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Migration und Menschenhandel: „Kinder leiden am meisten“
International 3 Min. 20.11.2019

Migration und Menschenhandel: „Kinder leiden am meisten“

Entführt, verschleppt, ausgebeutet: Flüchtlingskindern widerfährt bisweilen Schreckliches auf ihrem Weg nach Europa.

Migration und Menschenhandel: „Kinder leiden am meisten“

Entführt, verschleppt, ausgebeutet: Flüchtlingskindern widerfährt bisweilen Schreckliches auf ihrem Weg nach Europa.
Foto: AFP
International 3 Min. 20.11.2019

Migration und Menschenhandel: „Kinder leiden am meisten“

Jan Dirk HERBERMANN
Jan Dirk HERBERMANN
Auf ihrem Weg in eine vermeintlich bessere Welt geraten immer mehr Mädchen und Jungen in die Fänge von skrupellosen Menschenhändlern. Hilflos und schutzlos, werden viele der Heranwachsenden versklavt.

Libyen war der Horror für ihn. Ibrahim Kondeh schleppte sich durch die Wüste des nordafrikanischen Krisenlandes. „Die Bedingungen waren sehr, sehr hart“, sagt der Jugendliche aus Sierra Leone später gegenüber dem Kinderhilfswerk Unicef. In der flimmernd-heißen Einöde traf Ibrahim einen anderen Jungen, der sich auch nach Europa durchschlagen wollte. Beide träumten von einem besseren Leben auf dem Kontinent jenseits des Mittelmeeres. Ibrahims Weggefährte starb in der Wüste. Später geriet Ibrahim in Libyen in die Fänge von Menschenhändlern.

Ein Dasein als Sklave

Sie erpressten ihn: Entweder könne sich Ibrahim freikaufen oder es drohe ein Dasein als Sklave. Da der junge Westafrikaner kein Geld hatte und auch seine verwitwete Mutter mittellos war, musste er sich fügen. Er schuftete in der Landwirtschaft und auf Baustellen, als Lohn gab es nur karge Mahlzeiten. So wie Ibrahim geht es jährlich Tausenden von Kindern: Sie werden entführt, verschleppt und auf brutalste Weise ausgebeutet. Ihr bedrückendes Schicksal rückt am Internationalen Tag der Kinderrechte am Dienstag besonders in den Blickpunkt.

„Die Zahl der Opfer des Menschenhandels steigt an“, warnte der Exekutivdirektor des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC), Juri Fedotow, schon Anfang des laufenden Jahres. Das kriminelle Business habe eine „schreckliche Dimension“ erreicht. Fast alle Länder sind betroffen: Als Herkunftsland, als Transitland oder als Land, wo die Versklavung stattfindet.

Die Experten des UNODC berichten von einem weiteren beunruhigenden Trend: Bewaffnete Gruppen finanzieren mit Menschenhandel teilweise ihre Aktivitäten – und sie pressen die Opfer in ihre Einheiten. Der Einsatz von Kindersoldaten gehört in etlichen Konflikten Afrikas und des Nahen und Mittleren Ostens zur grausamen Norm. Traurige Beispiele sind Südsudan oder Syrien. Die Kleinen werden zu gewissenlosen Killern abgerichtet, müssen ihr Leben als Selbstmordattentäter hingeben, werden für harte Arbeit hinter den Kampflinien herangezogen oder als Sexsklaven missbraucht.

Schutzlos und hilflos sind viele Flüchtlingskinder den kriminellen Machenschaften von skrupellosen Menschenhändlern ausgeliefert.
Schutzlos und hilflos sind viele Flüchtlingskinder den kriminellen Machenschaften von skrupellosen Menschenhändlern ausgeliefert.
Foto: AFP

Das Martyrium von Nadia Murad

Als eines der bekanntesten Vergewaltigungsopfer gilt Nadia Murad von der Volksgruppe der Jesiden. Terroristen des „Islamischen Staates“ überrannten ihr Dorf im Irak, als Nadia 19 Jahre alt war. Sie und Tausende andere jesidische Mädchen und Frauen mussten ein Martyrium als Sexsklavinnen erdulden. Nadia konnte fliehen. Ihr Kampf für die Würde der Opfer wurde mit dem Friedensnobelpreis 2018 belohnt.


In der Vergangenheit kannte man Fälle von Menschenhandel überwiegend aus dem Prostitutionsmilieu. Inzwischen häufen sich Fälle von Ausbeutung in der normalen Arbeitswelt, vor allem im Bausektor, im Gaststättengewerbe und in Privathaushalten.
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In Luxemburg sind Fälle von Menschenhandel keine Seltenheit. Oft werden die Opfer sexuell ausgebeutet. Was zunimmt, ist Ausbeutung in der Arbeitswelt, so die Menschenrechtskommission in ihrem jüngsten Bericht.

In Konfliktsituationen nutzen auch einfache kriminelle Banden die Gunst der Stunde. So berichtet das UN-Büro von Menschenhändlern, die in Camps mit Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Myanmar ihr Unwesen treiben. Die chaotischen Zustände in den Lagern machen es den Banden leicht, auf Menschenjagd zu gehen.

Physische und psychische Qualen

Viele der Täter brauchen keine Konsequenzen zu befürchten. „Wir sind immer noch weit davon entfernt, die Straffreiheit zu beenden“, kritisiert UN-Direktor Fedotow. Zumal in den brüchigen und gescheiterten Staaten Afrikas und des Nahen Ostens fällt eine konsequente Strafverfolgung der Menschenhändler unter den Tisch. Viele Opfer des Menschenhandels jedoch leiden selbst Jahre nach ihrer Befreiung noch unter psychischen und physischen Qualen.


Schätzungen zufolge sind von 2014 bis jetzt 19.005 Menschen im Mittelmeer ertrunken.
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Ein Kindersklave aber kämpfte sich nach seiner Befreiung aus den Klauen der Menschenhändler zurück ins Leben: Ibrahim Kondeh aus Sierra Leone. Er überquerte mit einem Boot das Mittelmeer und erreichte als 17-Jähriger im Jahr 2017 Italien. „Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich lachte oder lächelte, seitdem ich mein Land verlassen hatte.“

Zunächst lebte er in einem Lager, dann machte er ein Praktikum für Blogging, arbeitete als Reporter für Unicef und veröffentlichte sein Tagebuch. Und der Junge aus Sierra Leone sagt aus eigener Erfahrung über den Abschied von der Heimat: „Kinder leiden am meisten.“ 


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