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Die Spur führt in das Drogenmilieu
International 3 4 Min. 08.07.2021
Mordanschlag in Amsterdam

Die Spur führt in das Drogenmilieu

Passanten legen Blumen am Tatort nieder.
Mordanschlag in Amsterdam

Die Spur führt in das Drogenmilieu

Passanten legen Blumen am Tatort nieder.
Foto: AFP
International 3 4 Min. 08.07.2021
Mordanschlag in Amsterdam

Die Spur führt in das Drogenmilieu

Der Mordanschlag auf einen bekannten Reporter hat die Niederlande geschockt. Zwei Verdächtige sitzen in U-Haft.

(dpa/SC) - Am zweiten Tag nach dem Mordanschlag ist der Gesundheitszustand des niederländischen Reporters Peter R. de Vries (64) nach wie vor äußerst kritisch. „Peter kämpft noch immer um sein Leben“, sagte der Chef des TV-Senders RTL, Peter van der Vorst. „Wir beten alle um ein Wunder.“ Der Reporter arbeitete für den Sender. De Vries war am Dienstagabend mit schweren Kopfverletzungen in ein Amsterdamer Krankenhaus gebracht worden. Ein Mann hatte mehrere Schüsse auf ihn abgegeben. Das Justizministerium kündigte an, dass Sicherheitsmaßnahmen verschärft werden sollten, um den Rechtsstaat zu schützen.

Inzwischen laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Zwei Männer waren nur wenige Stunden nach der Tat festgenommen worden. Einer von ihnen, ein 35 Jahre alter Pole mit Wohnsitz im Südosten der Niederlande, soll erst am vergangenen Donnerstag wegen Bedrohung mit einer Schusswaffe für kurze Zeit festgenommen worden sein, berichten mehrere Medien. Am Samstag sei er wieder frei gekommen. Bei dem zweiten Mann handelt es sich laut „De Volkskrant“ um einen 21-Jährigen, der in Rotterdam wohnt. Er wird verdächtigt, die tödlichen Schüsse auf de Vries abgegeben zu haben, während der 35-Jährige das Fluchtauto gelenkt haben soll. Beide saßen in einem silberfarbenen Renault, als die Polizei das Fluchtauto auf der Autobahn stoppte. Am Freitag werden beide dem Haftrichter vorgeführt.

Eine dritte Person wurde kurz nach der Tat festgenommen. Da sich der Verdachtsmoment hier jedoch nicht erhärtete, wurde der 18-Jährige aus Amsterdam wieder auf freien Fuß gesetzt.

Noch ist aber nicht deutlich, wer hinter der Tat steckt. Die Hinweise verdichten sich, dass das organisierte Verbrechen verantwortlich ist. De Vries ist seit Beginn 2020 Vertrauensperson des Kronzeugen in einem großen Strafprozess, der zurzeit in Amsterdam läuft. Er war mehrfach bedroht worden, hatte Personenschutz jedoch strikt abgelehnt. Bereits 2019 war Derk Wiersum, der Verteidiger des Kronzeugen Nabil B., erschossen worden, zuvor hatte man auch den unschuldigen Bruder des Kronzeugen getötet.


06.07.2021, Niederlande, Amsterdam: Polizisten ermitteln im Leidseplein im Zentrum von Amsterdam und befragen die Öffentlichkeit, nachdem ein Unbekannter auf den prominente Kriminalreporter Peter R. de Vries geschossen hat. Vries sei mit einem Kopfschuss ins Krankenhaus eingeliefert worden, bestätigte die Polizei. Foto: Evert Elzinga/ANP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Prominenter Reporter auf offener Straße niedergeschossen
Er kam aus dem TV-Studio, dann schoss ihm ein Unbekannter in den Kopf. Peter R. de Vries ist der führende Kriminalreporter der Niederlande.

Hinter den Taten wird Drogenboss Ridouan T. vermutet, der wegen seiner Verwicklung in mindestens zehn Morde derzeit in einem niederländischen Hochsicherheitsgefängnis sitzt. Die US-Drogenbehörde DEA stuft ihn als den Kopf von einem der 50 größten Drogenringe weltweit ein - über die Organisation soll etwa ein Drittel des Kokainhandels in Europa abgewickelt werden. 2019 hatte de Vries bereits bekannt gegeben, auf der Todesliste des Drogenbosses zu stehen.

