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Missbrauch: Eine Lawine losgetreten
Eine Studie beweist massiven Missbrauch in katholischer Kirche.

Missbrauch: Eine Lawine losgetreten

Foto: dpa
Eine Studie beweist massiven Missbrauch in katholischer Kirche.
International 3 Min. 12.09.2018

Missbrauch: Eine Lawine losgetreten

Vor wenigen Wochen löste eine öffentliche Studie über kirchlichen Missbrauch in Pennsylvania Entsetzen aus. Jetzt werden neue Zahlen auch für Deutschland bekannt. Für viele Katholiken ein Schock.

(KNA) Es war wohl eines der schwärzesten Jahre in der jüngeren Geschichte der katholischen Kirche in Deutschland. Ende Januar 2010 kam der Missbrauchsskandal ins Rollen und stürzte Bischöfe, Priester und Laien in eine tiefe Vertrauenskrise. Der Skandal öffnete zugleich den Weg für eine neue innerkirchliche Dialogkultur und stieß eine Reformdebatte an. Die Wogen glätteten sich wieder. Bis zum Mittwoch, als erste Ergebnisse der neuen Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz bekannt wurden.

Am Anfang stand ein Brief. Den schrieb Pater Klaus Mertes, damaliger Rektor des Berliner Jesuiten-Gymnasiums Canisius-Kolleg, an 600 Ehemalige. Die Botschaft: Patres des Ordens hätten in den 1970er und 80er Jahren Schüler sexuell missbraucht - und zwar systematisch und über Jahre. Der Brief, der am 28. Januar 2010 bekannt wurde, trat eine Lawine los: Der Skandal weitete sich auf andere Ordensschulen aus, er betraf auch evangelische Institutionen und weltliche Einrichtungen wie die Odenwaldschule, Sportvereine und auch die Grünen.

"Wie konnte solcher Missbrauch möglich sein - in einer Kirche, die für so hohe moralische Werte steht, die beansprucht, Antworten auf die tiefsten Fragen des Menschseins geben zu können?", fragte der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode. Die Fallhöhe ist tiefer als bei anderen Institutionen.

Katholiken kehren der Kirche den Rücken wie lange nicht

Eine Quittung: 2010 kehrten so viele Katholiken der Kirche den Rücken wie lange nicht, nämlich 181.193. Jesuitenpater Friedhelm Mennekes machte massive Auswirkungen auf die Seelsorge aus. "Früher habe ich mich nett mit den Menschen unterhalten, heute wird man sofort als potenzieller Verführer der Kinder gesehen", sagte er. Die Geistlichen stünden "mit dem Rücken zur Wand".

Die Bischöfe reagierten mit einer Serie von Maßnahmen. Im März 2010 baten sie die Opfer um Entschuldigung. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann wurde zum Missbrauchsbeauftragten ernannt, eine Hotline wurde eingerichtet. Im Sommer erließen die Bischöfe die Leitlinien für den Umgang mit den Tätern, die 2013 verschärft wurden. Darüber hinaus verabschiedeten sie ein Präventionskonzept.

Außerdem präsentierte die Bischofskonferenz als erste Institution ein Modell zur materiellen Anerkennung des Unrechts. Demnach sollen Opfer bis zu 5.000 Euro erhalten - für Kritiker allerdings eine zu geringe Summe.

Wert auf wissenschaftliche Aufarbeitung

Viel Wert legte die Bischofskonferenz auch auf die wissenschaftliche Aufarbeitung. Reibungslos verlief ein erstes Forschungsprojekt: Eine vom Direktor des Essener Instituts für Forensische Psychiatrie, Norbert Leygraf, durchgeführte Studie kam 2012 zu dem Schluss, dass Priester, die Minderjährige missbrauchen, in den seltensten Fällen pädophil seien. Die Taten würden zumeist vor dem Hintergrund einer persönlichen Krise begangen.

Als PR-Desaster erwies sich zunächst ein zweites, 2011 an den Hannoveraner Kriminologen Christian Pfeiffer vergebenes Forschungsprojekt: Es sollte durch Aktenstudien belastbare Zahlen zum Missbrauch erbringen, den Verlauf der Taten aus der Sicht der Opfer nachvollziehen, das Handeln der Täter analysieren und klären, wie sich die Kirche verhalten hat. Doch Anfang 2013 kündigten die Bischöfe die Zusammenarbeit auf. Das Vertrauensverhältnis zu Pfeiffer sei zerrüttet.

Kirchenintern gab es erhebliche Widerstände

Allerdings gab es wohl auch kirchenintern erhebliche Widerstände, weil der Wissenschaftler Einblick in möglichst viele Personalakten der 27 Bistümer erhalten sollte. Der mediengewandte Pfeiffer ließ sich das nicht bieten: Er sprach von Zensur und Aktenvernichtung. Zugleich ließ er allerdings durchblicken, dass er sexuellen Missbrauch in der Kirche für nicht weiter verbreitet hält als anderswo. Im Frühjahr 2014 nahmen die Bischöfe dann einen zweiten Anlauf und vergaben das Forschungsprojekt an einen Verbund von sieben Wissenschaftlern um den forensischen Psychiater Harald Dreßing.

Eigentlich sollten die Ergebnisse dieser Studie bei der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz am 25. September vorgestellt werden. Jetzt wurden erste Ergebnisse vorab bekannt: Zwischen 1946 bis 2014 zählt die Studie 3.677 überwiegend männliche Minderjährige als Opfer sexueller Vergehen. 1.670 Kleriker werden der Taten beschuldigt. Das sind Zahlen, die das Thema Missbrauch erneut mit großer Wucht auf die öffentliche Tagesordnung bringen werden.


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