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Myanmars Junta behält bei Protesten die Oberhand
International 4 Min. 04.03.2021

Myanmars Junta behält bei Protesten die Oberhand

Nicht nur am Tag, sondern auch in der Nacht, werden Demonstranten von Myanmars Sicherheitskräften verschleppt.

Myanmars Junta behält bei Protesten die Oberhand

Nicht nur am Tag, sondern auch in der Nacht, werden Demonstranten von Myanmars Sicherheitskräften verschleppt.
Foto: AFP
International 4 Min. 04.03.2021

Myanmars Junta behält bei Protesten die Oberhand

Unerschrocken protestieren Demonstranten in weiten Teilen Myanmars gegen den Militärputsch. Aber die Machthaber eskalieren den Konflikt. Die Zahl der Opfer steigt.

Von Daniel Kestenholz (Bangkok)

Als Myanmars Streitkräfte am 1. Februar gegen die Zivilregierung putschten, war in den Städten des Landes kaum Militärpräsenz zu sehen. Es fiel kein einziger Schuss, es floss kein Blut, es gab noch keine Proteste. Der Putsch ging so ruhig und schnell über die Bühne, als wäre es ein beliebiger Tag in Myanmar. Soldaten sicherten einige wichtige Gebäude in den größeren Städten des Landes und standen an großen Kreuzungen. Zunächst nahm das Leben seinen gewohnten Lauf – außer, dass Zivilfreiheiten ausgesetzt wurden und dass die im November zum zweiten Mal gewählte De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi wieder eine Gefangene der Generäle war.

Anfänglicher Schock schlägt in Wut um

Die Uniformierten rechneten damit, dass sich der anfängliche Schock in der Bevölkerung schnell legen werde. Doch weit gefehlt. In dem Monat seit dem Militärcoup ist Myanmar von Protesten heimgesucht worden, wie sie das Land seit Ende der 80er Jahre nicht mehr gesehen hat. Allein am Sonntag kamen bei Massenprotesten gegen die Junta mindestens 18 Menschen ums Leben – die meisten davon in Mandalay. Es war der bislang tödlichste Tag seit dem Putsch. Die Sicherheitskräfte setzen auch scharfe Waffen ein – was Bürgerreporter oftmals mit ihren Kameras von der Straße oder von Wohnungen aus filmen und gleich auf sozialen Medien verbreiten.   

In Myanmar reißen die Proteste gegen die Militärjunta nicht ab. Hier beklagen Zehntausende den Tod einer Demonstrantin in Yangon.
In Myanmar reißen die Proteste gegen die Militärjunta nicht ab. Hier beklagen Zehntausende den Tod einer Demonstrantin in Yangon.
Foto: AFP

Die Proteste, von denen Myanmar in diesen Tagen erfasst wird, sind nicht etwa spontane Aktionen von vereinzelten Regierungsgegnern. Ganze Berufsgruppen stellen sich gegen die Generäle, darunter Krankenhauspersonal und Beamte. Mit oft kilometerlangen Protestzügen ziehen sie in ihren Uniformen durch die Straßen, halten Plakate hoch und skandieren Rufe gegen die Junta – und für die Freilassung von Aung San Suu Kyi.   

Erkennbare Risse im Militärregime

Wohl auch viele hohe Regierungsvertreter stehen mit ihrem Gewissen in Konflikt, ob sie sich auf die Seite der Juntagegner schlagen wollen. Auf geradezu spektakuläre Weise verurteilte Myanmars Gesandter bei den Vereinten Nationen, Kyaw Moe Tun, den Coup vergangene Woche. Er forderte die Rückkehr zur Zivilregierung und die Freilassung von Suu Kyi. Die Junta feuerte ihn prompt – doch er sieht sich noch immer im Amt und erhält auch von Washington Unterstützung. Das US-Außenamt lobte Kyaw Moe Tun für dessen „Mut“. Washington, so ein Sprecher, gehe davon aus, dass Myanmars ständiger UN-Vertreter „in seiner Position bleibt“.