Die Tat hat die Niederlande geschockt und auch Entsetzen im Ausland ausgelöst. Vertreter der EU und von Regierungen verurteilten den Anschlag als Angriff auf den Rechtsstaat. Internationale Journalistenverbände sprachen von einem Anschlag auf die Unabhängigkeit des Journalismus in Europa und forderten eine rückhaltlose Aufklärung.

Peter de Vries am 23. Juni 2021.
Peter de Vries am 23. Juni 2021.
Foto: AFP

De Vries ist der führende Kriminalreporter der Niederlande und tritt regelmäßig auch als Sprecher von Opfern bei Prozessen auf. Er hatte zudem an der Aufklärung mehrerer spektakulärer Fälle mitgewirkt. Regelmäßig ist er Gast bei TV-Talkshows. International bekannt wurde der Reporter 1987 mit seinem Bestseller über die Entführung des Bierbrauers Freddy Heineken. 2008 gewann er einen Emmy Award für seine Reportagen über den Fall von Natalee Holloway. Die Amerikanerin war 2005 auf Aruba verschwunden und vermutlich von einem Niederländer getötet worden.

So wird der Fall in der niederländischen Presse diskutiert

Die Tat dominierte die Schlagzeilen der niederländischen Presse am Mittwoch.
Die Tat dominierte die Schlagzeilen der niederländischen Presse am Mittwoch.
Foto: AFP

„De Telegraaf“: Mordanschlag ist Angriff auf den Rechtsstaat

Die Amsterdamer Zeitung „De Telegraaf“ kommentiert am Donnerstag den Mordanschlag auf den niederländischen Kriminalreporter Peter R. de Vries:  

„Klar ist, dass diese feige Tat ein neuer, direkter Angriff auf den Rechtsstaat ist. (...) Funktionäre und Politiker stellen schon seit einiger Zeit fest, dass die Drogen-Kriminalität in einer Stadt wie Amsterdam ein solches Ausmaß erreicht hat, dass die Gesellschaft aus den Fugen gerät. Auch vor Unterminierung wird gewarnt. Das Übel ist tief verwurzelt in bestimmten Stadtvierteln und Teilen der Gesellschaft. Der Ernst dieses Problems erfordert unorthodoxe Lösungen. Das kriminelle Gift muss mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden.“

„de Volkskrant“: Drogenkriminelle müssen stärker bekämpft werden

Zum Anschlag auf den prominenten Kriminalreporter Pieter R. de Vries in Amsterdam meint die niederländische Zeitung „de Volkskrant“ am Donnerstag: 


A man walks past electoral propaganda in Ecatepec, State of Mexico, on June 3, 2021. - On June 6, Mexicans will elect 500 members of the lower house of Congress as well as 15 state governors and thousands of local politicians. (Photo by PEDRO PARDO / AFP)
Wahlen in Mexiko: Wer sich bewirbt, der stirbt
Mexiko erlebt einen der blutigsten Wahlkämpfe seiner Geschichte. Parlament, Gouverneure und Bürgermeister werden am Sonntag neu gewählt.

„Es sieht sehr danach aus, dass der Anschlag auf das Konto durchgedrehter krimineller Organisationen geht. Der boomende niederländische Drogenhandel hat eine Generation von gewissenlosen Straftätern hervorgebracht, denen nichts heilig und für die ein Menschenleben nichts wert ist. Sie haben etliche Mordanschläge auf dem Gewissen, oft ausgeführt durch geringqualifizierte, chancenlose Jugendliche, die bereit sind für ein paar Hundert Euro eine lebenslange Gefängnisstrafe zu riskieren.

Die Staatsanwaltschaft und die Polizei gehen dagegen nur unzureichend vor. Sie sollten sich an einem Land wie Italien orientieren, das große Fortschritte bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität gemacht hat, die die Gesellschaft eisern im Griff hält. Die Niederlande sind noch kein Mafiastaat, aber ein Narkostaat, in dem Drogenkriminelle zu viel Macht erlangt haben.“ 


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