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Menschenleere Straßen, Chaos am Airport
International 5 Min. 16.08.2021 Aus unserem online-Archiv
Taliban übernehmen Kabul

Menschenleere Straßen, Chaos am Airport

Am Flughafen von Kabul warten verzweifelte Menschen auf die Möglichkeit zur Flucht.
Taliban übernehmen Kabul

Menschenleere Straßen, Chaos am Airport

Am Flughafen von Kabul warten verzweifelte Menschen auf die Möglichkeit zur Flucht.
Foto: AFP
International 5 Min. 16.08.2021 Aus unserem online-Archiv
Taliban übernehmen Kabul

Menschenleere Straßen, Chaos am Airport

Die Machtübernahme der Taliban in Kabul verändert das Stadtbild. Auf dem Flughafen herrscht Chaos. Ein Stimmungsbericht.

(dpa) - Ferdaus Sabur hat eine Angewohnheit: Jeden Morgen nach dem Frühstück lehnt er sich ans Fenster seiner Wohnung und sieht dem Treiben in seiner Nachbarschaft in Kabul zu. Dort laufen normalerweise aufgeweckte Schülerinnen in ihren Uniformen die Straßen auf und ab, Tagelöhner sitzen neben ihren Schubkarren und warten auf Arbeitgeber. Der Verkehr ist dicht und laut, zwischen den Autos schlängeln sich Jungs auf desolaten Fahrrädern durch. An diesem Montagmorgen aber bot sich dem Afghanen ein ganz neues Bild: Saburs Straße war menschenleer, und mitten auf ihr hatten nun Kämpfer der militant-islamistischen Taliban Stellung bezogen.

Taliban-Kämpfer kontrollieren die Straßen.
Taliban-Kämpfer kontrollieren die Straßen.
Foto: AFP

Die Aufständischen waren nach ihrem Eroberungszug durchs ganze Land am Sonntag vor den Toren Kabuls angelangt, und nachdem der Präsident Aschraf Ghani geflohen war, ab Sonntagabend nach und nach in die Stadt gekommen. Sechs Taliban zählte Sabur nun, die rund um einen offenbar vom Geheimdienst übernommenen Pick-up Truck standen. Manche hatten lange Bärte, manche glatt rasierte Gesichter. Waffen trugen sie alle.

Zu kontrollieren, wenn sie es denn vorhatten, gab es für die Männer nicht viel, sagt Sabur. Kaum jemand habe sich auch heute auf die Straße gewagt. „Nicht mal Männer haben den Mut, nach draußen zu gehen“, sagt er. Praktisch seine gesamte Nachbarschaft halte sich weiter verbarrikadiert. Sie wüssten doch noch von früher, dass ein kleiner Fehler, den man vor Taliban begeht, tödlich sein kann. Die Islamisten beschäftigten sich, indem sie Selfies von sich schossen.

Menschenleere Straßen


Afghan people sit as they wait to leave the Kabul airport in Kabul on August 16, 2021, after a stunningly swift end to Afghanistan's 20-year war, as thousands of people mobbed the city's airport trying to flee the group's feared hardline brand of Islamist rule. (Photo by Wakil Kohsar / AFP)
Evakuierung aus Kabul hat begonnen, Landeverbot aufgehoben
Auf dem Airport der afghanischen Hauptstadt blockierten Menschen die Landebahn; die Rettungsflugzeuge drehten bis 23 Uhr Warteschleifen.

Die allermeisten Schulen der Stadt blieben am Montag geschlossen. Auch die Geschäfte, Banken oder der Geldwechslermarkt hatten weiter zu. Nur ganz vereinzelt trauten sich Eisverkäufer oder Gemüsehändler auf die Straßen, die auf ihren Holzkarren am Straßenrand Auberginen oder Zwiebeln feilboten.

Andere wiederum trieb massivste Verzweiflung aus dem Haus, aber nur an einen Ort: den Flughafen Kabul. Seit Sonntag hatten sich Hunderte, ja vielleicht Tausende Menschen auf den Weg dort hin gemacht in der Hoffnung, aus dem Land zu kommen. Manche von ihnen standen auf Listen westlicher Länder und sollten geordnet evakuiert werden. Andere hatten Linienflüge gebucht und wollten so das Land verlassen. Wieder viele andere fuhren einfach auf gut Glück hin, oder weil sie die unwahren Gerüchte gehört hatten, Kanada würde 20.000 Afghanen ausfliegen. Auch Polizisten, Geheimdienstler und Soldaten schlugen sich zum Flughafen durch.

