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#oneless: Abrüstung in der eigenen Garage
International 5 Min. 19.02.2018 Aus unserem online-Archiv

#oneless: Abrüstung in der eigenen Garage

Scott Pappalardo ist ein amerikanischer Waffennarr, der sein AR-15 liebt. Und dennoch setzt er Prioritäten.

#oneless: Abrüstung in der eigenen Garage

Scott Pappalardo ist ein amerikanischer Waffennarr, der sein AR-15 liebt. Und dennoch setzt er Prioritäten.
Foto: Screenshot Facebook Scott-Dani Pappalardo
International 5 Min. 19.02.2018 Aus unserem online-Archiv

#oneless: Abrüstung in der eigenen Garage

Tom RUEDELL
Tom RUEDELL
Scott Pappalardo hat es vorgemacht: Er hat sein Sturmgewehr zersägt und ein Video davon ins Netz gestellt. Das brachte ihm Häme von Amerikas Waffennarren ein. Aber unter dem Slogan #oneless, eins weniger, tun es ihm einige gleich - eine Lehre aus Parkland.

Der Mann, der da ruhig auf seiner Terrasse in Scotchtown, New York sitzt und ernst in die Kamera blickt, mag Mitte bis Ende 50 sein. Stirnglatze, Kinnbart, grauer Pulli, Jeans. Kein Revoluzzer. Kein Verbrecher. Kein Politiker. Kein Popstar. Ein amerikanischer Durchschnittsbürger in einer durchschnittlichen Szenerie. Wäre da nicht das Gewehr, das er fast zärtlich in beiden Händen hält. Es wirkt, trotz aller Gelassenheit, die der Mann ausstrahlt, bedrohlich. 


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Mit ruhiger Stimme stellt der Mann sich vor: "Mein Name ist Scott Pappalardo.  Das hier ist mein legal registriertes AR-15 Sturmgewehr, das ich vor über 30 Jahren gekauft habe. Ich glaube fest an den zweiten Verfassungszusatz, an das Recht Waffen zu tragen. Ich habe das sogar auf meinem Arm tätowiert. Warum ich solch eine Waffe habe, deren einziger Sinn darin besteht, zu töten? Ich bin ehrlich: Es macht verdammt Spaß, damit zu schießen."

Er sei kein Jäger, so Pappalardo weiter. Er habe noch nie etwas getötet, "außer einem Haufen Zielscheiben". 

Ein Waffennarr, der sachlich argumentiert

Bis hierhin klingt das Ganze wie eine vergleichsweise sachlich vorgetragene Argumentation zugunsten des "Second Amendment". Nach dem Amoklauf an einer Highschool in Parkland, Florida am 14. Februar, der 17 Menschen das Leben kostete, wird dieses Thema in Amerika hitzig diskutiert, nicht nur in den sozialen Medien. Die einen fordern "gun control", die anderen beharren auf dem Recht, Waffen tragen zu dürfen. 

Pappalardos Video, das er auf seiner Facebook-Seite hochgeladen hat, scheint zunächst keine Ausnahme zu sein. Denn Sätze wie seinen hat man schon oft von Befürwortern gehört. Ich habe den Schrank voller Waffen, aber ich erschieße keinen. Warum sollte ich sie abgeben? Es ist mein Recht. Und so weiter. 

Doch dann: "Vor fünf Jahren, nach Sandy Hook, habe ich zu meiner Frau gesagt: 'Ich würde sofort dieses Gewehr abgeben, wenn dadurch auch nur ein Kind gerettet werden würde.' Seitdem sind mehr als 400 Menschen in über zweihundert Schießereien an Schulen gestorben - und meine Worte von damals waren wohl nichts wert. Und jetzt sind schon wieder 17 Menschen tot."

Es seien Waffen wie seine, die diese Menschen töten - die anderen Argumente (Videospiele, schlechte Erziehung, psychische Probleme) seien vorgeschoben. "Das", sagt Pappalardo und hebt sein Sturmgewehr hoch, "ist das Endresultat". 

"Jeder kann töten!"

"Viele sagen, Kriminelle hätten doch dann weiterhin Waffen, auch wenn man sie verbietet, man bestraft also nur rechtmäßige Waffenbesitzer wie mich. Ich sag Euch was: Nikolas Cruz, der Schütze von Parkland, war bis neulich ein rechtmäßiger Waffenbesitzer. Stephen Paddock war ein rechtmäßiger Waffenbesitzer bis zu dem Abend, wo er in Las Vegas 58 Leute erschoss. Jeder kann töten."


Marjory Stoneman Douglas High School student Emma Gonzalez speaks at a rally for gun control at the Broward County Federal Courthouse in Fort Lauderdale, Florida on February 17, 2018. 

