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Offene Fragen 35 Jahre nach dem Palme-Mord
International 5 Min. 28.02.2021

Offene Fragen 35 Jahre nach dem Palme-Mord

Blumen neben dem Gedenkstein des ehemaligen schwedischen Premiers Olof Palme, der am 28. Februar 1986 an dieser Stelle in Stochholm ermordet wurde.

Offene Fragen 35 Jahre nach dem Palme-Mord

Blumen neben dem Gedenkstein des ehemaligen schwedischen Premiers Olof Palme, der am 28. Februar 1986 an dieser Stelle in Stochholm ermordet wurde.
Foto: Johanna Lundberg/Bildbyran via Z
International 5 Min. 28.02.2021

Offene Fragen 35 Jahre nach dem Palme-Mord

Die Ermittler haben im Mordfall Olof Palme im vergangenen Jahr einen mutmaßlichen Täter benannt und die Untersuchungen offiziell für beendet erklärt.

(dpa) - Es klang nach Abschluss und irgendwie auch nicht, als Staatsanwalt Krister Petersson den größten Kriminalfall der schwedischen Geschichte endgültig ad acta legen wollte. Ein Verstorbener als mutmaßlicher Täter, keine Anklage, die Einstellung der Ermittlungen: Das war es, was Petersson der Öffentlichkeit im Juni 2020 mehr als drei Jahrzehnte nach dem Mord an Schwedens sozialdemokratischem Regierungschef Olof Palme präsentieren konnte.

„Ich bin der Ansicht, dass wir so weit gekommen sind, wie man es von der Untersuchung verlangen kann“, sagte Petersson auf einer knapp zweistündigen Pressekonferenz. Das klang weder nach Erfolg noch nach dem Eingeständnis des Misserfolgs, sondern vielmehr nach der nüchternen Feststellung einer Tatsache, an der sich nicht mehr rütteln lasse. Für Experten war es vor allem eins: eine Enttäuschung.

Offene Wunde  

Am 28. Februar 2021 jährt sich der Palme-Mord nun zum 35. Mal. Und trotz der Einstellung der Ermittlungen mit der Benennung eines mutmaßlichen Täters bleibt der Fall nicht gänzlich aufgeklärt - und somit eine offene Wunde in der schwedischen Seele. Die Schweden müssen auch 35 Jahre danach mit vielen Fragezeichen rund um den Mord an ihrem damaligen Premierminister leben.

Der schwedische Premierminister Olof Palme wurde am späten Abend des 28. Februars 1986 nach einem Kinobesuch ermordet.
Der schwedische Premierminister Olof Palme wurde am späten Abend des 28. Februars 1986 nach einem Kinobesuch ermordet.
Foto: LW-Archiv/AP

Der Palme-Mord geschah am späten Abend des 28. Februars 1986. Es ist kalt in Stockholm, als Olof Palme mit seiner Frau Lisbet auf dem Heimweg aus dem Kino ist. Das Paar hat sich die schwedische Komödie „Bröderna Mozart“ (Die Brüder Mozart) angeschaut und spaziert ohne Leibwächter in der Innenstadt nach Hause. Um 23.21 Uhr fallen an der Ecke Sveavägen/Tunnelgatan zwei Schüsse, einer streckt Palme von hinten nieder, einer streift seine Frau. Olof Palme wird später im Krankenhaus für tot erklärt, Lisbet Palme überlebt leicht verletzt.

Rund 10.000 Personen vernommen  

Obwohl gerade der oberste Politiker des Landes ermordet worden ist, kommen die Ermittlungen nur schleppend in Gang - das wird bis heute massiv kritisiert in Schweden. Nach dem mühseligen Start entwickeln sich daraus schließlich die mit Abstand umfassendsten Ermittlungen der schwedischen Kriminalgeschichte: Mehr als 22.000 Spuren und Hinweise gehen im Laufe der Jahre bei den immer wieder wechselnden Ermittlern ein, knapp 10.000 Personen werden vernommen. Es klingt unglaublich: 134 Menschen geben an, Palme ermordet zu haben.

Hans Holmer, der ehemalige Leiter der Ermittlungen zum Attentat auf Olof Palme, zeigt zwei Smith & Wesson 357 Magnum-Revolvern während einer Pressekonferenz im März 1986.
Hans Holmer, der ehemalige Leiter der Ermittlungen zum Attentat auf Olof Palme, zeigt zwei Smith & Wesson 357 Magnum-Revolvern während einer Pressekonferenz im März 1986.
Foto: Hakan Roden/TT NEWS AGENCY/EPA/d

Ins Visier der Ermittler geraten völlig unterschiedliche Verdächtige, die von Einzelpersonen über den südafrikanischen Geheimdienst bis zur kurdischen Arbeiterpartei PKK reichen, die von Palmes Regierung als Terrororganisation eingestuft worden ist. Insgesamt verschlingen die Ermittlungen Schätzungen zufolge umgerechnet fast 60 Millionen Euro.


