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"Der Papst muss sich entschuldigen"
International 2 5 Min. 24.06.2021
Neue Gräberfunde in Kanada

"Der Papst muss sich entschuldigen"

Ein Bild aus Kamloops in British Columbia, wo Ende Mai 215 tote Kinder auf dem Gelände eines ehemaligen katholischen Internats gefunden worden waren. Die neuen Funde liegen weiter östlich in der Provinz Saskatchewan.
Neue Gräberfunde in Kanada

"Der Papst muss sich entschuldigen"

Ein Bild aus Kamloops in British Columbia, wo Ende Mai 215 tote Kinder auf dem Gelände eines ehemaligen katholischen Internats gefunden worden waren. Die neuen Funde liegen weiter östlich in der Provinz Saskatchewan.
Foto: AFP
International 2 5 Min. 24.06.2021
Neue Gräberfunde in Kanada

"Der Papst muss sich entschuldigen"

Tom RÜDELL
Tom RÜDELL
Wieder sind auf dem Gelände einer ehemaligen katholischen "residential school" namenlose Gräber entdeckt worden. Die Betroffenen fordern eine Reaktion der Kirche.

(mit dpa) - Auf dem Gelände eines weiteren früheren Internats für indigene Kinder in der kanadischen Provinz Saskatchewan sind erneut Hunderte Gräber entdeckt worden. „Die Anzahl der nicht gekennzeichneten Gräber wird die bisher bedeutendste in Kanada sein“, zitierten örtliche Medien den Bund souveräner indigener Völker (FSIN) am Mittwoch (Ortszeit). Eine genaue Zahl wurde in der Mitteilung zunächst nicht genannt.

Bei einer Pressekonferenz am Donnerstag gaben Bobby Cameron, Chief der Federation of Sovereign Indigenous Nations, und Cadmus Delorme, Chief der Cowessess First Nation, schließlich schockierende Zahlen bekannt: Insgesamt wurden auf dem Gelände der ehemaligen Marieval Residential School 751 anonyme Gräber gefunden. Noch sei unklar, ob es sich dabei ausschließlich um Kindergräber handele, oder ob auch Erwachsene dort begraben lägen.

Möglicherweise seien die Gräber einst mit Grabsteinen markiert gewesen, die später wieder entfernt wurden. Das sei eine Straftat, das Gelände werde daher „wie ein Tatort“ behandelt, sagte Delorme. Man wolle sich nun um eine Gedenkstätte bemühen, die alle Namen der dort Begrabenen aufliste. 

Mindestens mehr als 600 Menschen

„Wir sind erst in Phase eins“, so Delorme weiter. Das bedeutet, man habe bisher eine Fläche von 44 Quadratkilometern mit Bodenradar abgesucht. Dabei seien 751 „Treffer“ erzielt worden. Jeder dieser Treffer könne die Überreste von mehr als einem Menschen bedeuten. Das System habe eine Fehlermarge von etwa 10 bis 15 Prozent. „Wir wollen die Zahlen nicht größer machen, als sie am Ende sind. Wir sprechen daher vorsichtig geschätzt von 'mehr als 600'“, so der Chief bei der Pressekonferenz. 

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Weitere Untersuchungen würden folgen, sagte Delorme. „Mir ist klar, dass ich jetzt Dinge sage, die verstörend sind. Aber wir gehen Hinweisen nach, dass es innerhalb der Schule den starken Glauben daran gab, dass Ungetaufte und unehelich Geborene nicht auf dem Friedhof beerdigt werden dürfen. Wir werden daher auch außerhalb nach Orten suchen, an denen Begräbnisse stattgefunden haben könnten.“  

Der Papst muss sich entschuldigen. 

Chief Cadmus Delorme

Ähnlich deutlich wie bei seiner Erklärung der genannten Zahlen wurde der Chief bei der Frage, was sein Volk jetzt von der katholischen Kirche erwarte. „Der Papst muss sich entschuldigen“, sagte Delorme ruhig. „Eine Entschuldigung ist ein wichtiger Schritt zur Wiedergutmachung.“ 

Premierminister Justin Trudeau sagte, die Nachricht vom Fund weiterer Gräber habe ihn „furchtbar traurig“ gemacht. Es sei eine „schamvolle Erinnerung an den systemischen Rassismus, an Diskriminierung und Ungerechtigkeit“, die die Indigenen in Kanada in der Vergangenheit und auch heutzutage erleben müssten - und das müsse sich ändern. 

