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Nach Tod von 39 Migranten: Haftstrafen für Menschenschmuggler
International 3 Min. 22.01.2021

Nach Tod von 39 Migranten: Haftstrafen für Menschenschmuggler

Am 23. Oktober 2019 waren in einem Kühllaster in einem Ort in der Grafschaft Essex nahe London die Leichen von 31 Männern und acht Frauen entdeckt worden.

Nach Tod von 39 Migranten: Haftstrafen für Menschenschmuggler

Am 23. Oktober 2019 waren in einem Kühllaster in einem Ort in der Grafschaft Essex nahe London die Leichen von 31 Männern und acht Frauen entdeckt worden.
Foto: AFP
International 3 Min. 22.01.2021

Nach Tod von 39 Migranten: Haftstrafen für Menschenschmuggler

Die Gang, die 2019 den Tod von 39 vietnamesischen Migrantinnen und Migranten verschuldete, ist in London zu langjährigem Freiheitsentzug verurteilt worden.

Von LW-Korrespondent Peter Stäuber (London)

Die Menschenschmuggler, die den Tod von 39 vietnamesischen Migrantinnen und Migranten verschuldet haben, sind vom Londoner Strafgericht zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Die Gang hatte die Migranten im Oktober 2019 in einem luftdichten Container über den Ärmelkanal transportiert; alle starben an Überhitzung und Sauerstoffmangel. Noch bevor das Schiff Großbritannien erreicht hatte, seien die Opfer - die jüngsten waren gerademal 15 Jahre alt - „einen unerträglich schmerzvollen Tod gestorben“, sagte der Richter Justice Sweeney, als er am Freitag die Urteile verkündete.

Die zwei Drahtzieher der Operation, Ronan Hughes und Gheorghe Nica, erhielten Gefängnisstrafen von 20 beziehungsweise 27 Jahren; sie hatten sich vor dem Prozess des Totschlags für schuldig erklärt. Die zwei Lastwagenfahrer Eamonn Harrison und Maurice Robinson waren im Dezember von der Jury für schuldig wegen Totschlags in 39 Fällen befunden worden; sie erhielten 13 Jahre beziehungsweise 7 Jahre und vier Monate Freiheitsentzug. Richter Sweeney sprach von einer „komplexen und profitablen“ Operation, deren Ziel es war, vornehmlich Vietnamesinnen und Vietnamesen über den Ärmelkanal zu transportieren.            

Protokoll des Schreckens

Der Leichenfund im englischen Ort Grays am 23. Oktober 2019 hatte das Land schockiert. Es war die größte Migrantentragödie auf britischem Boden seit fast zwei Jahrzehnten. Während des Prozesses in London wurde die fatale Reise in allen Details nachgezeichnet.


Die blinden Passagiere hatten die Plane des Lasters aufgeschlitzt, um zu entkommen.
Blinde Passagiere in Luxemburger Sattelauflieger
Ein polnischer Fernfahrer bemerkt auf der deutschen A64 Klopfzeichen aus seinem Auflieger, den er aus Luxemburg abgeholt hatte. Als er anhält, flüchten acht Menschen. Sie wollten nach England.

Der Trip der 39 Migranten begann am 22. Oktober im französischen Ort Bierne, wo sie den Kühllaster bestiegen. Während Eamonn Harrison den Lastwagen in Richtung des belgischen Hafens Zeebrugge fuhr, begann die Temperatur im luftdichten Anhänger unerbittlich anzusteigen – dank dem Thermometer im Container konnten die Ermittler die Verhältnisse genau nachzeichnen. Als der Lkw-Anhänger an jenem Abend aufs Schiff verladen wurde, war es bereits 35 Grad heiß.    


