Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Ein Land am Abgrund
International 4 Min. 01.08.2021
Myanmar 6 Monate nach dem Putsch

Ein Land am Abgrund

Auch sechs Monate nach dem Militärputsch gehen die Menschen zu Tausenden auf die Straße, um gegen die Junta zu demonstrieren. Die reagiert mit Gewalt und Verhaftungen.
Myanmar 6 Monate nach dem Putsch

Ein Land am Abgrund

Auch sechs Monate nach dem Militärputsch gehen die Menschen zu Tausenden auf die Straße, um gegen die Junta zu demonstrieren. Die reagiert mit Gewalt und Verhaftungen.
Foto: AFP
International 4 Min. 01.08.2021
Myanmar 6 Monate nach dem Putsch

Ein Land am Abgrund

Sechs Monate nach dem Militärputsch wütet in Myanmar die Corona-Pandemie – inmitten von Chaos und Gewalt.

Von Daniel Kestenholz (Bangkok)

Seit dem Putsch am 1. Februar bleibt Myanmar in einer Abwärtsspirale gefangen, die das Land und die Menschen immer noch tiefer zu zerreißen droht. „Myanmar rutscht immer weiter in Richtung eines gescheiterten Staates“, schrieb die „Washington Post“ unlängst in einem Leitartikel. Zunehmend ignoriert und fallengelassen von der Weltgemeinschaft, werde das Land „von blutiger Anarchie“ erfasst.

Menschenrechtsgruppen zufolge liegt die Zahl der getöteten Regierungsgegner in dem halben Jahr seit dem Putsch bei rund 1.000, mehr als 6.000 Menschen wurden verhaftet. Städter flohen zudem in Rebellengebiete, wo sie der Widerstand in urbaner Kriegsführung drillt. Preise für Lebensmittel sind in die Höhe geschnellt, zeitweise stehen ganze Industriezweige still. Und der Militärgewalt gegen das eigene Volk nicht genug, wird Myanmar hart von der Corona-Pandemie getroffen.


(FILES) In this file photo taken on February 9, 2021, a police officer (C) aims a gun during clashes with protesters taking part in a demonstration against the military coup in Naypyidaw. - This August 1, 2021 marks six months since Aung San Suu Kyi, the daughter of independence hero Aung San, was detained in a coup by the military her father created, setting off a bloody crackdown that has killed hundreds. (Photo by STR / AFP) / TO GO WITH AFP STORY MYANMAR-POLITICS-MILITARY-ANNIVERSARY-COUP,FOCUS
Hass überwiegt Angst
Obwohl in Myanmar die Corona-Pandemie wütet, ebbt der Widerstand gegen die Militärjunta nicht ab.

Die Generäle haben Myanmar, das eben noch große Hoffnungen hegte, einer Vielzahl von Krisen ausgeliefert. Neben der politischen und wirtschaftlichen wird Myanmar derzeit von einer Covid-Krise erfasst, der auch die Streitkräfte ausgeliefert scheinen.

Gesundheitssystem überfordert

Das schon so rudimentäre Gesundheitswesen ist komplett überfordert. Sauerstoffflaschen sind Mangelware, werden von der Armee für die eigenen Leute beschlagnahmt, wie Menschen auf sozialen Medien berichten. Statt die Corona-Krise bekämpfen zu können, errichtet die Junta neue Krematorien, schreibt das im Exil herausgegebene Online-Portal „Irrawaddy“.

Die Corona-Lage spitzt sich weiter zu. Angehörige von Covid-19-Patienten müssen oft vergeblich auf den dringend benötigten Sauerstoff zur Behandlung warten.
Die Corona-Lage spitzt sich weiter zu. Angehörige von Covid-19-Patienten müssen oft vergeblich auf den dringend benötigten Sauerstoff zur Behandlung warten.
Foto: Getty Images

Auch ein halbes Jahr nach der Machtübernahme versucht das Regime, jedes Zeichen von Widerstand im Keim zu ersticken. Unter den Verhafteten sind ganze Familien, Ärzte, Beamte und Journalisten, während sich die Junta in der Retortenhauptstadt Naypyidaw einbunkert. Fünf Stunden nördlich der größten Stadt und Wirtschaftsmetropole Yangon gelegen, wirkte Naypyidaw schon immer wie eine verlassene Stadt. Seit 2006 offiziell Hauptstadt – noch vor Beginn der zehnjährigen demokratischen Phase –, scheint es im Rückblick wie geplant, dass sich die Generäle einen Machtsitz errichtet haben, wo sie unantastbar sind. Die Uniformierten dachten nie daran, die Macht abzugeben. Und im isolierten Naypyidaw können keine Massen gegen Regierungsgebäude marschieren.

