980s and into the new millennium, died November 30, 2022 at the age of 96, Xinhua reported. (Photo by Manuel Balce CENETA / AFP)
Jiang Zemin, der unterschätzte Reformer
Mit 96 Jahren ist Chinas Ex-Präsident Jiang Zemin verstorben. Sein Tod kommt für die Parteiführung zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt.

Besonders besorgniserregend ist zudem, dass es überproportional häufig junge Frauen wie Cai Zhixin traf. Ganz offensichtlich, so heißt es innerhalb von Menschenrechtsgruppen, versucht die Polizei eine bestimmte Arbeitshypothese zu verfolgen: Dass nämlich Feministengruppen die Proteste organisiert hätten. Wirklich glaubhaft ist das nicht - wahrscheinlich stehen die Behörden unter Druck, einen Sündenbock zu präsentieren. 

Es ist kein Zufall, dass bei den Protesten am Liangma-Fluss ausgerechnet viele Chinesinnen ihren Unmut zum Ausdruck gebracht haben.

Bei vielen der Verhafteten handelt es sich schließlich weniger um Vollblutaktivistinnen, sondern vielmehr um politisch interessierte Millennials mit einem starken Unrechtsbewusstsein. Die meisten von ihnen standen gerade am Beginn ihres Berufslebens, haben in Redaktionen, Schulen oder der Gastronomie gearbeitet. Nun dürfte ihr bürgerliches Leben auf der Kippe stehen.

Opfer eines patriarchalischen Systems

Doch es ist natürlich auch kein Zufall, dass bei den Protesten am Liangma-Fluss ausgerechnet viele Chinesinnen ihren Unmut zum Ausdruck gebracht haben. Denn junge, gebildete und emanzipierte Frauen werden im Reich der Mitte oft von klein auf mit den Schattenseiten eines patriarchalischen Systems konfrontiert: Als Töchter werden sie von der Gesellschaft weniger wertgeschätzt, im Beruf bleiben ihnen viele Aufstiegschancen verwehrt, und an den Universitäten wird feministische Gedankenlehre von der Zensur scharf unterdrückt. All dies schärft das Bewusstsein für Gerechtigkeit und Moral.

Auch bei Zhai Dengrui muss es so gewesen sein. Die 27-Jährige wurde in Gansu, einer der ärmsten Provinzen des Landes, geboren. Seit der Grundschule spielte sie Klavier, während ihres Studiums lernte sie ihre Liebe zu Literatur, Feminismus und Filmkunst kennen. Und als im Iran das Volk wegen des Todes von Masa Amini protestierten, organisierte Zhai gemeinsame Abende, während der sie mit ihren Freunden iranische Dokumentarfilme sahen und diskutierten.


This photo taken on January 11, 2023 shows ethnic Blang women, who are Covid-19 coronavirus patients, on IV drips as they sit in the compound of a town clinic in Wengji village on Jingmai mountain in Pu'er City in southwest China's Yunnan Province. - Covid-19 swept swiftly through remote villages in the rugged mountains of southern China last month, but the wave now appears to have subsided -- supporting expert theories the disease was spreading even while hardline restrictions were in place. (Photo by Noel CELIS / AFP)
Mit einer Corona-Welle ins chinesische „Jahr des Hasen"
Mit dem Neujahrsfest droht dem Land ein Superspreader-Event. Gleichzeitig sorgt die Zensur dafür, dass das Ausmaß der Pandemie verborgen bleibt.

Erst gegen Jahresende bereitete Zhai Dengrui ihre Bewerbung für die Universität Oslo vor. Es war ihr großer Traum, Theaterpädagogik zu studieren – zumal in Norwegen, das für Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit steht. Doch dazu wird es bis auf absehbare Zeit nicht mehr kommen: Am 19. Januar, über sechs Wochen nach ihrer Protestteilnahme am Liangma-Fluss, veranlasste die Staatsanwaltschaft Zhais Verhaftung.  

Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter und Instagram und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Erstmals seit Jahrzehnten haben in China junge Menschen gegen die politischen Verhältnisse aufbegehrt. Mit Einschüchterung und Polizeipräsenz hat Peking die historischen Proteste verstummen lassen - vorerst.
TOPSHOT - People show blank papers as a way to protest, is seen on a wall while gathering on a street in Shanghai on November 27, 2022, where protests against China's zero-Covid policy took place the night before following a deadly fire in Urumqi, the capital of the Xinjiang region. (Photo by Hector RETAMAL / AFP)
Chinas Ex-Präsident verstorben
Mit 96 Jahren ist Chinas Ex-Präsident Jiang Zemin verstorben. Sein Tod kommt für die Parteiführung zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt.
(FILES) In this file photo taken on September 2, 1994 China's President Jiang Zemin holds a press conference in Beijing before his departure for an official visit to Russia and Ukraine. - China's former leader Jiang Zemin, who steered the country through a transformational era from the late 1980s and into the new millennium, died November 30, 2022 at the age of 96, Xinhua reported. (Photo by Manuel Balce CENETA / AFP)
Mit Polizeipräsenz und Einschüchterung kann Peking die landesweiten Proteste vorläufig unterdrücken. Eine Ankündigung ließ aufhorchen.
Protesters hold up a sign (L) and sheets of blank paper at the University of Hong Kong campus in solidarity with demonstrations in mainland China against strict Covid restrictions and demanding for greater freedoms, in Hong Kong, on November 29, 2022. (Photo by Yan ZHAO / AFP)