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Patientenmörder wegen 85 Morde zu lebenslanger Haft verurteilt
International 3 Min. 06.06.2019 Aus unserem online-Archiv

Patientenmörder wegen 85 Morde zu lebenslanger Haft verurteilt

Der wegen Mordes angeklagte Niels Högel steht im Gerichtssaal. Die Staatsanwaltschaft hat den Ex-Krankenpfleger wegen Mordes an 100 Patienten an Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg angeklagt. Das Landgericht Oldenburg hat den Ex-Pfleger Niels Högel wegen Mordes in 85 Fällen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Patientenmörder wegen 85 Morde zu lebenslanger Haft verurteilt

Der wegen Mordes angeklagte Niels Högel steht im Gerichtssaal. Die Staatsanwaltschaft hat den Ex-Krankenpfleger wegen Mordes an 100 Patienten an Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg angeklagt. Das Landgericht Oldenburg hat den Ex-Pfleger Niels Högel wegen Mordes in 85 Fällen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.
Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
International 3 Min. 06.06.2019 Aus unserem online-Archiv

Patientenmörder wegen 85 Morde zu lebenslanger Haft verurteilt

Der ehemalige Krankenpfleger wurde wegen Mordes in 100 Fällen angeklagt, 97 davon sah die Staatsanwaltschaft als erwiesen an. Verurteilt wurde er schlussendlich aber in 85 Fällen.

(dpa/KNA) - Das Landgericht Oldenburg hat den Ex-Pfleger Niels Högel wegen Mordes in 85 Fällen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Zugleich stellte die Kammer am Donnerstag die besondere Schwere der Schuld fest. Die Mordserie dürfte die größte der Nachkriegsgeschichte in Deutschland sein.


ARCHIV - 25.04.2019, Niedersachsen, Oldenburg: Der wegen Mordes an 100 Patienten angeklagte Niels Högel sitzt im Gerichtssaal. Am 16.05.2019 beginnen die Plädoyers in dem Verfahren. Die Staatsanwaltschaft hat den Ex-Krankenpfleger wegen Mordes an 100 Patienten an den Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg angeklagt. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Ehemaliger Pfleger wegen Patientenmordes in 97 Fällen vor Gericht
Die Liste der mutmaßlichen Todesopfer von Högel ist lang. An die meisten Morde kann er sich nicht mehr erinnern.

"Herr Högel, das Verfahren und die Taten sprengen jegliche Grenzen und überschreiten jeglichen Rahmen", sagte Richter Sebastian Bührmann zu dem Angeklagten. Högel war wegen 100 Morden angeklagt. In 15 Fällen sprach ihn das Gericht somit frei. Högel selbst hatte 43 Taten gestanden.  

Der wegen 100 Morden angeklagte Ex-Krankenpfleger Niels Högel hat sich in seinem letzten Wort vor dem Landgericht Oldenburg bei den Angehörigen seiner Opfer entschuldigt. Er sprach am Mittwoch von Reue und Scham. Es sei ihm während des Prozesses klar geworden, wie viel unendliches Leid er durch seine "schrecklichen Taten" verursacht habe. Ob er die Angehörigen der Opfer im Saal erreichte, darf aber bezweifelt werden.

Mit dem Urteil ging nach rund sieben Monaten ein Prozess zu Ende, der im In- und Ausland viel Beachtung fand. "Ihre Schuld ist unumfassbar", sagte Bührmann. Die Hände würden einfach nicht zusammenkommen, so groß sei die Schuld.

Zur Veranschaulichung verwies Bührmann auf das Rechtssystem in den USA, wo anders als in Deutschland Einzelstrafen addiert würden. Bei 85 Morden und 15 Jahren wären dies 1275 Jahre, rechnete Bührmann. "Das gibt eine Ahnung von dem, was ich unfassbar nenne." Högel habe Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr getötet. Jeder einzelne Fall wurde vor Gericht behandelt.

Der wegen Mordes an 100 Patienten an den Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg angeklagte Niels Högel sitzt am letzten Prozesstag mit seiner Hand am Gesicht im Gerichtssaal.
Der wegen Mordes an 100 Patienten an den Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg angeklagte Niels Högel sitzt am letzten Prozesstag mit seiner Hand am Gesicht im Gerichtssaal.
Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa Pool

"Ich kam mir vor wie ein Buchhalter des Todes", sagte Bührmann. "Tatsache ist: Manchmal reicht die schlimmste Fantasie nicht aus, um die Wahrheit zu beschreiben." Der menschliche Verstand müsse da kapitulieren. Es sei nicht gelungen, alle Antworten zu finden. "Ein Teil des Nebels, der über diesem Verfahren liegt, können wir nicht lichten. Das erfüllt uns selber auch mit einer gewissen Trauer." Das Urteil sieht auch ein lebenslanges Berufsverbot vor.