Diese Woche haben die Putschgeneräle endgültig einen Strich unter die Demokratiehoffnungen des Landes gezogen. Die Junta erklärte die Wahlen von November offiziell für ungültig. Das soll den Sturz der gewählten Regierungschefin Aung San Suu Kyi legitimieren. Suu Kyi wird wegen angeblichen Wahlbetruges ein Schauprozess gemacht. Die Wahl habe nicht im Einklang mit der Verfassung und dem Wahlgesetz gestanden, weil sie nicht frei und fair verlaufen sei, ohne einen einzigen Beweis vorzulegen, der den Vorwurf des angeblichen Wahlbetrugs untermauern würde.


HANDOUT - 22.04.2021, Myanmar, Yangon: Der deutsche Koche Oliver Esser bei einem Umweltschutzprojekt, das er in Myanmar unterstützt. (zu dpa "«Totaler Schock»: Wie ein deutscher Koch das Grauen in Myanmar erlebt") Foto: Oliver Esser/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++
Wie ein Koch das Grauen in Myanmar erlebt
Seit mehr als 25 Jahren lebt der Koch Oliver Esser in Myanmar. Doch seit dem Putsch ist nun nichts mehr wie vorher.

Solche Erklärungen der Junta werden von Myanmars Bevölkerung gar nicht mehr beachtet. Tatmadaw, wie Myanmars Streitkräfte heißen, habe weit schlimmere Dinge getan, als das Wahlergebnis für nichtig zu erklären, sagte einer der Abgeordneten der von der Macht weggeputschten Nationalen Liga für Demokratie (NLD), die im November eine absolute Mehrheit errang.

Weg der „totalen Selbstzerstörung“

Die Junta habe einen Weg der „totalen Selbstzerstörung“ gewählt, indem sie den Willen des Volkes missachte, erklärte der NLD-Abgeordnete Aung Kyi Nyunt – einer der wenigen nicht inhaftierten, abgesetzten NLD-Parlamentarier. „Wir haben keinen Grund, eine von einer illegitimen Regierung gebildete Wahlkommission anzuerkennen.“

Für die von der Bildfläche verschwundene NLD-Parteiführerin Aung San Suu Kyi markiert die neuerliche brutale Niederschlagung von Myanmars Demokratiehoffnungen ein weiteres Déjà-vu in ihrer langjährigen Karriere der Höhen und Tiefen. Bereits 1990 hatte Suu Kyi mit ihrer NLD einen Erdrutschsieg errungen, den die damals herrschende Junta kurzerhand ignorierte. 1991 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, sollte Suu Kyi insgesamt 15 Jahre unter Hausarrest verbringen, bis dieser 2010 endgültig aufgehoben wurde: Manchmal konnte sie sich über das Tor ihrer Villa an der University Avenue in Yangon an Anhänger wenden. Es waren kleine Volksfeste, bis Soldaten wieder einschritten. 

Einigen Journalisten gelang es in jenen Jahren, Suu Kyi mithilfe westlicher Diplomaten in Yangon zu treffen. Botschaften fädelten Treffen an Orten ein, die für die Agenten, die Suu Kyi auf Schritt und Tritt folgten, tabu waren. Heute ist unklar, wo Suu Kyi festgehalten wird. Keine außenstehende Person kann sie sehen. Erst Verfolgte, dann Verbündete der Generäle, ist die Tochter von Landesvater General Aung San heute wieder eine Gefangene der Generäle.

Wir können nicht einfach warten, bis wir Hilfe bekommen.

