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Minsk: 150.000 Menschen gegen Lukaschenko
International 8 4 Min. 13.09.2020

Minsk: 150.000 Menschen gegen Lukaschenko

Beobachter schätzten die Zahl der Teilnehmer der Demonstration auf insgesamt 150.000 Menschen.

Minsk: 150.000 Menschen gegen Lukaschenko

Beobachter schätzten die Zahl der Teilnehmer der Demonstration auf insgesamt 150.000 Menschen.
Foto: AFP
International 8 4 Min. 13.09.2020

Minsk: 150.000 Menschen gegen Lukaschenko

Die Wut über brutale Polizeigewalt und auch gegen Frauen treibt die Menschen in Belarus zu Zehntausenden auf die Straße. Der Machtapparat von Staatschef Lukaschenko reagiert mit vielen Festnahmen.

(dpa) - Zu Zehntausenden haben Menschen in Belarus (Weißrussland) trotz massiver Polizeigewalt auch gegen Frauen den fünften Sonntag infolge gegen den Machthaber Alexander Lukaschenko protestiert. „Wir haben hier die Macht!“, „Das ist unsere Stadt!“ und „Uchodi!“ - zu Deutsch: „Haub ab!“ - und „Freiheit!“, skandierten die Lukaschenko-Gegner in Minsk.

Sie kamen aus unterschiedlichen Richtungen im Zentrum zusammen - bei einem Protestzug unter dem Motto „Marsch der Helden“. Gewidmet war die Großkundgebung der inhaftierten Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa und anderen Mitgliedern der Demokratiebewegung. Beobachter schätzten die Zahl auf insgesamt 150.000 Menschen - mehr als am Sonntag vor einer Woche.

Mehr als 250 Menschen seien allein in Minsk festgenommen worden, teilte das Innenministerium am Nachmittag mit. Auch in anderen Städten des Landes gab es Proteste, darunter in Witebsk und in Grodno. In Witebsk ging die Polizei brutal gegen die friedlichen Demonstranten vor. Die Menschen seien wegen Teilnahme an einer nicht genehmigten Massenveranstaltung und wegen des Tragens unerlaubter Symbole in Gewahrsam gekommen, hieß es. In Brest setzten die starken Sicherheitskräfte einen Wasserwerfer gegen die Menschen ein. Viele Demonstranten trugen die historische weiß-rot-weiße Flagge von Belarus, die zu einem Wahrzeichen der Demokratiebewegung geworden ist.

Mobiles Internet von Behörden abgeschaltet

Die Hauptstadt glich einer Festung. Schon Stunden vor Beginn des Marsches bezog ein Großaufgebot von Polizei und Armee Stellung. Die Behörden schalteten das mobile Internet ab, damit sich die Protestierenden nicht über die Demonstrationsroute verständigen konnten. Metrostationen und Unterführungen waren gesperrt. Der Platz der Unabhängigkeit war von Uniformierten umstellt und mit Metallgittern abgeriegelt, wie ein Reporter der Deutschen Presse-Agentur berichtete. Am Palast der Republik im Stadtzentrum zogen Uniformierte auch Stacheldraht an den Metallgittern auf.


In this picture taken on August 6, 2020 Maria Kolesnikova, Viktor Babaryko's campaign chief, and supporters of presidential candidate Svetlana Tikhanovskaya parade through the streets of Minsk. - Belarus investigators said on September 9, 2020 prominent opposition figures Maria Kolesnikova and Maxim Znak had been detained in a national security probe as Minsk ramped up a crackdown on a protest movement. (Photo by Sergei GAPON / AFP)
Kolesnikowa stellt Strafanzeige wegen Morddrohung
Zwei Tage lang war die Oppositionelle Maria Kolesnikowa verschwunden. Nun sitzt sie in Untersuchungshaft - und erhebt schwere Vorwürfe gegen Geheimdienst und Sonderpolizei.

In vielen Seitenstraßen standen Gefangenentransporter und Sicherheitskräfte. In verschiedenen Stadtteilen bildeten die Menschen trotz der bedrohlichen Atmosphäre in der Stadt Kolonnen und bewegten sich in das Stadtzentrum - zur Straße Prospekt der Sieger. Von dort aus bewegte sich der Protestzug in Richtung Präsidentenpalast und zur Stelle für die Erinnerung an die Opfer des Zweiten Weltkriegs. Auf Luftaufnahmen von der Stelle war eine riesige Menschenmenge zu sehen.