Charismatischer Regierungschef: Olof Palme wurde am 28. Februar 1986 auf offener Straße getötet.
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Es ist einer der großen ungelösten Kriminalfälle des 20. Jahrhunderts: Am 28. Februar 1986 wird der damalige schwedische Regierungschef Olof Palme auf offener Straße erschossen. 30 Jahre später gibt der Mordfall immer noch Rätsel auf.

Die Bedeutung des Falls für das Selbstverständnis der an Frieden und Friedlichkeit gewöhnten Schweden könnte größer nicht sein. Olof Palme war mehr als zehn Jahre lang ihr Regierungschef, erst von 1969 bis 1976, dann von 1982 bis zur Mordnacht. Für Sozialdemokraten galt er als international geschätzte Ikone, er war enger Verbündeter des deutschen Ex-Bundeskanzlers Willy Brandt. Seine Ermordung auf offener Straße kam für viele dem Mord am US-Präsidenten John F. Kennedy 1963 in Dallas (Texas) gleich.

Hohe Wellen

Seit 2017 war Staatsanwalt Petersson damit betraut, nach der langen Zeit doch noch so etwas wie Licht ins Dunkel der Palme-Untersuchung zu bringen. Seine Ankündigung im Februar 2020 schlug entsprechend hohe Wellen. „Ich bin zuversichtlich, präsentieren zu können, was um den Mord herum passiert ist und wer dafür verantwortlich ist“, sagte er im schwedischen Fernsehen.

Eine Frau schaut die Pressekonferenz von Krister Petersson, ermittelnder Staatsanwalt im Fall der Ermordung von Olof Palme.
Eine Frau schaut die Pressekonferenz von Krister Petersson, ermittelnder Staatsanwalt im Fall der Ermordung von Olof Palme.
Foto: Daniel Stiller/Bildbyran via ZUM

Was dann am 10. Juni folgt, ist Ernüchterung. Statt des vermuteten Fundes der Mordwaffe oder eines anderen Ermittlungsdurchbruches verkünden die Ermittler, dass Palme mutmaßlich von einem Mann namens Stig Engström erschossen worden sei. „Wir kommen um eine Person als Täter nicht herum. Und diese Person ist Stig Engström“, sagt Petersson.

Ich glaube auch, dass Engström der Schuldige ist.

Mårten Palme

Wie eine 2021 veröffentlichte TV-Doku zeigt, hatte sich Engström nach der Mordnacht bei Polizei und Medien als wichtiger Zeuge dargestellt. Laut Fahndungsleiter Hans Melander passen der nach seinem Arbeitgeber häufiger als „Skandia-Mann“ bezeichnete Engström und seine Aussagen aber nicht in das übrige Bild hinein, das die Zeugen vom Tatabend zeichnen. Engströms Kleidung stimmt vielmehr mit der überein, die der Täter nach Zeugenaussagen trug. Nach Ermittlerangaben hat er sich in Kreisen von Palme-Kritikern bewegt, sich mit Waffen ausgekannt und neben wirtschaftlichen auch ein Alkoholproblem gehabt.


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Der schwedische Autor, der 2004 starb, galt als Experte für rechtsextreme Gruppen. Er soll eine heiße Spur im Fall des 1986 erschossenen schwedischen Premiers Olof Palme gehabt haben.

Das große Problem ist jedoch ein anderes: Engström ist tot, seit 20 Jahren bereits. „Weil Stig Engström verstorben ist, kann ich keine Anklage gegen ihn erheben oder ihn verhören, sondern habe mich entschlossen, die Voruntersuchung einzustellen“, verkündet Petersson. Palme-Sohn Mårten äußert Verständnis. „Ich glaube auch, dass Engström der Schuldige ist“, sagt er. „Aber leider gibt es keinen richtig abschließenden Beweis, damit man mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann, dass er es gewesen ist.“

„Große Enttäuschung“  

Dass die Akte Palme trotzdem geschlossen wird, haben Experten seitdem scharf kritisiert. Der Kriminologe und Krimi-Autor Leif G.W. Persson sprach von „einer großen Enttäuschung“, und der Palme-Experte Thomas Ladegaard glaubt bis heute nicht, dass die Sache damit abgeschlossen ist. Petersson habe weder technische Beweise oder neue Zeugenaussagen noch einen glaubwürdigen Handlungsverlauf oder ein Motiv vorgelegt. Nüchtern betrachtet habe er nur festgestellt, dass man nach 34 Jahren und den völlig gescheiterten Ermittlungen nicht mehr weiterkomme.

Die fehlgeschlagene Untersuchung des Mordes an Olof Palme ist jetzt ein größeres Trauma als der Mord selbst.

Thomas Ladegaard

„Aber wenn die schwedische Polizei gehofft hat, dass der Fall damit abgeschlossen werden könnte, dann ist das Gegenteil passiert. Er lebt, fast wie nie zuvor“, sagt der Däne Thomas Ladegaard, der 2016 ein Buch über die Tat veröffentlicht hat. Es sei mittlerweile möglich, Akteneinsicht in dem Fall zu fordern - und man könne nur hoffen, dass dies zu etwas Neuem führen könne. „Die fehlgeschlagene Untersuchung des Mordes an Olof Palme ist jetzt ein größeres Trauma als der Mord selbst.“ 

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