Seventeen perished and more than a dozen were wounded in the hail of bullets at Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland,Florida the latest mass shooting to devastate a small US community and renew calls for gun control. / AFP PHOTO / RHONA WISE
Eine 18-Jährige gibt dem Protest ein Gesicht
Etwas fühlt sich anders an nach diesem furchtbaren Schulmassaker in den USA, zumindest für den Moment. Dass sich Tränen, Trauer und Wut so rasch auch in konkrete Aktionen umformen und artikulieren, hat mit dem Ausmaß der Tat zu tun, mit der Macht sozialer Netzwerke und mit Menschen wie Emma Gonzalez.

Was aber tun? Er könne sein Gewehr für ungefähr 800 Dollar verkaufen, zum Beispiel an einen zertifizierten Waffenhändler. Aber: "Was passiert, wenn jemand es kauft und dessen Kind nimmt es mit in die Schule und erschießt einen Haufen Leute? Könnte ich damit leben? Ich glaube nicht!" 

Er habe daher beschlossen, dieses Gewehr endgültig unschädlich zu machen. "Ist das Recht, diese Waffe zu besitzen wichtiger als ein Leben? Schaut Euch die Bilder der Opfer an. Ist dieses Recht mehr wert?" Bis hierhin war Pappalardo gefasst. "Ich finde nicht", sagt er dann, und seine Stimme versagt für einen winzigen Augenblick. "Ich werde sicherstellen, dass das mit meinem Gewehr niemals passiert."

"Abrüstung" im eigenen Hinterhof

Dann steht er auf, geht nach hinten zu einer Kreissäge und schneidet sein geliebtes Gewehr in zwei Teile. "Es gibt so viele davon da draußen. Jetzt ist es eins weniger. Ich sage nicht, dass das ein Allheilmittel ist. Wer jemanden töten will, wird einen Weg finden. Aber nicht mehr mit dieser Waffe."

Seinen Zuschauern gibt Pappalardo noch eine Botschaft mit auf den Weg. "Ich hoffe, dass der ein oder andere vielleicht das Gleiche tun wird. Denen, die finden, dass ich gerade eine große Dummheit begangen habe, sage ich: Ich hoffe und bete, dass nicht erst jemand ein Gewehr auf den Kopf Eures Kindes richten muss, damit Ihr Eure Meinung ändert."

Später legt er ohne Kamera offensichtlich ein weiteres mal Hand an: Auf Pappalardos Facebook-Seite findet sich unter dem Video ein Foto des Gewehrs, das in drei Teile zerschnitten ist, verbunden mit dem Stichwort #oneless - "#einsweniger".

Ob Pappalardos Worte auf fruchtbaren Boden fallen, lässt sich zunächst schwer sagen. Die Diskussion um das Waffenrecht ist in den Vereinigten Staaten extrem zerfahren. Sachliche Stimmen wie seine sind selten zu hören. Gehör wird seine eindrucksvolle Aktion jedenfalls finden: Bis Montagabend wurde sein Video alleine auf Facebook über 160.000 Mal geteilt. 

Pappalardo findet Nachahmer

Unter dem Hashtag #oneless machten sich zwar viele Amerikaner über Pappalardo lustig. Sein Aktionismus löse keine Probleme. Manche parodierten ihn, zeigten ihre Waffen vor, um dann zu erklären, "im Lichte der tragischen Ereignisse" hätten sie "das einzig Sinnvolle getan" - und sich weitere Waffen gekauft. 

Doch bereits am Dienstag fand Pappalardos Aktion Nachahmer. 

Michael T. Murphy aus Kalifornien zersägt ein selbstgebautes Sturmgewehr in seiner Garage, nachdem er ausführlich erklärt hat, was ihm diese Waffe bedeutet:

Und Amanda Meyer aus New Haven, Connecticut, die sich selbst als "regular Hillbilly gun owner" bezeichnet, erzählt dem Zuschauer von ihrem Leben mit Waffen - sie sei mit Waffen aufgewachsen und habe einen Jagdschein - aber auch von ihrem Leben mit den Folgen der  Waffengewalt: Ihr Bruder hat sich erschossen. Zum Zeitpunkt des Massakers an der Grundschule von Sandy Hook unterrichtete sie an einer Schule zwanzig Kilometer entfernt. Und ihre Eltern besuchten das Konzert in Las Vegas, das zum Ziel des schlimmsten "mass shootings" in der Geschichte der USA wurde, verließen aber kurz vorher das Konzertgelände. 

"Ich bin wahrscheinlich nicht die erste, die das tut und hoffentlich nicht die letzte. Ich werde viele Hassmails bekommen, aber das ist okay." Sprachs und zerschnitt ihre PT-2 Pistole mit einer Trennscheibe. 



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