Ein Gutachter hatte dem Ex-Pfleger Schuldfähigkeit attestiert, zugleich aber auffällige Persönlichkeitsstörungen festgestellt. Högel zeige Anzeichen von Störungen, diese seien aber nicht so ausgeprägt wie bei psychisch Kranken. Högel fehle es an Scham, Schuld, Reue und Empathie, hatte der psychiatrische Gutachter Henning Saß Ende April gesagt.


ARCHIV - 25.04.2019, Niedersachsen, Oldenburg: Der wegen Mordes an 100 Patienten angeklagte Niels Högel sitzt im Gerichtssaal. Die Staatsanwaltschaft hat den Ex-Krankenpfleger Högel wegen Mordes an 100 Patienten an den Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg angeklagt. Sie wirft ihm vor, seine Opfer mit verschiedenen Medikamenten zu Tode gespritzt zu haben. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Späte Reue eines Patientenmörders - Högel bittet um Entschuldigung
Die Staatsanwaltschaft geht von 97 Morden aus und selbst die Verteidigung fordert lebenslänglich für den Patientenmörder Högel.

"Es ist nicht zu leugnen, dass er nicht nur einmal die Unwahrheit gesagt hat", musste selbst seine Anwältin Ulrike Baumann im Rückblick einräumen. Auch sie kam im Plädoyer zu dem Schluss, dass für Högel nur eine Strafe in Betracht kommt: lebenslange Haft.  

Der frühere Krankenpfleger soll von 2000 bis 2005 an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst Patienten mit verschiedenen Medikamenten zu Tode gespritzt haben. Dabei brachte er seine Opfer in lebensbedrohliche Lagen, um bei der notwendigen Reanimierung Lob von seinen Kollegen zu bekommen. Viele überlebten das nicht.

Viele der mutmaßlichen Opfer des 42-jährigen Deutschen mussten im Laufe der Ermittlungen exhumiert und toxikologisch untersucht werden. In vielen Fällen fanden die Experten Medikamentenrückstände, mit denen Högel die Patienten an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst zu Tode brachte.

Zahlreiche Journalisten stehen vor dem Eingang der Weser-Ems-Hallen, in die das Landgericht für den Prozess gegen den Patientenmörder Niels Högel aus Platzgründen ausweichen musste.
Zahlreiche Journalisten stehen vor dem Eingang der Weser-Ems-Hallen, in die das Landgericht für den Prozess gegen den Patientenmörder Niels Högel aus Platzgründen ausweichen musste.
Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Stiftung Patientenschutz fordert Konsequenzen

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz drängt auf weitere Konsequenzen aus der Mordserie des ehemaligen Krankenpflegers Niels Högel, gegen den an diesem Donnerstag in Oldenburg ein Urteil erging.


Krankenpfleger soll 106 Menschen umgebracht haben
Ein ehemaliger Krankenpfleger sitzt in Haft, weil er im Verdacht steht, Patienten umgebracht zu haben. Inzwischen gehen die Ermittler von 106 Morden aus.

Vorstand Eugen Brysch sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung" am Donnerstag: "Um mögliche Täter abzuschrecken, muss in Kliniken und Heimen eine Kultur des Hinschauens gelebt werden. Dabei sind alle gefragt, vom Pflegehelfer bis zur Geschäftsleitung. Eine offene Fehlerkultur schafft kein Misstrauen, sondern stärkt das Team."

Auch Bund und Länder müssten endlich Konsequenzen ziehen, so Brysch weiter. Er forderte länderübergreifende, einheitliche Lösungen für alle 2.000 Krankenhäuser und 14.500 Pflegeheime. "Für alle Einrichtungen braucht es eine unabhängige und externe Anlaufstelle, bei der anonyme Hinweisgeber verdächtige Vorkommnisse melden können."

Brysch drängte außerdem auf eine lückenlose, standardisierte, elektronische Kontrolle der Medikamentenabgabe. Auch müsse eine amtsärztliche, qualifizierte Leichenschau verbindlich vorgeschrieben werden. Zudem sei es an der Zeit, "dass in allen Ländern endlich Schwerpunktstaatsanwaltschaften und zentrale Ermittlungsgruppen für Delikte in Pflege und Medizin eingerichtet werden. Die Schwächsten in der Gesellschaft müssen geschützt werden".


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