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Pariser kämpfen virtuell gegen Schmutz an der Seine
International 3 Min. 07.04.2021

Pariser kämpfen virtuell gegen Schmutz an der Seine

Paris muss wieder sauberer werden, fordern zahlreiche Bewohner der französischen Hauptstadt.

Pariser kämpfen virtuell gegen Schmutz an der Seine

Paris muss wieder sauberer werden, fordern zahlreiche Bewohner der französischen Hauptstadt.
Illustration: Shutterstock
International 3 Min. 07.04.2021

Pariser kämpfen virtuell gegen Schmutz an der Seine

Zehntausende kämpfen auf Twitter gegen Dreck und Verfall in Paris. Die Kampagne richtet sich vor allem gegen Bürgermeisterin Anne Hidalgo.

Von Christine Longin (Paris)

Leidenschaftlicher als Edith Piaf hat wohl niemand Paris besungen. Eine Stadt, die von Liebespaaren bevölkert und von Akkordeonmusik durchdrungen ist. Doch das romantische Paris von „la Piaf“ gibt es heute kaum noch. In der Rue de Belleville, wo die Sängerin geboren ist, sind die Fassaden mit Graffiti verschandelt und neben den Mülltonnen stapelt sich der Abfall auf dem Boden. Billigläden verschandeln mit greller Leuchtreklame die Fassaden.

Unkraut und Uringeruch


An elderly woman receives a dose of the Pfizer-BioNtech Covid-19 vaccine, at a vaccination centre in Garlan, western France, on March 2, 2021. (Photo by Fred TANNEAU / AFP)
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Wer sich anschauen will, wie Paris durch Dreck und Vernachlässigung entstellt wurde, muss nur im Kurznachrichtendienst Twitter nach dem Stichwort #saccageparis suchen. Zehntausende Nutzerinnen und Nutzer haben dort in einem Shitstorm Bilder gepostet, die jedem Paris-Liebhaber weh tun. Zu sehen sind Ampeln, die notdürftig mit Klebeband zusammengeflickt wurden, dreckige Parkbänke, auf die sich keiner mehr setzen mag und heruntergekommene Blumenkübel, in denen das Unkraut wuchert. Dazu kommen Beschreibungen vom Uringeruch, wie er beispielsweise rund um den Gare du Nord herrscht, wo ein offenes Pissoir steht.

Die Sozialistin Anne Hidalgo wurde in ihrem Amt als Pariser Bürgermeisterin bestätigt, obwohl sie den Dreck in der Hauptstadt nicht in den Griff bekam.
Die Sozialistin Anne Hidalgo wurde in ihrem Amt als Pariser Bürgermeisterin bestätigt, obwohl sie den Dreck in der Hauptstadt nicht in den Griff bekam.
Foto: AFP

Die Sauberkeit von Paris war schon im Kommunalwahlkampf im vergangenen Jahr ein Problem. Die Pariserinnen und Pariser nannten die „propreté“ sogar als ihre größte Sorge, noch vor der Sicherheit. Dennoch bestätigten sie mit großer Mehrheit Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die in den vergangenen sechs Jahren den Dreck nicht in den Griff bekommen hatte. Zwar ließ die Sozialistin das Radwegenetz deutlich ausbauen. Doch die ramponierten gelben Pfosten und Betonblöcke, die sie dafür eilig aufstellen ließ, verschandeln Prachtstraßen wie die Avenue de l’Opéra. Was als Übergangslösung durchaus akzeptabel ist, wurde in Paris zum Dauerzustand.

„Vom Verfall der Stadt schockiert“

Improvisation herrscht seit der Corona-Pandemie auch vor den Restaurants. Die durften nämlich ihre Terrassen erweitern, um die Abstandsregeln einzuhalten. Verwitterte Holzpaletten stehen seither auf den Gehwegen, auch wenn die Gaststätten schon seit Monaten wieder geschlossen sind. Vielen Einwohnern wird diese Vernachlässigung ihrer Stadt zu viel. 

Die Pariser haben die Nase voll vom Müll.
Die Pariser haben die Nase voll vom Müll.
Illustration: Shutterstock

@panamepropre nennt sich der Aktivist, der deshalb vor einigen Wochen den Hashtag #saccageparis (Verwüstung Paris) schuf. Seine Identität will der Mittfünfziger, der sich keiner Partei zugehörig fühlt, nicht preisgeben. Er hätte nicht damit gerechnet, dass seine Initiative einen solchen Erfolg hat. „Aber ich bin nicht überrascht. Ich konnte nicht der einzige sein, der vom Verfall der Stadt schockiert ist“, sagte er der Zeitung „Le Parisien“. Die leistete vergangene Woche mit einem Foto des Bassin de la Villette, in dem Plastikflaschen und Verpackungen auf einem braunen Algenteppich treiben, ihren eigenen Beitrag zur allgemeinen Empörung. „Apokalyptisch“ sei der Zustand des Hafenbeckens im Norden von Paris, hieß es dazu.

Wenig plausible Erklärungen

Der Opposition kommt die Kampagne für mehr Sauberkeit gerade recht. Die konservative Ex-Ministerin Rachida Dati forderte am Osterwochenende eine sofortige Sondersitzung des Stadtrates, der sich mit dem Problem befassen solle. Die Rechtspopulistin Marine Le Pen kritisierte Hidalgo, die die Hauptstadt herunterkommen lasse. Die Sozialistin, die sich als Kandidatin für die Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr in Stellung bringt, sieht sich ihrerseits als Ziel einer Hetzkampagne der Rechtsparteien.

In Paris sind 2.500 Reinigungskräfte im Einsatz.
In Paris sind 2.500 Reinigungskräfte im Einsatz.
Illustration: Shutterstock

Auf Twitter reagierte die Stadtverwaltung mit der wenig plausiblen Erklärung, dass die Fotos der Müllberge entweder schon alt seien oder kurz vor der Ankunft der Stadtreinigung aufgenommen wurden. Einleuchtender ist der Verweis eines Stadtteil-Bürgermeisters auf die Pandemie-Regeln, die die  Pariser zwingen, draußen zu essen, sodass dort die Müllberge anwachsen. Außerdem seien durch die Pandemie zehn Prozent weniger Reinigungskräfte im Einsatz. Mit insgesamt 2.500 Bediensteten in grünen Anzügen ist Paris trotzdem noch gut aufgestellt. Zumindest theoretisch.

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