Chaotische Zustände

Einer von ihnen, ein Offizier der Armee, erzählt am Montag in einer Sprachnachricht: Von geordneten Evakuierungen könne keine Rede sein. Menschen seien am Sonntag einfach über die offene Luke in eine Militärmaschine der USA gerannt, ohne jegliche Überprüfung ihrer Dokumente. US-Soldaten hätten versucht, sie mit Tränengas und Schlägen aufzuhalten und sie wieder aus dem Flugzeug zu zerren, ohne Erfolg. Die Maschine sei dann einfach so gestartet. Nachdem sein Kommandeur bereits in der Maschine vor ihm ausgeflogen worden war, sei auch er in diese so chaotisch besetzte Maschine gelaufen und habe sich in einer Ecke versteckt. Er selbst sitze nun ohne jegliche Dokumente in Doha und wisse nicht, wie es weitergehe.

Amerikanische Soldaten sollen evakuiert werden.
Amerikanische Soldaten sollen evakuiert werden.
Foto: AFP

Am Montag wurden die Menschen am Flughafen offenbar noch verzweifelter. Sie versuchten auf allen Wegen, in Flugzeuge hineinzukommen. Dutzende Menschen liefen laut Videos, die im Netz kursierten, auf der Rollbahn neben den startenden Maschinen entlang, manche klammerten sich an diesen fest. 

In sozialen Medien wurden mit äußerstem Entsetzen dann Videos geteilt, auf denen von den gestarteten Fliegern aus beträchtlicher Höhe fallende Menschen zu sehen sein sollen. „Wenn das die Welt nicht aufrüttelt, was dann“, kommentierte ein junger Mann das Video.

Von der Regierung des geflüchteten Präsidenten Ghani war am Montag praktisch nichts zu sehen. Nur der Gesundheitsminister ging offenbar in sein Ministerium und traf den von den Taliban vorgesehenen Mann für seinen Posten. Man tauschte Nettigkeiten aus, und schließlich rief der designierte Taliban-Gesundheitsminister das Gesundheitspersonal im Land dazu auf - Frauen wie Männer - die Arbeit im ganzen Land wieder aufzunehmen. 


TOPSHOT - Taliban fighters sit on a vehicle along the street in Jalalabad province on August 15, 2021. (Photo by - / AFP)
Taliban in Kabul eingerückt - UN-Sicherheitsrat berät
In weniger als zwei Wochen haben die Taliban Provinz für Provinz in Afghanistan erobert - nun sind die Islamisten auch in die Hauptstadt Kabul eingerückt.

Der Verteidigungsminister Bismillah Chan Mohammadi meldete sich auf Twitter mit einer Schimpftirade. Er sei nicht so skrupellos, mit den Mördern von Tausenden Sicherheitskräften und unschuldigen Zivilisten an einem Tisch zu sitzen und seine Unterstützung für diese Terrorgruppe zu erklären. Er versprach, Afghanistan von diesen Terroristen zu befreien. Niemand weiß so genau, wo Mohammadi ist. Er stammt aber aus der Provinz Pandschir, der einzigen Provinz im Land, die die Taliban noch nicht eingenommen haben. Dort wird bereits davon gesprochen, einen „zweiten Widerstand“ gegen die Taliban aufzubauen.

Taliban-Führung wird in Kabul erwartet

Wie das Land nun geführt werden soll, ist völlig offen. Der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig von der Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network sagte, er erwarte, dass die Taliban-Führung, die Berichten zufolge seit Jahren in Pakistan lebte, nun nach Afghanistan komme. Wenn auch nicht nach Kabul, dann nach Kandahar im Süden, wo bereits während ihrer früheren Herrschaft ihr maßgeblicher Führungsrat saß. 


A Chinese paramilitary police stands guard outside the Afghanistan embassy in Beijing on August 16, 2021. (Photo by Noel Celis / AFP)
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Ob in der Zukunft auch andere Politiker an der Macht beteiligt werden, ist weitgehend offen. Immerhin hätten die Taliban ihr Islamisches Emirat noch nicht ausgerufen, sagt Ruttig. Auch Vizechef Mullah Abdul Ghani Baradar habe zuletzt von einem „integrativen islamischen System“ gesprochen. Aktuell könne man nur hoffen, dass es eine Konsolidierung gebe und die Taliban alle Versprechen, die sie gegenüber den Menschen gemacht hätten, auch einhalten. 

Sabur stand am Montagabend wieder an seinem Fenster, die Taliban waren noch immer da, die Straße weiter menschenleer - keine der jungen Paare, die dort sonst flanierten oder Frauen, die schnell für kleine Einkäufe in ein Geschäft um die Ecke huschten. „Das ist nicht mehr mein Kabul“, sagt er schließlich.    

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