Gum Tun, ein Angehörigen der Kachin-Minorität

Dies, während immer mehr Regimegegner keine Hoffnung auf eine Rückkehr zur Demokratie sehen – außer, sie greifen zu den Waffen. „Die Welt schaut zu, während der Terror Myanmar erschüttert“, zitiert das Asien-Online-Magazin „The Diplomat“ Gum Tun, einen Angehörigen der Kachin-Minorität, der in Yangon lebt. „Wir können nicht einfach warten, bis wir Hilfe bekommen.“ Der Mann ist überzeugt: Der einzige Ausweg aus Myanmars Niedergang bestehe darin, „mit Gewalt zu reagieren“. 


This picture taken on July 14, 2021 shows people waiting to fill empty oxygen canisters at a location donating oxygen at no cost in Yangon, amid a surge in the number of Covid-19 coronavirus cases. - Residents across Myanmar's biggest city are defying a military curfew in a desperate search for oxygen to keep their loved ones breathing as a new coronavirus wave crashes over the coup-wracked country. (Photo by Ye Aung THU / AFP) / TO GO WITH Myanmar-health-virus-oxygen, FOCUS
Vom Musterschüler zum Sorgenkind
Während Asien am Anfang der Pandemie oft mit einer vorbildlichen Corona-Bekämpfung glänzte, steht der Kontinent nun vor großen Problemen.

Der Widerstand erhält dabei Hilfe von einem Gegner, der nicht zwischen Feinden unterscheidet: Während sich zahlreiche Menschen in Rebellengebiete zurückziehen, um den bewaffneten Kampf gegen die Junta aufzunehmen, stehen alle im Land dem neuen, unsichtbaren Killer gegenüber: Covid-19. Die Pandemie befällt auch die Armee und breitet sich auf regionale Kommandohauptquartiere, Bataillone und Einheiten in den wichtigsten Städten des Landes aus. Soldaten, Kommandeure und Generäle sind infiziert, und auch ihnen fehlt es an Sauerstoff und medizinischer Ausrüstung.

„Viele hoffen, dass Covid-19 dem Regime einen schweren Schlag versetzt und vielleicht sogar dazu beitragen könnte, die Stabilität der Junta zu brechen“, schreibt der Journalist Robert Bociaga im „The Diplomat“. Dem Land bleibe die Wahl zwischen zwei Übeln. Dass das Virus die Junta in die Knie zwingen möge, dies sei „eine verzweifelte Hoffnung, weil die Menschen noch mehr unter der Pandemie leiden“.

Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter und Instagram und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Myanmar 6 Monate nach dem Putsch
Obwohl in Myanmar die Corona-Pandemie wütet, ebbt der Widerstand gegen die Militärjunta nicht ab.
(FILES) In this file photo taken on February 9, 2021, a police officer (C) aims a gun during clashes with protesters taking part in a demonstration against the military coup in Naypyidaw. - This August 1, 2021 marks six months since Aung San Suu Kyi, the daughter of independence hero Aung San, was detained in a coup by the military her father created, setting off a bloody crackdown that has killed hundreds. (Photo by STR / AFP) / TO GO WITH AFP STORY MYANMAR-POLITICS-MILITARY-ANNIVERSARY-COUP,FOCUS
Pandemiebekämpfung in Asien
Während Asien am Anfang der Pandemie oft mit einer vorbildlichen Corona-Bekämpfung glänzte, steht der Kontinent nun vor großen Problemen.
This picture taken on July 14, 2021 shows people waiting to fill empty oxygen canisters at a location donating oxygen at no cost in Yangon, amid a surge in the number of Covid-19 coronavirus cases. - Residents across Myanmar's biggest city are defying a military curfew in a desperate search for oxygen to keep their loved ones breathing as a new coronavirus wave crashes over the coup-wracked country. (Photo by Ye Aung THU / AFP) / TO GO WITH Myanmar-health-virus-oxygen, FOCUS
Seit Tagen gab es Spekulationen über einen möglichen Militärputsch in Myanmar - nun hat die Armee die Kontrolle über das südostasiatische Land übernommen.
(FILES) In this file photo taken on December 10, 2019 people participate in a rally in support of Myanmar's State Counsellor Aung San Suu Kyi, as she prepares to defend Myanmar at the International Court of Justice in The Hague against accusations of genocide against Rohingya Muslims. - Myanmar's military has detained the country's de facto leader Aung San Suu Kyi and the country's president in an apparent coup, a spokesman for her ruling party said February 1, 2021. (Photo by Sai Aung Main / AFP)