23.10.2019, Großbritannien, Grays: Polizisten und Mitarbeiter der Spurensicherung arbeiten an dem LKW, in dem 39 Leichen gefunden wurden. Nach dem Fund von 39 Leichen in einem Lastwagen nahe London geht die Polizei nach neuesten Erkenntnissen davon aus, dass alle Opfer aus Vietnam stammen. Das teilte der stellvertretende Polizeichef von Essex am Freitagabend mit. «In diesem Moment nehmen wir an, dass alle Opfer vietnamesische Bürger sind, wir stehen deswegen in Kontakt mit der vietnamesischen Regierung.» Die Polizei war nach der Entdeckung der Leichen in einem Kühllaster zunächst spekuliert, dass die Toten aus China stammten. Foto: Stefan Rousseau/PA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
39 Leichen im Lastwagen: Polizei vermutet alle Opfer aus Vietnam
Der Fund von Dutzenden Leichen in einem Kühllaster sorgte europaweit für Aufsehen. Nach neuesten Erkenntnissen nimmt die Polizei an, dass die Opfer aus Vietnam stammen.

In den folgenden Stunden versuchten die Eingeschlossenen verzweifelt, Kontakt zur Außenwelt herzustellen und die Notfalldienste zu alarmieren. Sie versuchten sogar, die Decke des Containers aufzubrechen. Einer der Migranten, Nguyen Tho Tuan, nahm auf seinem Mobiltelefon eine Sprachnachricht an seine Familie auf: „Es tut mir Leid. Ich kann mich nicht um euch kümmern. Ich kann nicht atmen.“ Bald danach war die Temperatur auf 38 Grad gestiegen, die Konzentration von Kohlenstoffdioxid in der Luft hatte ein tödliches Level erreicht.

Mindestens sieben solcher Trips  

In den frühen Morgenstunden, als das Schiff im Hafen Purfleet in der Themsemündung angelegt hatte, holte Maurice Robinson den Container mit seinem Laster ab. Sein Boss Ronan Hughes hatte ihn per Snapchat-Nachricht angewiesen, den Migranten Luft zu geben, sie aber nicht rauszulassen. Als Robinson den Anhänger in Grays öffnete und die Leichen sah, rief er zunächst seinen Chef an. Erst danach informierte er die Notfalldienste. Die Eingeschlossenen lägen alle am Boden, sagte er. Niemand atme.


HANDOUT - 10.09.2020, Österreich, Bruck A.D. Leitha: Das von der Landespolizeidirektion Niederösterreich zur Verfügung gestellte Foto zeigt einen Kühllastwagen, in dem sich mindestens 38 Migranten befunden haben sollen. Die Personen aus Syrien, dem Irak und der Türkei seien in einem schlechten gesundheitlichen Zustand. Der Kühllastwagen habe keine Möglichkeit zur Belüftung gehabt, wie die Polizei mitteilte. (zu dpa "38 Flüchtlinge in Kühlanhänger in Österreich - Laute Rufe als Rettung") Foto: Landespolizeidirektion Niederösterreich/apa/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++
Laute Rufe als Rettung: 38 Flüchtlinge in Kühlanhänger in Österreich
38 Flüchtlinge überlebten die Fahrt in einem Kühllastwagen nur knapp - der mutmaßliche Schlepper wurde festgenommen.

Die Ermittlungen hatten ergeben, dass die Menschenschmuggler zwischen Mai 2018 und Oktober 2019 mindestens sieben solcher Trips organisiert hatten. Hughes leitete in Irland eine Speditionsfirma und rekrutierte in der britischen Provinz Nordirland Fahrer für sein Geschäft. 

Zuweilen schaffte er legale Güter ins Land – Waffeln oder Wein –, oft jedoch schmuggelte er in seinen LkWs Alkohol, Zigaretten oder Menschen. Es war ein überaus profitables Geschäft: Die vietnamesischen Migranten bezahlten für die Überfahrt von Frankreich nach Großbritannien bis zu 13.000 Pfund. Die Todesopfer stammen aus armen Regionen in Vietnam, wo die Aussichten auf gute Jobs rar sind. Manche hatten ihre Heimat Jahre zuvor verlassen, viele waren über Russland nach Europa gekommen.  

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