Es gab Medien zufolge Warnschüsse in dem Viertel, in dem der Präsidentenpalast liegt. Eine Bestätigung der Behörden lag zunächst nicht vor. Dort hatte sich Staatschef Lukaschenko zuletzt auch selbst mit schusssicherer Weste und einer Kalaschnikow in der Hand gezeigt. Der Sicherheitsapparat versucht schon seit Wochen, die Proteste zu unterdrücken. Nach Einschätzung des Minsker Analysten Artjom Schraibman lösen aber vor allem die Polizeigewalt und die Festnahmen immer wieder neue Proteste aus. Dabei seien die Menschen insgesamt friedlich.


TOPSHOT - Belarus opposition supporters attend a rally to protest against the disputed August 9 presidential elections results in Minsk on September 6, 2020. - Tens of thousands of Belarusians staged a peaceful new march on September 6, keeping the pressure on strongman Alexander Lukashenko who has refused to quit after his disputed re-election and turned to Russia for help to stay in power. (Photo by - / TUT.BY / AFP)
Zehntausende bei Protesten in Belarus - viele Festnahmen
Belarus kommt auch vier Wochen nach der umstrittenen Präsidentenwahl nicht zur Ruhe.

Zwar hatte der Machtapparat zuletzt Oppositionelle entweder außer Landes oder ins Gefängnis gebracht. Aber die Menschen bräuchten keine Führung, sondern organisierten sich selbst, sagte die Bürgerrechtlerin Swetlana Tichanokowskaja. Die 38-Jährige ist aus Sicht der Protestbewegung die eigentliche Siegerin der Präsidentenwahl vom 9. August. Tichanowskaja hatte ihre Landsleute aus ihrem erzwungenen Exil im EU-Land Litauen aufgerufen, mutig zu sein und an dem Protestmarsch teilzunehmen.

Revolution ist im Gange 

„Die Frage ist jetzt, ob die Bewegung es schafft, dass Protestgeschehen auf diesem Niveau zu halten“, sagte der Politologe Waleri Karbelewitsch der dpa in Minsk. „Aber wenn noch mehr kommen und die Polizeigewalt gegen friedliche Bürger eskaliert, dann kann das Absetzungserscheinungen in der Beamtenschaft verstärken und für Lukaschenko gefährlich werden“, sagte der 65-Jährige bei einem Treffen. „Es ist eine Revolution, damit ist alles schwer vorhersehbar.“

Seit der Wahl vor mehr als einem Monat kommt es täglich im ganzen Land zu Protestaktionen. Der 66-jährige Lukaschenko hatte zuletzt die Spitze des Sicherheitsapparats ausgewechselt und ein härteres Durchgreifen gegen die Demonstranten gefordert. Bei den traditionell am Samstag organisierten Frauenprotesten gingen maskierte Uniformierte ohne Erkennungszeichen hart mit Gewalt gegen Demonstrantinnen vor. Es gab mehr als 100 Festnahmen. Mehrere Frauen verletzten sich im Handgemenge mit den Sicherheitskräften.

Lukaschenko hat mehrfach betont, dass er auch nach 26 Jahren im Amt alles tun werde, um an der Macht zu bleiben. Der Verfassung nach muss die Amtseinführung innerhalb von zwei Monaten nach der Wahl erfolgen - also bis spätestens 9. Oktober. Offiziell läuft seine fünfte Amtszeit im November aus.

Gewidmet war die Großkundgebung der inhaftierten Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa und anderen Mitgliedern der Demokratiebewegung.
Gewidmet war die Großkundgebung der inhaftierten Oppositionsführerin Maria Kolesnikowa und anderen Mitgliedern der Demokratiebewegung.
Foto: AFP

Es wird erwartet, dass sich Lukaschenko bei einem für diesen Montag geplanten Besuch bei seinem russischen Kollegen Wladimir Putin Unterstützung holt und dann das Datum für die sechste Amtseinführung bekanntgibt. Das Treffen ist in Sotschi am Schwarzen Meer geplant.

Putin hatte seinem angeschlagenen Kollegen zuletzt auch Truppen in Aussicht gestellt, sollte die Lage in dem Land mit mehr als neun Millionen Einwohnern zwischen dem EU-Mitglied Polen und Russland eskalieren. Die Streitkräfte Russlands und von Belarus wollen von diesem Montag an elf Tage eine Militärübung abhalten. Geplant ist das Manöver an der Grenze zu Polen.


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