Die Marieval Residential School im Jahr 1923.
Die Marieval Residential School im Jahr 1923.
Foto: G. C. Cowper. Canada. Department of Mines and Technical Surveys. Library and Archives Canada, PA-019389 / via Flickr

Vom 17. Jahrhundert bis in die 1990er wurden die als „residential schools“ bekannten Einrichtungen von der Regierung verwaltet und finanziert. Betreiber waren größtenteils Kirchen und religiöse Organisationen. Indigene Kinder wurden ihren Familien entrissen und in diesen Einrichtungen untergebracht, wo sie die Traditionen der europäischen Kolonialisten lernen mussten, um ihre eigenen Sprachen und Kulturen zu vergessen. Gewalt und sexueller Missbrauch gehörten in diesen Schulen zur Tagesordnung.

Bis in die 1980er unter katholischer Leitung

Das Marieval-Internat östlich der Provinzhauptstadt Regina war von 1899 bis 1997 in Betrieb, zunächst unter der Leitung der Missionsschwestern Unserer Lieben Frau aus Lyon, ab 1901 bis 1979 unter der Leitung des kanadischen Ordens der Schwestern von St. Joseph aus St. Hyacinthe, Quebec.


27.05.2021, Kanada, Kamloops: Die ehemalige Kamloops Indian Residential School. Überreste von 215 Kindern kanadischer Ureinwohner sind auf einem Grundstück einer sogenannten Residential School in Kanada entdeckt worden. Sie seien bei Radar-Untersuchungen des Grundstücks in der Nähe der Stadt Kamloops im Westen Kanadas gefunden worden. Foto: Andrew Snucins/The Canadian Press via ZUMA/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Überreste von 215 Kindern unter kanadischer Schule entdeckt
Es waren Kinder kanadischer Ureinwohner, die zwischen 1890 und 1969 in die Kamloops Residential School, eine Art Internat, gezwungen wurden.

In einem  Forschungsprojekt der University of Regina in Saskatchewan ist dokumentiert, dass die örtliche indigene Bevölkerung sich 1949 mit einer Petition an die Regierung wandte: „Unter Bezugnahme auf ihre Rechte aus dem 'Treaty 4' (einem Vertrag, den die Vorfahren der heutigen Cree-Indianer 1874 mit Königin Viktoria schlossen, Anm. d. Red.), forderten die Eltern im Cowessess-Reservat von der Regierung eine nicht-kirchlich betriebene Schule: 'Wir bitten um einen besseren Ausbildungsstandard, damit unsere Kinder im Geiste der Eigenständigkeit aufwachsen können.' Die Petition wurde abgelehnt.“ 

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Das Volk der Cowessess übernahm die Einrichtung 1981 von der katholischen Kirche, 1997 wurde die Schule geschlossen und teilweise abgerissen. 

Erst Ende Mai war der Fund eines Massengrabs mit 215 Kindern bei einem anderen Internat für Indigene bekanntgeworden. Die Kamloops-Schule wurde zwischen 1890 und 1978 von der katholischen Kirche und später von der kanadischen Regierung betrieben. Nach Bekanntwerden des Falls forderten Vertreter indigener Gruppen, alle früheren Einrichtungen dieser Art untersuchen zu lassen. 

Perry Bellegarde, National Chief der Assembly of First Nations, also das gewählte Oberhaupt der rund 600 indigenen Völker in Kanada, schrieb auf Twitter, die Nachricht von erneuten Funden sei „tragisch, wenn auch nicht überraschend.“ Er forderte alle Kanadier auf, in dieser „sehr schwierigen und emotionalen Zeit an der Seite der First Nations zu stehen“.  

Auch der Premierminister der Prärieprovinz Saskatchewan, Scott Moe, veröffentlichte ein Statement auf Twitter. Er nannte es „herzzerreißend“, dass „so viele Kinder ihr Leben verloren haben, nachdem man sie von ihren Familen getrennt und ihnen die Liebe und die Geborgenheit genommen hat, die nur eine Familie geben kann.“ Weitere First Nations in Saskatchewan stünden vor ähnlichen Erfahrungen, weil die Suche nach Gräbern in der ganzen Provinz fortgesetzt werde, so Moe weiter.

In Saskatoon, der mit 245.000 Einwohnern größten Stadt der Provinz Saskatchewan wurden die Flaggen auf halbmast gesetzt. Saskatchewan ist die Provinz mit der größten Anzahl an Kindern in Residential Schools bis zum Ende dieser Schulform. 

Foto:  Marieval Mission, Cowesses Indian Residential School in Elcapo Creek Valley, Saskatchewan, 1923 / G. C. Cowper. Canada. Department of Mines and Technical Surveys. Library and Archives Canada, PA-019389 / CC BY 2.0 / via flickr.


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 / AFP PHOTO / PAUL FAITH