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Michail Gorbatschow ist tot
International 6 1 7 Min. 31.08.2022
Friedensnobelpreisträger

Michail Gorbatschow ist tot

Gorbatschow anlässlich eines Besuchs in Luxemburg im Jahr 2010.
Friedensnobelpreisträger

Michail Gorbatschow ist tot

Gorbatschow anlässlich eines Besuchs in Luxemburg im Jahr 2010.
Foto: Marc Wilwert
International 6 1 7 Min. 31.08.2022
Friedensnobelpreisträger

Michail Gorbatschow ist tot

Zweimal hatte der Politiker ein Rendezvous mit der Weltgeschichte. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere gestaltete er sie mit - bevor er seine Macht verlor.

(KNA/mer) - Michail Gorbatschow, ehemaliger Staats- und Parteichef der Sowjetunion, und Friedensnobelpreisträger von 1990, ist tot. Nach Angaben der russischen Agentur Interfax vom Dienstagabend starb er im Alter von 91 Jahren. „Er war ein Politiker, der mit Überzeugung die Trennung zwischen Ost und West zum Fallen brachte“, würdigte Außenminister Jean Asselborn gegenüber dem „Luxemburger Wort“ den Verstorbenen. Gorbatschow, den er einmal in Moskau getroffen habe, sei „ein großer russischer Staatsmann“ gewesen, „mit dem der Welt dieser barbarische Krieg in der Ukraine erspart geblieben wäre“.

Ein großer russischer Staatsmann, mit dem der Welt dieser barbarische Krieg in der Ukraine erspart geblieben wäre.  

Außenminister Jean Asselborn

Gorbatschows Politik der Öffnung und Entspannung trug maßgeblich zum Ende des sogenannten Kalten Krieges bei. 1990 erhielt er dafür den Friedensnobelpreis. Im Inneren dagegen trugen seine Reformbemühungen wenig Früchte. Auch gelang es ihm nicht, die nationalen Fliehkräfte innerhalb der Sowjetunion zu bändigen. Der Staat hörte Ende 1991 auf zu existieren; Gorbatschow legte am 25. Dezember sein letztes Amt als Präsident nieder.  

Der Sohn eines russischen Vaters und einer ukrainischen Mutter war von März 1985 bis August 1991 Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und von März 1990 bis Dezember 1991 Staatspräsident der Sowjetunion. 

Sohn einer Bauernfamilie

Der im Dorf Priwolnoje in der Region Stawropol geborene Sohn einer Bauernfamilie studierte von 1950 bis 1955 Jura in Moskau, bevor er zunächst als Funktionär der Jugendorganisation Komsomol, später dann als Vertreter der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) nach Stawropol zurückkehrte und eine politische Karriere einschlug. Zusätzlich absolvierte er ein Diplomstudium als Agraringenieur.

Sehen Sie hier ein Porträt der „Welt“ zu seinem 90. Geburtstag:

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Politische Karriere

Seit 1971 gehörte er dem Zentralkomitee der KPdSU an, ab 1980 war er Vollmitglied des Politbüros. 

Damit gelangte er in Moskau in den innersten Zirkel der Macht. 1985 übernahm Gorbatschow mit 54 Jahren den Posten an der Spitze der KPdSU als Generalsekretär; 1988 wurde er nach dem Rücktritt von Andrei Gromyko (1909-1989) zusätzlich Präsident der Sowjetunion.    

In den 1980er-Jahren hatte die Sowjetunion unter Gorbatschows Führung mit den USA wegweisende Verträge zur atomaren Abrüstung und Rüstungskontrolle geschlossen. In seiner Heimat hatte Gorbatschow als Generalsekretär der Kommunistischen Partei mit seiner Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) einen beispiellosen Reformprozess eingeleitet. Das brachte den Menschen in dem totalitären System bis dahin nie da gewesene Freiheiten.

Gorbatschow kritisierte mehrfach die Politik des aktuellen Präsidenten Putin. Das Bild zeigt die beiden Politiker im Jahr 2000.
Gorbatschow kritisierte mehrfach die Politik des aktuellen Präsidenten Putin. Das Bild zeigt die beiden Politiker im Jahr 2000.
Foto: DPA

1990 erhielt Gorbatschow für seine mutigen Reformen den Friedensnobelpreis. Der politische Prozess führte zu massiven Umbrüchen in allen Republiken des Sowjetstaates und letztlich zu einem Zusammenbruch des kommunistischen Imperiums.

Ein Großteil der russischen Bevölkerung sah den früheren Partei- und Staatschef stets als Totengräber der Sowjetunion – und als einen Politiker ohne Machtinstinkt. Gorbatschow trat als Präsident der Sowjetunion 1991 zurück, bevor sich der Staat wenig später selbst auflöste. Der neue starke Mann in Moskau wurde damals der russische Präsident Boris Jelzin (1931-2007).    

Auch nach seinem Rücktritt gefragt

Nach seinem Rücktritt blieb er als Redner und Autor gefragt. Immer wieder meldete er sich zu aktuellen politischen Fragen zu Wort, etwa über seine eigene Stiftung zu sozioökonomischen und politischen Studien oder im Petersburger Dialog, der sich den deutsch-russischen Beziehungen widmet. Einen tiefen Einschnitt in Gorbatschows Leben bedeutete der Krebstod seiner Frau Raissa (1932-1999), wie er selbst in seinen Memoiren bekannte.  

Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (r) mit dem damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow (l) und dessen Frau Raissa während eines Arbeitsbesuch im Jahr 1990 bei einem Spaziergang.
Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (r) mit dem damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow (l) und dessen Frau Raissa während eines Arbeitsbesuch im Jahr 1990 bei einem Spaziergang.
Foto: DPA

Bis zu seinem Tod hatte Gorbatschow sich um seine eigene politische Stiftung in Moskau verdient gemacht. Die Organisation setzt sich für demokratische Werte und eine Annäherung Russlands an den Westen ein.

Gorbatschow schrieb zahlreiche Bücher – zuletzt unter anderem auch über seine Enttäuschung von den Deutschen und dem Westen. Konkret beklagte er dabei, dass neue Feindbilder gegen Russland gezeichnet würden. Zu den Feiern zum 30. Jahrestag des Mauerfalls im Herbst 2019 war er aus Gesundheitsgründen nicht gereist. Er musste in den vergangenen Jahren immer wieder im Krankenhaus behandelt werden.

Der Politiker war Miteigentümer der kremlkritischen Zeitung „Nowaja Gaseta“, die immer wieder Missstände in Russland aufdeckt. Gorbatschow hatte in den vergangenen Jahren Kremlchef Wladimir Putin mehrfach aufgefordert, die Freiheit der Medien und Wahlen nicht weiter einzuschränken.

Der Staatsmann wird in Moskau auf dem Neujungfrauenfriedhof für Prominente beerdigt – neben seiner Frau Raissa. 

Zur Verleihung des «Point-Alpha-Preises» im Jahr 2005 winken der ehemalige US-Präsident George Bush (l-r) senior, der frühere sowjetische Präsident Michail Gorbatschow und Altbundeskanzler Helmut Kohl an der hessisch-thüringischen Landesgrenze.
Zur Verleihung des «Point-Alpha-Preises» im Jahr 2005 winken der ehemalige US-Präsident George Bush (l-r) senior, der frühere sowjetische Präsident Michail Gorbatschow und Altbundeskanzler Helmut Kohl an der hessisch-thüringischen Landesgrenze.
Foto: DPA

 

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