A Myanmar migrant holds up a poster with the image of Myanmar's Chief Senior General Min Aung Hlaing, commander-in-chief of the Myanmar armed forces, as they take part in a demonstration outside the Myanmar embassy in Bangkok on February 1, 2021, after Myanmar's military detained the country's de facto leader Aung San Suu Kyi and the country's president in a coup. (Photo by Lillian SUWANRUMPHA / AFP)
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Am Sonntag distanzierte sich auch ein erster hoher Polizeibeamter vom Regime. Aus Solidarität mit den Demonstranten trat der Polizeimajor Tin Min Tun von seinem Posten zurück. Seit 1989 hatte er für die „Special Branch“ gearbeitet, den Geheimdienst der Polizei, der hauptsächlich dazu dient, Aktivisten und Politiker zu überwachen.

Ich möchte nicht weiter unter dem derzeitigen Militärregime dienen.

Ex-Polizeimajor Tin Min Tun

Seinen Schritt gab er in einem Livestream-Video auf Facebook bekannt. „Ich möchte nicht weiter unter dem derzeitigen Militärregime dienen“, erklärte er. „Deshalb bin ich der Protestbewegung beigetreten, um zu zeigen, dass ich zu den anderen Regierungsangestellten stehe“. Damit solidarisiert sich Tin Min Tun mit den zahllosen Beamten, die sich der Kampagne des zivilen Ungehorsams angeschlossen haben.

Ein Demonstrant hält einen selbst gebastelten Schild hoch, um sich vor Geschossen der Sicherheitskräfte zu schützen.
Ein Demonstrant hält einen selbst gebastelten Schild hoch, um sich vor Geschossen der Sicherheitskräfte zu schützen.
Foto: AFP

Die Rückkehr zur Militärherrschaft zerstöre seiner Meinung nach die Zukunft des Landes. Daher habe er sein Kündigungsschreiben eingereicht: „Wenn dieses Militärregime an der Macht bleibt, werden wir in den nächsten 20 oder 25 Jahren nicht erreichen, was wir wollen. Wir werden alles verlieren“, so der bisher ranghöchste Offizier, der sich der Anti-Putsch-Bewegung anschließt und damit ein großes Risiko eingeht.

Wegen Zuwiderhandlung gegen die öffentliche Ordnung drohen auch ihm drei Jahre Haft. Doch seine ehemaligen Dienstkollegen müssten sich die gleiche Frage stellen, wen sie unterstützen: „Ich möchte auch meinen Kollegen sagen, dass sie das tun sollen, was sie für richtig halten“, fügte er hinzu.

Wenn dieses Militärregime an der Macht bleibt, werden wir in den nächsten 20 oder 25 Jahren nicht erreichen, was wir wollen. Wir werden alles verlieren.

Tin Min Tun, Ex-Polizeimajor

Bisher behält das Regime die Oberhand. Menschen werden nachts weiterhin aus ihren Wohnungen verschleppt. Neben Härte gegen Demonstranten und scharfer Zensur gehen die Putschisten auch harsch gegen Journalisten vor: Seit Mitte Februar wurden mindestens 25 Medienschaffende verhaftet. Knapp ein Dutzend bleibt in Haft. Sechs Journalisten – darunter einem Reporter der Nachrichtenagentur „Associated Press“ – drohen Haftstrafen von bis zu drei Jahren. Ihr Vergehen? Beim Verrichten ihrer Arbeit hätten sie gegen ein Gesetz zur öffentlichen Ordnung verstoßen.   


(FILES) In this file photo taken on December 10, 2019, people participate in a rally in support of Myanmar's State Counsellor Aung San Suu Kyi, as she prepares to defend Myanmar at the International Court of Justice in The Hague against accusations of genocide against Rohingya Muslims, in Yangon. - A Myanmar court has charged ousted leader Aung San Suu Kyi with breaching an import and export law, a spokesperson from her National League for Democracy (NLD) said on February 3, 2021. (Photo by Sai Aung Main / AFP)
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Derweil schweigen Myanmars regionale Partnerstaaten der südostasiatischen Asean. Wenigstens Indonesien, Malaysia, die Philippinen und Singapur haben die Freilassung von Suu Kyi gefordert – es sind dies die einzigen halbwegs intakten Demokratien Südostasiens.   

Wirtschaftssanktionen fürchten Myanmars Generäle nicht, Isolation sind sie gewohnt und notfalls kann das Land noch immer über die Nordostflanke via China versorgt werden. Peking hat wirtschaftliche Kooperation noch nie an demokratische Prinzipien gebunden.  

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